Sommergefühle: Die Unmöglichkeit, den deutschen Juli zu genießen
Der Juli lässt nicht nur Sommergefühle aufkommen. Eine gewisse Schwere zieht sich durch die ferienbedingt leeren verregneten Straßen.
W as in Italien der August ist, ist der Juli in Deutschland: „Chiuso per ferie“, „Betriebsferien“. Es ist der Monat, in dem alle – außer den Bayern – in den Sommerferien sind. Abseits touristischer Intensivstationen und dort, wo es nicht um Leben und Tod geht, läuft alles auf Sparflamme.
Nicht umsonst heißt es, der Juli sei kein Monat, sondern ein Gefühl. Dabei erinnert das Juligefühl an den Ausnahmezustand von Weihnachten: In die Zusammenkunft von Freunden und Familien mischt sich melancholische Schwere, die nicht nur mit Temperaturen zu tun hat, sondern auch mit dem Wissen, dass das Ende nahe ist. Läuft der Sommer auf Hochtouren, ist der Herbst schon in gefühlter Sichtweite.
Auch die Straßen sind ähnlich leer gefegt wie sonst nur an Weihnachten. Das zentrale Alltagsgespräch handelt zwar saisonbedingt nicht davon, wo und wann Betriebsfeiern sind und wem welche Geschenke schon besorgt wurden. Trotzdem geht es ständig um Organisatorisches: Wann geht es an welchem See, welches Open Air, welcher Park wird besucht, wer kommt mit welchem Fahrzeug und was und wen kann er mitnehmen, wer ist überhaupt noch „da“ und nicht „weg“, und wer besorgt welches Grillgut und welche Getränke? Überhaupt ist man die ganze Zeit mit Getränkebeschaffung und -kühlung beschäftigt, zwecks Überlebensqualität und weil es halt zum Juli gehört, Getränke in bunten Farben und möglichst mit darin versunkenen Eiswürfeln in der Hand zu halten.
Im Unterschied zum Dezember lässt es sich übrigens im Juli hervorragend shoppen, da sich in den Geschäften kaum jemand aufhält. Jedenfalls solange man eines findet, das nicht wegen Ferien oder Umbaus geschlossen ist.
Nichts herkömmlich im Juli
Natürlich gilt das alles nur für herkömmliche Tage im Juli. Seit einigen Jahren lässt sich der Juli nun aber genauso wenig wie der Rest des Jahres als herkömmlich bezeichnen, also drehten sich im Juli 2026 zumindest in den östlichen Bundesländern die Gespräche um die neuen Julithemen: Wie müssen klimakatastrophenjulitaugliche Strümpfe und Schuhe beschaffen sein, und brauchen wir die „Diktatur der Ökologie“? Darf man sich über einen herbstlich-kühl verregneten Juli nicht beschweren, weil in Südeuropa die Kinder verglühen und das Thermometer in Palermo am 22. Juli um 5 Uhr morgens 39 Grad anzeigte?
Historisch liefert der Juli für große Nationen große Nationalfeiertage (Französische Revolution am 14. Juli 1789/90, Unabhängigkeitserklärung der USA am 4. Juli 1776). Der deutsche Juli hingegen ist verbunden mit der Niederschlagung der Märzrevolution (23. Juli 1849) und auch ansonsten nicht mit dem Kampf für demokratischere Verhältnisse, sondern mit der Vorbereitung des Ersten (Julikrise 1914) und der Abwehr der totalen Kapitulation des ebenfalls selbst begonnenen Zweiten Weltkriegs (Attentat am 20. Juli 1944).
Der Juli liefert außerdem skurrilen Nachrichten die ganz große Bühne: zum Beispiel dem Comeback des River-Eistees von Aldi. In den klassischen Sorten Pfirsich und Zitrone kam das Kultgetränk zum ersten Mal seit 17 Jahren wieder in die Regale. Der 1,5-Liter-Tetra-Pak für 0,89 Euro war innerhalb von Stunden ausverkauft und tauchte zu Preisen von bis zu 199 Euro auf Internetplattformen wieder auf.
Keine Regel ohne Ausnahme: Im Juli wurde Deutschland mehrfach Fußballweltmeister, und der zweitmächtigste und mutmaßlich korrupteste CDU-Politiker stolperte über seinen Kinderwagen. Natürlich darf im Juli keine Unbeschwertheit aufkommen, weswegen der Rücktritt als Schritt in die rechtsradikale Ära interpretiert wird. An dieser Stelle hingegen sei empfohlen, diese Personalie zum Anlass zu nehme, den Restjuli 2026 bei einigen Litern Eistee oder anderen Getränken gut gelaunt zu verabschieden.
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