Spielfilm „The History of Sound“: Liebe im Anklang
„The History of Sound“ ist ein melancholisch-schwules Liebesdrama von Oliver Hermanus. Paul Mescal und Josh O’Connor sind in den Hauptrollen.
Zumindest Paul Mescal zeigte sich in Cannes wenig erfreut. Dass sein neuer Film einige Kritikerinnen und Kritiker an den schwulen Kultklassiker „Brokeback Mountain“ (2006) erinnert, finde er „ehrlich gesagt ziemlich faul und frustrierend“, erklärte der irische Schauspieler („Hamnet“) während der Pressekonferenz anlässlich der Weltpremiere von „The History of Sound“ an der Côte d’Azur. Er sehe keine Parallelen – abgesehen davon, fügte er hinzu, dass seine Figur Lionel und dessen Geliebter David (Josh O’Connor) zwischenzeitlich Zeit in einem Zelt verbringen.
So wenig souverän diese demonstrative Abwehrhaltung auch wirken mag, so zutreffend ist letztlich doch Paul Mescals Einwand. Zwar handelt es sich sowohl bei „Brokeback Mountain“, der Filmemacher Ang Lee den Oscar für die beste Regie einbrachte, als auch bei „The History of Sound“ strenggenommen um Historiendramen – wenngleich erstere Westernromanze in den 1960er Jahren angesiedelt ist, während der Film des südafrikanischen Regisseurs Oliver Hermanus („Living“) deutlich früher einsetzt: zur Zeit um den Ersten Weltkrieg.
Darüber hinaus erzählen beide Filme von einer verborgenen Liebe zwischen zwei Männern, denen weniger gemeinsame Zeit vergönnt ist, als sie sich wohl erhofft haben dürften. Doch schon in diesem kleinen, unscheinbaren „wohl“ offenbart sich jener feine, doch fundamentale Unterschied, der die beiden Werke im Innersten voneinander scheidet. Nicht in der zeitlichen Verortung, sondern im Tonfall besteht die eigentliche Differenz. Er platziert die Filme geradezu an entgegengesetzten Polen eines atmosphärischen Spektrums.
Sinnlichkeit in absentia
Denn „Brokeback Mountain“ mag teils dafür kritisiert worden sein, leidige Stereotype über homosexuelle Liebesgeschichten zu bedienen, wonach diese unweigerlich in Tragik und Tod münden – doch das Melodram ließ keinerlei Zweifel an der Tiefe der Liebe zwischen den von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal verkörperten Männern. „The History of Sound“ hingegen wählt einen so zurückgenommenen Zugriff, dass die Liebe bisweilen eher behauptet als sinnlich erfahrbar wird.
„The History of Sound“. Regie: Oliver Hermanus. Mit Paul Mescal, Josh O'Connor u.a. USA/Vereinigtes Königreich 2025, 128 Min.
Für einen Film, der mit dem Sinnlichen selbst beginnt, ist das durchaus bemerkenswert. Lionel Worthing (Mescal), der unter ärmlichen Bedingungen auf einer kargen Farm in Kentucky aufwächst, kann Klänge „sehen“, sie manifestieren sich für ihn in Formen und Farben. Der Ton „D“ etwa sei gelb, sagt die Erzählstimme seines älteren Ichs (Chris Cooper) anfangs aus dem Off. Sogar schmecken könne er die Musik: „Mein Vater spielte in h-Moll, und ich hatte einen bitteren Geschmack im Mund.“
Dieses außergewöhnliche Talent ist es, das seine Lehrerin dazu veranlasst, einen Musikprofessor in Boston zu kontaktieren und das ihn schließlich an das New England Conservatory of Music führt. Eines Abends sitzt er dort in einem Pub, plaudert bei Bier mit Kommilitonen, als plötzlich ein Klavier erklingt. Lionel erkennt darin rasch ein Volkslied aus seiner Heimat – „Across the Rocky Mountains“ – und wendet sich fasziniert dem Mann zu, der mit dem Rücken zu ihm am Piano sitzt. Noch ehe er sich also zu David hingezogen fühlt, zieht ihn die Musik an.
Feinste Nuancen
Schon in diesen ersten Momenten treten die Unterschiede zwischen den beiden Männern zutage. Lionel ist in sich gekehrt, beinahe scheu, ein stiller Beobachter mit gescheiteltem Haar hinter einer schmalen randlosen Brille. Paul Mescal füllt diese Stille mit einer Intensität, die sich aus feinsten Nuancen speist; in seinem Gesicht, in kaum merklichen Regungen, lässt sich ein ganzes Spektrum an Gefühlswallungen lesen. David hingegen pflegt eine leichtere, spielerische, fast spöttische Gewandtheit im Auftreten.
Mit einer Zigarette im Mundwinkel, einem schiefen Lächeln und halb zusammengekniffenen Augen fordert er den ihm noch Fremden auf zu singen. Lionel stimmt schließlich „Silver Dagger“ an – ein Lied, in dem eine umworbene Frau ihren Verehrer auf Distanz hält, ihn gar eindringlich warnt, sich ihr zu nähern. „All men are false, says my mother / They’ll tell you wicked, loving lies“, heißt es darin.
