Sexueller Missbrauch: Auch Mütter unter den Tätern

Nicht nur Komplizinnen oder Mitläuferinnen: Eine neue Studie zeigt, dass Frauen häufiger sexualisierte Gewalttaten an Kindern begehen, als bisher angenommen.

Eine historische Abbildung zeigt eine Frau, die ein Kind auf ihrem Rückenträgt

Eine Mutter liebt, nährt und schützt ihr Kind, so die gängige Rollenzuschreibung Foto: TV-Yest/Interfoto/akg

Was ist mit dieser Mutter los?“, so fragte 2018 nicht nur die Süddeutsche Zeitung, als in Baden-Württemberg eine Mutter und ihr Lebensgefährte vor Gericht standen – wegen gewerbsmäßig organisierter sexueller Ausbeutung eines neunjährigen Jungen. Der mehrfach vorbestrafte pädosexuelle Stiefvater passte ins gängige Bild eines Sexual­straftäters. Aber eine Mutter, die ihr eigenes Kind vergewaltigt und im Internet an zahlende Männer verkauft?

Das Entsetzen über den Staufener Missbrauchsfall war auch deshalb so groß, weil die Brutalität und Empathielosigkeit dieser Mutter ein gesellschaftliches Tabu infrage stellte: das der Mutterliebe. Eine Mutter liebt, nährt und schützt ihr Kind, so die gängige Rollenzuschreibung. Vielleicht versagt sie in ihren Aufgaben, aufgrund eigener Schwäche oder falscher Loyalität zum Partner. Der eigentliche Vergewaltiger aber, der sich gezielt eines Kindes bedient, um Macht und Erregung zu spüren, ist stets ein Mann. Oder?

Hellfeld- und Dunkelfeldstudien stellen die gesellschaftliche Idealisierung der Mutterrolle schon länger infrage. So belegen Untersuchungen über körperliche Misshandlung von Kindern, dass Mütter mindestens ebenso häufig Gewalt gegen ihre Kinder anwenden wie Väter. Was Taten des sexuellen Kindesmissbrauchs angeht, so beträgt der Anteil der Täterinnen laut einer 2020 veröffentlichten Studie der Aufarbeitungskommission 10 Prozent. Aus nachträglichen Befragungen Erwachsener zu sexuellen Erlebnissen im Kindesalter, sogenannten Dunkelfeldstudien, ergibt sich ein Anteil weiblicher Täterinnen zwischen 10 und 20 Prozent.

Die liebende Mutter

Ex­per­t:in­nen gehen allerdings davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Täterinnen noch um einiges höher ist: Statistisch finden die meisten sexuel­len Übergriffe auf Kinder im fami­liä­ren Rahmen statt – da aber das Bild der Familie als Schutzraum und insbesondere der liebenden Mutter noch immer allgegenwärtig ist, werden entsprechende Taten von Frauen nicht erkannt oder bagatellisiert: Man traut ihnen diese Taten schlicht nicht zu.

Auch im Fall Staufen war das so: Das Jugendamt und das Familiengericht ließen den Jungen nach einer Inobhutnahme erneut bei der Mutter leben: Sie stuften sie, entgegen aller Alarmzeichen, als vertrauenswürdig ein. Obwohl sie nach dessen Haftentlassung wieder mit ihrem pädosexuellen Partner zusammenlebte, entgegen einer Auflage des Gerichts. Selbst noch als das Paar vor Gericht stand und sich abzeichnete, dass die Mutter in eigener Regie und mit erheblicher Gewaltanwendung ihren Sohn gequält hatte, verwendeten die berichterstattenden Medien bemerkenswert viel Energie darauf, die Mutter als psychisch instabile, intelligenzgeminderte und dem Lebensgefährten hörige Person zu zeichnen.

Die neuen Erkenntnisse zeigen, dass weibliche Täterinnen kaum sanfter agieren als Männer

„Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind lückenhaft“, stellen For­sche­r:in­nen vom Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf (UKE) zum Thema Frauen als Missbrauchstäterinnen fest. In einer kürzlich vorgelegten Studie, finanziert von der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Berlin, versucht das Team um den Sexualwissenschaftler Peer Briken, einige Forschungslücken zu schließen. Unter anderem war ihr Ziel, Wissen zu sammeln über „noch nicht straffällig gewordene Frauen mit pädophilen Interessen oder anderen Motiven, sexualisierte Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen zu begehen“.

Die Studie „Sexueller Kindesmissbrauch durch Frauen“ lief ab Januar 2020 bis Ende Juni 2021. Befragt wurden, online und anonym, 212 Personen im Alter von 18 bis 78 Jahren, die angaben, vor ihrem 16. Lebensjahr sexuelle Gewalt durch Frauen erlebt zu haben. Parallel dazu lief eine Onlinebefragung unter Frauen, die sich nach eigener Auskunft sexuell zu Kindern hingezogen fühlen. Auch wenn Letztere als nicht repräsentativ gelten kann, weil lediglich 52 Stichproben voll ausgewertet werden konnten: Eine erste Erkenntnis aus beiden Befragungen lautet, dass es eben nicht nur „Komplizinnen“ oder Mittäterinnen gibt, wie bislang angenommen – sondern auch Frauen mit pädophilen Interessen oder anderen eigenen Motiven, sexualisierte Gewalttaten an Kindern und Jugendlichen zu begehen.

Eltern als Tä­te­r:in­nen

Im Detail sind die Studienergebnisse erschütternd: So gaben 62 Prozent der Befragten, von denen sich 60 Prozent als weiblich identifizierten, an, dass ihre Mutter die Täterin war, 52 Prozent gaben den Vater als Täter an. Die Übergriffe begannen meist früh in der Kindheit und dauerten oft jahrelang an. 56 Prozent der Befragten erlebten zusätzliche Übergriffe durch einen Mann, 11 Prozent durch weitere Fami­lien­mit­glieder. Und ganze 51 Prozent gaben an, der Missbrauch habe durch „organisierte Tatpersonengruppen“ stattgefunden.

Die erlebten Formen sexualisierter Gewalt reichten demnach von unerwünschten intimen Berührungen über Pornokonsum mit gegenseitiger Masturbation bis zur Vergewaltigung mit Gewaltanwendung, wobei 20 Prozent der Befragten angaben, durch Alkohol und/oder Drogen gefügig gemacht worden zu sein. 60 Prozent der Befragten gaben an, neben der sexualisierten auch körperliche Gewalt erlebt zu haben. Nur „einige wenige“ nannten als Strategie der Täterin den Vorwand der Fürsorge und Körperpflege, dafür berichteten 88 Prozent von psychischer Gewalt wie Drohungen, Demütigungen und Beschimpfungen.

Diese Befunde sind insofern bemerkenswert, als bisher angenommen wurde, dass weibliche sexuelle Gewalt meist unter dem Deckmantel der „praktizierten Mutterliebe“ daherkomme. Die neuen Erkenntnisse zeigen allerdings, dass weibliche Täterinnen kaum sanfter agieren als Männer. In knapp einem Fünftel der Fälle, so die Antworten der Befragten, habe die Täterin Bildmaterial mit Missbrauchsdarstellungen selbst angefertigt. In 10 Prozent der Berichte war von sadistischer Gewaltanwendung durch die Täterin die Rede, in 2 Prozent auch von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben zudem an, von der Täterin vermittelt bekommen zu haben, sie selbst seien schuld an der sexualisierten Gewalt. Dass victim blaming einen besonderen Anteil an negativen Langzeitfolgen bis hin zu Posttraumatischen Belastungsstörungen habe, heben die For­sche­r:in­nen als lohnendes Thema für weitere Untersuchungen vor.

Nur wenige verurteilt

Trotz Einschüchterungen und Manipulationen legten drei Viertel der Befragten ihre Erlebnisse irgendwann offen, wobei nur 10 Prozent von ihnen Anzeige erstatteten – im Mittel 30 Jahre nach der letzten Tat. Nur 9 Prozent der Täterinnen wurden anschließend verurteilt. Hier vermuten die For­sche­r:in­nen einen Zusammenhang zur Unkenntnis über weibliche Täterinnen – wozu auch die Annahme gehört, dass Frauen eher „Mitläuferinnen“, also gewissermaßen die harmloseren Täterinnen sind.

Die Soziologin Barbara Kavemann, die seit mehreren Jahrzehnten zu häuslicher Gewalt sowie sexualisierter Gewalt gegen Kinder forscht, hält dies für einen Fehlschluss. Bereits 2019 stellte sie im Gespräch mit dem Magazin Chrismon fest: „Bei organisiertem Missbrauch sind viele Frauen in den Strukturen“ – als Organisatorinnen und Profiteurinnen spielten sie nicht selten eine gewichtige Rolle.

Die aktuelle Hamburger Studie bestätigt diese Einschätzung. Die Au­to­r:in­nen der Studie teilen die Täterinnen in vier Typen ein: die sadistische Täterin, die ein starkes Ausmaß an Gewaltanwendung zeigt, die sogenannte parentifizierende Täterin, die in den betroffenen Kindern und Jugendlichen einen Ersatz für erwachsene Sexualpartnerinnen und -partner sieht, die vermittelnde Täterin, die Kinder dritten Tatpersonen zuführt, und die instruierende Täterin, die oft im Kontext von organisierten Gewaltstrukturen auftritt.

Die For­sche­r:in­nen räumten auch noch mit einer anderen, verbreiteten Fehlannahme auf: Dass Pädophilie, im klinischen Sinne als eine Störung der Sexualpräferenz, ein rein männliches Phänomen sei: Von den 52 befragten Frauen, die sich sexuell für Kinder interessierten, gaben 58 Prozent an, zur eigenen Erregung Missbrauchsdarstellungen mit 5- bis 10-jährigen Kindern zu konsumieren – rund 60 Prozent der Befragten zeigten Hinweise auf eine pädophile Störung. Wie die Au­to­r:in­nen der Studie selbst einräumten, ist die vorliegende Stichprobe aber noch zu klein, um voll aussagekräftig zu sein. So könnten sich auch Männer als Frauen ausgegeben haben. Oder aber es könnte sich bei dem festgestellten Verhalten eher um ein zwanghaftes Se­xual­ver­halten mit suchtähnlichem Charakter handeln.

Die Erkenntnisse des Forschungsprojekts sind nur ein erster Blick in weitgehend unbekanntes Terrain. Um eine bessere Prävention und Versorgung der Betroffenen zu ermöglichen, fordern die Au­to­r:in­nen der Studie ein Ende der Tabuisierung. Durch weitere Forschung, Aufklärung der Öffentlichkeit und Fortbildung von Fachleuten aus Pädagogik, Sozialarbeit, Medizin, Polizei und Justiz könnte ein realeres Bild von weiblichen Täterinnen entstehen.

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