Eine Frau mit Kopftuch tippt auf ihrem Handy, im Hintergrund weitere Frauen und ein paar Männer mit Einkaufstaschen auf einem zentralen belebten Platz in Ramallah

Leben mit 3G: Die wirt­schaftliche Lage ist auch hier in Ramallah nicht toll. November 2023 Foto: Julien Daniel/MYOP/laif

Braindrain im Westjordanland:Jung, gebildet – und weg!

Gut ausgebildete Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen aus dem Westjordanland zieht es häufig ins Ausland. Doch es gibt auch jene, die explizit bleiben wollen.

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Aus ramallah, 21.2.2024, 16:51  Uhr

In Gedanken verloren sitzt Musa* vor seinem Laptop, an einem Holztisch mitten im Café im Zentrum von Ramallah, eingehüllt in einen dicken Schal, und starrt auf den Bildschirm. Darauf leuchtet ein Text in englischer Sprache auf, dazu ein paar Diagramme. Neben ihm steht eine nahezu leere Tasse. Ein Teebeutel liegt in der restlichen braunen Flüssigkeit. Im Hintergrund laufen Pop-Hits aus dem vergangenen Jahrzehnt.

Es ist der erste Tag des neuen Jahres, und Musa hat keine Zeit. Er schließt die Programme, klappt den Laptop zu, streift sich einen Mantel um, verabschiedet sich von den Anwesenden. Morgen muss er fliegen, bald gibt’s Prüfungen, Deadlines. Nicht hier, in Ramallah. Sondern in Warschau, Polen. Ein anderes Land, ein anderer Kontinent. Ein anderes Leben.

Musa ist einer der etwa 7,3 Millionen Palästinenser*innen, die Ende 2023 im Ausland lebten, und einer der tausenden jungen Erwachsenen, die in den vergangenen Jahren emigriert sind. Fürs Studium, für den Job. Für ein besseres oder einfach ein anderes Leben. Für eine begrenzte Zeit oder für immer.

Wie viele es genau sind, darüber gibt es für das letzte Jahrzehnt keine konkreten Zahlen. Doch wer sich mit Erwachsenen unter 40 Jahren unterhält, trifft fast immer auf jemanden, der jemanden kennt, der ins Ausland gegangen ist. Nicht nur in die arabischen Nachbarländer, sondern auch nach Europa oder in die USA.

Ein anderes Leben – in Polen

Die letzten genauen Zahlen über Ausgewanderte stammen aus dem Zentralen Palästinensischen Statistischen Büro (PCBS) aus dem Jahr 2010. Damals waren in den drei Jahren zuvor im Schnitt 7.300 Menschen pro Jahr emigriert. Ein Drittel war zwischen 15 und 30 Jahren alt, mehr als ein Drittel hatte einen höheren Abschluss als die Hochschulreife.

Damals hatte etwa über 11 Prozent der Bevölkerung eine solche Qualifikation, die gut Qualifizierten waren also überrepräsentiert. Oft wanderten sie in arabische Länder aus. Wer ging, wollte vor allem im Ausland studieren, seine Lebensbedingungen verbessern oder Jobmöglichkeiten finden. Wer blieb, tat dies vorwiegend weil er Palästina als Heiliges Land ansah oder sich nur in seinem Land wohlfühlte.

Zehn Tage später ist Musa, der in Wahrheit anders heißt, in seiner Wohnung in Warschau. Auch hier sitzt er jetzt vor seinem Laptop, eine weiße Wollmütze über den schwarzen Locken, gepflegter Bart. Ikea-Möbel füllen den Hintergrund. Diesmal will Musa jedoch im Videoanruf über seine Entscheidung berichten. Seit vier Jahren lebt der junge Mann aus Ramallah in der polnischen Hauptstadt.

Ramallah, das ist die inoffizielle Hauptstadt der Palästinensischen Gebiete. 70.000 Einwohner*innen, muslimische Mehrheit, doch christliche Tradition, Kleinstadt auf Hügeln, durchschnittlich 4 bis 11 Grad im Januar. Warschau, die Hauptstadt Polens, hat knapp 1,8 Mil­lio­nen Einwohner*innen. Vorwiegend katholische Bevölkerung, Flussmetropole im Flachland, derzeit minus 5 bis 1 Grad.

Anders denken heißt hier anecken

Für Musa war die Entscheidung, ins Ausland zu gehen, keine besonders schwierige und keine besonders hastige. „Ich brauchte dafür zwei Jahre, weil ich mir nicht sicher war, in welcher Stadt ich meinen Master absolvieren wollte“, sagt der 27-jährige Industrieingenieur. Doch ob er geht, stand nicht zur Debatte. Neue Fertigkeiten zu lernen, die Welt zu sehen, das war verlockend. Ein aufgeschlosseneres Umfeld. Für kulturelle Veränderungen seien die Menschen in seiner Heimatstadt noch nicht bereit, findet Musa. „Die Leute denken, dass etwas mit dir nicht stimmt, wenn du out of the box denkst.“

Hinzu kam die wirtschaftliche Situation in Ramallah. Wäre er geblieben, hätte es kaum Chancen gegeben, etwas Passendes für seine Qualifikationen zu finden. Zwei Jahre lang habe er in Palästina nach seinem Bachelor gearbeitet oder dies zumindest versucht. Denn laut Zahlen des PCBS waren vor dem Krieg 30 Prozent der jungen Menschen unter 30 Jahren im Westjordanland arbeitslos. Und 43 Prozent der jungen Ar­beit­neh­me­r*in­nen in den palästinensischen Gebieten waren 2022 in der Schattenwirtschaft beschäftigt.

Nasser Dalloul steht auf einer Terasse, im Hintergrund sieht man die Häuser Rammallahs

Er glaubt an eine Zukunft in seiner Heimat: Allrounder Nasser Dalloul Foto: Serena Bilancer

Jetzt dürfte sich die Lage noch weiter verschlechtert haben. Etwa 150.000 Ar­bei­te­r*in­nen dürfen seit dem 7. Oktober nicht mehr in Israel arbeiten. Laut Prognosen des PCBS könnten inzwischen 29 Prozent der erwerbsfähigen Menschen im Westjordanland arbeitslos sein – eine Steigerung um 16 Prozentpunkte. Wie viele von ihnen jung und gut ausgebildet sind, ist unklar.

Erzieherinnen haben es am schwersten

Die hohe Arbeitslosigkeit unter jungen Ab­sol­ven­t*in­nen im Westjordanland hat mehrere Ursachen, sagt Rasha al-Shurafa von der Internationale Arbeitsorganisation ILO. Und die gab es schon vor dem Krieg. Zum einen liegt es an den Einschränkungen des hiesigen Arbeitsmarkts. „Es gibt einfach nicht so viele Jobangebote. Das hat mit den wirtschaftlichen Perspektiven zu tun, die momentan nicht großartig sind. Es werden nicht so viele neue Jobs geschaffen.“

Und dann gebe es noch das Problem der Diskrepanz. Der Markt verlangt andere Fähigkeiten, als die meisten Ab­sol­ven­t*in­nen haben. Viele Kleinunternehmen suchten eher praktische als theoretische Kenntnisse. Fachkräfte für die Baubranche oder die Landwirtschaft zum Beispiel eher als Medienexpert*innen. Die Statistiken zeigen: Erzieher*innen, Sozial- und Sprach­wis­sen­schaft­le­r*in­nen haben es am schwersten.

Laut einer Umfrage des Palestinian Center for Policy and Survey Research vom vergangenen Jahr möchten 22 Prozent der Menschen im Westjor­dan­land auswandern. Musa ist einer derjenigen, die davon träumten – und die es tatsächlich geschafft haben. Doch bei allem Enthusiasmus, weggehen ist nie ganz leicht.

Und zurückzukehren genauso wenig. „Alle vier, fünf Monate komme ich zurück, aber es ist hart, sich wieder anzupassen“, sagt er. Wieder das Leben in der Familie, im Chaos und Lärm, aber auch die Mentalität, die im Westjordanland anders ist als in Polen. „Manchmal ist es schwierig, ich habe das Gefühl, mein Kopf sei immer noch in Europa“, sagt er und lächelt, dann richtet er sich die Wollmütze zurecht.

Mit 28 noch an der Uni?

Gleichzeitig ist das Leben in einer Warschauer Einzelwohnung viel einsamer. Daran muss man sich erst mal gewöhnen. Dabei bleibt jedoch mehr Zeit und Ruhe, um an sich selbst, die eigene Zukunft, die eigenen Wünsche zu denken. Musa sagt jedenfalls, er bereue seine Wahl nicht. Hier gebe es viel zu entdecken, viele Möglichkeiten, viele Ideen. Neue Ideen. „Hier in Warschau konnte ich herausfinden, was ich aus meiner Zukunft machen will.“

Er mag es, in den Straßen des Zentrums zu schlendern, zwischen den gotischen Kirchen, den glänzenden Hochhäusern und den neoklassischen Gebäuden. „Es ist eigentlich eine Metropolregion, hier gibt es viel zu entdecken“, sagt er. Kultur, Kunst, Innovation.

Nach seinem Master will er sich ein Jahr Pause nehmen und sich dann um eine Promotion bewerben. Nicht wegen des Geldes, sondern für die Weiterentwicklung. Auch das verstünden manche seiner palästinensischen Freunde nicht, dass man mit 28 Jahren noch an der Uni ist, statt mitten im Beruf und bei der Familienplanung. Doch Musa will sich nicht beeinflussen lassen. Die Promotion macht er dann vielleicht in Deutschland oder der Schweiz. Jedenfalls im Ausland. Er sagt: „Hier sehe ich meine Zukunft.“

Mehrere dunkle SUVs fahren durch eine Straße in Rammalah. In einem sitzt US-Außenminister Blinken

Hoher Besuch: Die SUV-Entourage von US-Außenminister Blinken braust durch Ramallah Foto: Evelyn Hockstein/reuters

Es ist nicht leicht, in Palästina jung zu sein. Und wenn auch jung zu sein heutzutage nirgendwo leicht ist, mit den Erwartungen, der Hektik, der Inflation und dem Stress, dann ist es auch wahr, dass es im Westjordanland und Gaza ein paar zusätzliche Schwierigkeiten gibt. Vor dem Krieg schon.

Razzien, Krawalle, Gewalt

Und jetzt ist vieles noch komplizierter geworden. Immer wieder gab es in den vergangenen Wochen Sit-ins von Student*innen, die für mehr finanzielle Unterstützung protestieren. Und die länger gewordenen Kontrollen an den Checkpoints und die Straßensperren erschweren den Weg zu Uni und Arbeit. Dann ist auch noch die Gewalt da.

Etwa bei Razzien der israelischen Soldat*innen, die Ter­ro­ris­t*in­nen suchen, dabei jedoch so aggressiv vorgehen, manchmal gar brutal, dass an manchen Orten auch friedliche Menschen in Angst leben. Vor den Razzien selbst und vor den Krawallen, die dann oft ausbrechen.

Gewalt, die von Siedlern ausgeht, ist ebenfalls ein Problem. Einige Bibliotheken schließen in Ramallah aus Sicherheitsgründen vor Einbruch der Dunkelheit. Etwa 390 Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen sind laut dem UN-Büro OCHA seit dem 7. Oktober im Westjordanland getötet worden, mehr als 4.500 wurden verletzt.

Drei Probleme seien die größten Herausforderungen für junge palästinensische Erwachsene, sagt Ayman Yousef, Professor für Konfliktlösung an der Arab-American University in Dschenin, der zur palästinensischen Jugend geforscht hat. „Das erste ist die Besatzung“, betont er im Videoanruf aus seinem Büro. Die Gewalt. Viele Gefangene und Tote seien jung.

Demographische Kriegsführung

Dann käme die hohe Arbeitslosigkeit, vor allem unter Absolvent*innen. An dritter Stelle finde man die starke Polarisierung durch die Spaltung zwischen Hamas und Fatah und den Mangel an Vertrauen in die tradi­tio­nellen Parteien. Gäbe es jetzt Wahlen, würden lediglich 11 Prozent der Menschen im Westjordanland die regierende Fatah-Partei wählen, 38 Prozent mieden den Gang zur Urne, so eine Umfrage des Palestinian Center for Survey Research. Korruptionsvorwürfe, das Scheitern der Oslo-Abkommen und der Umgang mit Israel tragen oft zum Misstrauen bei.

„Wieso denken junge Menschen darüber nach, ins Ausland zu gehen? Auch weil sie kein Vertrauen in das politische System haben“, sagt Yousef. „Manche sagen, es gebe hier keine Zukunft.“ Es fehlten jedoch die Zahlen, das gibt er zu, um eine genaue Analyse durchzuführen.

Angst, dass Auswanderung die Gesellschaft hier beeinflussen könnte, hat der Professor nicht. Es seien nicht so viele, die über eine Emigration nachdenken. Ein Visum zu bekommen sei zudem nicht immer leicht. Und es gebe kein Risiko eines Bevölkerungsschwunds. Schließlich sei der „Kampf mit Israel“ auch ein demografischer.

Was er damit meint: Die Balance zwischen der Zahl der Ara­be­r*in­nen und Jü­d*in­nen in der Region war schon immer Teil des Konflikts. Denn beide Seiten sehen hohe Bevölkerungszahlen als Garant für einen eigenen Staat, für ein Weiterbestehen im Heiligen Land an.

Es ist schwer, Kritik zu üben

Etwa 5,5 Millionen Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen leben laut dem PCBS im Westjordanland und Gaza, 1,7 Millionen in Israel. Etwa 7,2 Millionen jüdische Israelis wohnen in Israel und im Westjordanland. Palästinensische Familien sind tendenziell kinderreich, israelische eher weniger. Viele Menschen in Israel sehen eine demografische Übernahme der Ara­be­r*in­nen als Bedrohung für dessen Existenz an.

Rechte Po­li­ti­ke­r*in­nen plädieren immer wieder für eine Umsiedlung der Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen in Nachbarländer. Das wäre dann wiederum das Ende eines künftigen, palästinensischen Staates. Dabei ist die sogenannte Nakba, die erste große Flucht- und Vertreibungswelle nach der Gründung Israels und dem Palästinakrieg 1948, für die Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen immer noch ein kollektives Trauma. Sowie einer der Hauptgründe, weshalb so viele von ihnen heute im Ausland leben.

Deswegen war Migration schon immer ein delikates Thema in Palästina, auch wenn die Menschen heute so wie in anderen Ländern eher für Studium, Arbeit oder bessere Chancen auswandern. Und auch deswegen bleibt Musa anonym. Um sich in dem aktuellen polarisierten Kontext frei und auch mal kritisch ausdrücken zu können. Doch nicht immer bleiben junge, top ausgebildete Menschen, die fortgehen, im Ausland. Manche kommen eben zurück.

Nachdenklich schweift Nasser Dalloul mit dem Blick über das Tal, das sich vor ihm erstreckt. Von dem Hügel in al-Tireh, am Rande von Ramallah, sieht man die weißen Gebäude im Westen, die am Berghang hängen, die kargen Hügel, mit Olivenbäumen übersät, auf denen die Bagger Erde für die Grundmauern neuer Gebäude ausheben. Dumpfe Schläge hallen in der Luft. An mehreren Orten ähneln Ramallah und seine Umgebung einer Baustelle, vieles ist im Aufbau.

Dalloul sieht Potential

Dalloul, 33 Jahre alt, schwarzer Bart und markante Augenbrauen hinter der schlichten Brille, hat einen schnellen Schritt und ein freundliches Lächeln. Er ist einer von denen, die sehr jung ins Ausland gegangen sind – und doch zurückkehrten. Mit 18 nach Damaskus, dann Türkei, dann Jordanien, dann Ägypten. Meistens fürs Studium. Ein Bachelor in Buchhaltung, dann noch ein Master.

Als Migration will er es nicht bezeichnen. Immer wieder ging er, immer wieder kam er zurück. Heute sagt er, er wusste es von Anfang an. „Die Idee, im Ausland zu bleiben, kam mir mehrfach in den Sinn. Viele meiner Freunde arbeiten im Ausland. Aber das war nicht das, was ich wollte.“

Eigentlich könnte Dalloul sehr leicht auswandern. Seine Frau ist Deutsche, er selbst spricht etwas Deutsch, perfektes Englisch. Arabisch. Er ist gut qualifiziert. Eine Stelle in Ägypten habe er bereits abgelehnt, in Deutschland hätte er keine großen Schwierigkeiten mit dem Visum. Seine Zukunft sieht er aber im Westjordanland. „Ich glaube, dass ich hier Potenzial habe“, sagt er nachdenklich. „Es gibt hier viel zu tun. Neue Technologien, neue Geschäfte. Es geht nicht nur ums Einkommen.“

Er sitzt jetzt vor einem Cappuccino neben der Bibliothek des Kulturzentrums Al-Qattan. Zwischen ihren Bücherregalen hat er früher auch mal gelernt und gearbeitet. Ein ruhiger Ort, um neue Ideen zu entwickeln. Ramallah, das Westjor­dan­land, brauche ein Upgrade, erläutert er. Neue IT-Technologien. Neue Geschäftsmodelle. Fernarbeit, zum Beispiel. In Palästina zu sitzen und eine Firma oder einen Kunden in den USA zu beraten. Er findet, man habe hier die Menschen und Fähigkeiten dafür. Und dieses ungenutztes Potenzial will er jetzt nutzen.

Ein seltener Optimist

Die Luft ist kühl, ein frischer Wind weht. Dal­loul zieht den Reißverschluss seiner Sportjacke hoch. Die Herausforderungen im Westjordanland – die Sicherheit, die Einschränkungen, er sagt, sie machten ihm keine Angst. „Diese Sachen sollten einen nicht ausbremsen“, erklärt er mit einem Lächeln. Buchhaltung, Geschäftsentwicklung, Beratung, Kletterverein – die Liste seiner Tätigkeiten ist so lang wie die seiner Ambitionen.

Darauf steht unter anderem ein Projekt, unterstützt von der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Ein duales Studium an der polytechnischen Universität in Hebron. Sein Ziel ist es, die Arbeitslosigkeit unter jungen Aka­de­mi­ke­r*in­nen zu verringern. Studierende der IT-, Ingenieur- und Betriebswissenschaften wechseln dabei zwischen Theorie und Praxis in den Unternehmen ab, wie die GIZ auf Nachfrage erläutert. Das soll ihre Chancen auf eine Beschäftigung nach dem Abschluss steigern.

„Eine nette Idee “, findet Dalloul. „Das bringt uns zu dem, was ich eben sagte: Es gibt hier viel zu tun“, sagt er und lächelt.

Gleichzeitig gibt es im Westjordanland für junge Arbeitnehmerinnen mit neuen Ideen mehrere Hürden, die sich aus ihrer aktuellen rechtlichen und geopolitischen Lage ergeben. Oder, wie es Carine Metz vom Democracy and Workers Rights Center in Palestine (DWRC) ausdrückt, „weil wir unter Besatzung leben“.

Mit 3G ist Wettbewerb schwer möglich

Nach dem Sechstagekrieg 1967 hat Israel das Westjordanland und Gaza zurückerobert, seitdem ist das Westjordanland nach internationaler Rechtsauffassung besetzt. Israel kontrolliert die Außengrenzen sowie die Einfuhr von bestimmten Waren. Dies bedeute, dass man in vielen Bereichen lange auf Genehmigungen warten müsse. Die Bewegungseinschränkungen beträfen nicht nur Menschen, sondern auch Güter. Kontrollen und Erlaubnisse könnten lange Zeit in Anspruch nehmen.

Zwölf Jahre hat es gedauert, bis Israel dem Aufbau eines 3G-Netzwerkes zustimmte. 2018 war es so weit. Gaza blieb weiterhin bei der langsameren 2G-Technologie. Israel ist bereits bei 5G angelangt. Ende 2023 sollte das Westjordanland 4G bekommen, noch bieten die Kommunika­tions­gesellschaften jedoch 3G an. Im wirtschaftlichen Wettbewerb, bei der Innovation, bleibt sogar das Westjordanland abgehängt.

„Das Risiko eines Braindrain ist immer da. Manchmal bleiben jedoch hochqualifizierte Menschen nur eine Zeit lang im Ausland und bringen dann ihre Expertise zurück“, fasst es Metz zusammen. Doch auch für sie sei es unter diesen Umständen schwierig, das Westjordanland davon profitieren zu lassen.

Manche dürfen gar nicht ausreisen

Manchmal treffen die Einschränkungen die Menschen im Westjordanland bei ihrer Ausreise. Denn nicht jeder, der ins Ausland will, darf das auch. 2021 wurden etwa 10.500 Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen aus dem Westjordanland von Israel an der Ausreise gehindert. Aus nicht näher definierten Sicherheitsgründen. Die Betroffenen erfahren es oft erst, wenn sie an der Grenze stehen. Sie können dagegen vorgehen, doch dies braucht Zeit.

Die israelische NGO Hamoked sagte, mehr als 1.000 Menschen hätten eine Aufhebung des Ausreiseverbots 2022 beantragt. In einer Antwort auf die Frage über die aktuelle Zahl und Gründe der Ausreiseverbote sagte die israelische Behörde Cogat nur, es gebe derzeit nichts, was Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen an der Ausreise aus dem Westjordanland hindere. Das sehen mehrere NGOs skeptisch.

Wie die Zukunft junger, gut gebildeter Menschen im Westjordanland besser werden könnte, darüber gehen die Meinungen der Ex­per­t*in­nen nicht so sehr auseinander. Bessere wirtschaftliche Bedingungen. Bessere Perspektiven. Dienstleistungen für Jugendliche. Berufsorientierung nach der Schule, nach der Universität. Ausbildungen. Weniger Einschränkungen. Und vor allem: Frieden.

*Name von der Redaktion geändert.

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