Es ist das erste von vielen Malen, in denen „The History of Sound“ mit seinen Liedtexten gleich einem Menetekel vorwegnimmt, was sich später zwischen den beiden entfalten – und zugleich verlieren – wird.
Ellipsen der Leidenschaft
Oliver Hermanus, der für sein Drama „Beauty“ (2011) bereits mit der „Queer Palm“ der Filmfestspiele von Cannes ausgezeichnet wurde, inszeniert die weitere Annäherung zwischen den beiden Männern auffallend verhalten. Das gilt sowohl für die körperlich-sexuelle Ebene – die in einer elliptischen Setzung schlicht in den nächsten Morgen überblendet wird – als auch für den alltäglichen Umgang. Kaum je ereignet sich ein intimes Gespräch zwischen Lionel und David. Sofern sich zwischen ihnen eine wahrliche Bindung ausbildet, geschieht das jenseits der Leinwand.
Empfohlener externer Inhalt
Trailer „The History of Sound“
„Werkgetreu“ ist „The History of Sound“ damit durchaus. Die gleichnamige Kurzgeschichte von Ben Shattuck, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, arbeitet ebenfalls stark mit Auslassungen. Allerdings verschiebt sich im Übergang vom Text zum Film die Erzählhaltung entscheidend. Die literarische Vorlage ist von Beginn an als Verlustgeschichte erkennbar, die Leerstellen sind damit womöglich das Ergebnis der Lücken der Erinnerung.
Der Film hingegen verortet sich stärker in der Gegenwart des Erlebens. Zwar tritt sporadisch besagte ältere Erzählstimme in Erscheinung, die eine rückblickende Dimension anklingen lässt, doch präsentiert sich „The History of Sound“ vor allem als Geschichte des Augenblicks. Das weckt die Erwartung, gemeinsam mit Lionel in diese Beziehung einzutauchen – und zu erkunden, was sie bereithalten möge.
„Schick Schokolade, stirb nicht“
Besonders viel ist das allerdings nicht. Nur wenige Szenen später zieht David in den Ersten Weltkrieg, und Lionel bleiben nur drei knappe Anweisungen zu formulieren: „Schreib. Schick Schokolade. Stirb nicht.“ An Letzteres allein wird David sich halten. Der Film folgt währenddessen Lionel zurück auf die Farm seiner Familie, verharrt dort über weite Strecken in einer eigentümlichen Ereignisarmut, bis er nach langem Warten auf einen Brief hin zu David zurückkehrt.
Lionel soll ihn begleiten, um im Rahmen eines Auftrags der Universität gemeinsam Lieder zu sammeln und zu bewahren. In der poetischsten Phase des Films ziehen die beiden Männer mit einem Phonographen durch das ländliche Amerika, um die von vielen Stimmen überlieferten Songs, ähnlich akustischer Zeitkapseln, auf Wachs zu bannen. Die sanfte Melancholie dieser Passagen weckt Assoziationen zu den Arbeiten von Kelly Reichardt („The Mastermind“), insbesondere ihren Neo-Western „First Cow“ (2019).
Ein Vergleich, der Paul Mescal vermutlich ebenso wenig behagen dürfte wie die „Brokeback Mountain“-Parallelen, denn dort geht es tatsächlich „nur“ um eine zärtliche Freundschaft, nicht ausdrücklich um die Liebe zwischen zwei Männern. Ab dem erneuten Aufeinandertreffen aber wird die Wortlosigkeit zwischen ihnen immerhin greifbar gemacht. Der Krieg hat David spürbar gezeichnet, und das Trauma der Erfahrungen verleiht dem Schweigen erstmals eine nachvollziehbare Schwere.
Doch auch das vermag nicht über den eklatanten Mangel an erzählerischer Substanz hinwegzutäuschen, über das Versäumnis, die schmale literarische Vorlage für eine über zweistündige Spielzeit anzureichern. Die nämlich ist erst zur Hälfte verstrichen, als sich die Wege der beiden Männer erneut trennen.
Verlangen bleibt abstrakt
Weshalb, das bleibt ebenfalls im Ungefähren. Gewiss ist eine homosexuelle Beziehung zu dieser Zeit scharfen Restriktionen unterworfen, doch Oliver Hermanus gelingt es gar nicht erst, das Verlangen danach spürbar zu machen. Recht routiniert folgt „The History of Sound“ stattdessen Lionel auf dem Lebensweg, den sein Talent ihm vorzeichnet – und entfernt sich damit zunehmend von einem emotionalen Kern, der zuvor nur flüchtig gestreift wurde.
Was bleibt, ist ein musikalisch aufgeladenes Porträt verpasster Chancen, durchaus durchzogen von einer leisen, zutiefst humanistischen Grundstimmung – das bis zum Finale jedoch nie die Kraft entfaltet, die es eigentlich verspricht. Ausgerechnet bei einem solchen Thema hat man sich im Ton vergriffen, und so selbst die verheißungsvolle Möglichkeit auf ein „Mehr“ vertan.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert