Soziologin zu Rollenbildern in der Krise: „Frauen sind besonders getroffen“

Mareike Bünning erforscht, wie sich der Alltag der Menschen durch die Corona-Krise verändert. Der taz berichtet sie von ihren ersten Ergebnissen.

Eine Frau setzt einer Schaufensterpuppe eine Mundschutzmaske auf

Masken für Schaufensterpuppen: Im Modemuseum in Brandenburg Foto: Jens Büttner/dpa

taz: Frau Bünning, die erste Auswertungsrunde Ihrer Studie befasst sich mit Arbeit während der Coronakrise. Wie geht es den Menschen gerade damit?

Mareike Bünning: Die Pandemie wirkt sich spürbar auf das Wohlbefinden der Menschen aus. In allen Bevölkerungsgruppen steigen die Sorgen vor Arbeitsplatzverlust und finanzielle Sorgen tendenziell an. Auch die Arbeitszufriedenheit ist tendenziell zurückgegangen – soweit der allgemeine Trend. Unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sind aber unterschiedlich stark getroffen.

Wer macht sich die größten Sorgen um den Arbeitsplatz?

Das sind allen voran die Selbstständigen, aber auch Personen, deren Einkommen ohnehin knapp ist. Und es sind Personen, die aufgrund der aktuellen Situation nicht arbeiten können.

Wie geht es gerade den Eltern?

Für Eltern, die jetzt im Homeoffice sind, ist das eine riesige Herausforderung, denn man hat zwei Jobs parallel: Man muss Erzieherin oder Lehrerin sein und gleichzeitig seine Arbeit machen. Schon innerhalb der ersten Wochen, nachdem die Kitas und Schulen geschlossen wurden, sehen wir, dass die Arbeitszufriedenheit bei Eltern besonders stark zurückgegangen ist.

Wer trägt in den Familien zur Zeit die Hauptlast der Sorgearbeit?

Mütter wie Väter sind betroffen, aber die Mütter tragen die Lasten noch etwas stärker als die Väter: Bei Müttern sind die Sorgen vor Arbeitsplatzverlust und die finanziellen Sorgen ein bisschen stärker gestiegen. Und es sind eher die Mütter, die jetzt gerade gar nicht arbeiten, was sicherlich mit der Kinderbetreuung zusammenhängt.

Auch ohne Krise ist Sorgearbeit nicht gerecht aufgeteilt…

Mareike Bünning forscht am Wissenschaftszentrum Berlin in der Gruppe „Arbeit und Fürsorge“ zu den Themen Geschlecht, Familie, Arbeit und soziale Ungleichheit. Die Studie „Alltag in Zeiten des Corona-Virus“ ist am 23. März gestartet. Für die jetzt vorliegenden Zwischenergebnisse wurden die Datensätze von 6.200 Teilnehmer*innen zwischen 18 und 65 Jahren ausgewertet. Hier kann weiterhin an der Studie teilgenommen werden.

Natürlich gibt es Paare, wo das anders läuft, aber im Durchschnitt sehen wir: Egal, wie die Erwerbsarbeit verteilt ist, die Frauen machen zu Hause den Löwenanteil. Das sind gesellschaftliche Normen, denen Familien überall im Alltag begegnen. Da ist es als einzelnes Paar nicht einfach, auszubrechen.

Wenn die vielen Frauen in systemrelevanten Berufen plötzlich weniger zu Hause sind als ihre Partner – könnte sich dann etwas in den Familien verändern?

Es kann sein, dass sich gerade eine neue Rollenverteilung entwickelt. Dass sich neue Routinen einspielen, die dann vielleicht langfristig Bestand haben. Das wäre das optimistische Szenario.

Sehen Sie in der Corona-Krise noch mehr emanzipatorisches Potenzial?

Bei vielen der klassischen Frauenberufe bekommen wir jetzt ganz klar vor Augen geführt: Das sind die systemrelevanten Berufe, auf die wir im Zweifelsfall angewiesen sind! Es sind die Berufe, bei denen schon lange eine Aufwertung notwendig ist. Jetzt sollte es nicht bei zwischenzeitlicher Anerkennung, Klatschen und einer Einmalzahlung bleiben. Diese Aufwertung muss tatsächlich stattfinden.

Bei heterosexuellen Paaren setzt durch die Geburt des ersten Kindes oft eine Traditionalisierung der Rollenverteilung ein. Ist die Corona-Krise eine Chance für junge Familien?

Wenn Väter nach der Geburt Elternzeit nehmen und zu Hause bleiben, hat das grundsätzlich erstmal positive Effekte für die Vater-Kind-Bindung und die gleichberechtigte Arbeitsteilung im Haushalt. Dennoch muss man immer den Gesamtkontext im Blick behalten. Wenn die Situation der Familie prekär ist, können diese neuen Möglichkeiten wahrscheinlich nicht ausgeschöpft werden: Die alltäglichen Sorgen dominieren das Familiengeschehen. Aber wo die finanzielle Situation relativ entspannt ist, sehe ich Potenzial, dass sich langfristig etwas in der Aufteilung der Kinderbetreuung tut.

Wie wirkten frühere Krisen auf Geschlechterrollen?

Es gibt die Tendenz, dass Krisen traditionelle Rollenbilder verstärken. Das sehen wir auch jetzt: Gerade sieht es so aus, als blieben Schulen und Kitas für viele Kinder länger geschlossen. Den Spagat zwischen zu Hause arbeiten und Kinder betreuen kann man vielleicht eine gewisse Zeit lang aufrechterhalten, aber nicht ewig. Da ist meine Befürchtung, dass im Zweifelsfall wieder die Frauen zurückstecken.

Gehen die aktuellen Maßnahmen in die richtige Richtung, um das zu verhindern?

Gerade ist ja noch vieles im Fluss. Fest steht: Eltern müssen entlastet werden, aber nach Abwägung der gesundheitlichen Risiken. Es gibt handfeste Argumente, dass gerade kleine Kinder bestimmte Regeln nicht einhalten können. Andererseits sind sie diejenigen, denen eine Infektion tendenziell nichts ausmacht. Man sollte auch andere Modelle überlegen, um Eltern zu entlasten.

Woran denken Sie da?

Familienministerin Giffey geht im Moment davon aus, dass etwa ein Drittel der Kinder wieder in die Kita gehen könnten, wenn eine Erzieherin in einem Raum bis zu fünf Kinder betreut. Da stellen sich viele anschließende Fragen: Welche Kinder sollten das bevorzugt sein? Ist ein alternierendes Modell denkbar, bei dem alle Kinder reihum zwei Wochen lang in festen Kleingruppen die Kita besuchen? Kann die Politik darüber hinaus private Initiativen unterstützen, bei denen sich beispielsweise drei Familien zusammen tun und eine gemeinsame Betreuungsperson finden?

Wie bewerten Sie die Leopoldina-Empfehlungen vor dem Hintergrund Ihrer Forschungsergebnisse?

Bereits jetzt sind Frauen und Mütter von den derzeitigen Entwicklungen besonders getroffen. Die Studie der Leopoldina berücksichtigt die Perspektive der Frauen, Familien und auch der Kinder zu wenig. Ich denke, wir müssen vor allem im Blick behalten, welche Familien besonders verletzlich sind, in welchen Familien die Unterstützung besonders nötig ist. Am Beispiel Dänemarks sehen wir, dass es auch anders geht: Dort wurden Kitas und Schulen mit als erstes wieder geöffnet.

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