Schulbetrieb nach den Ferien: Bedingt unterrichtsbereit

Im Herbst sollen die Schulen trotz Deltavariante normal öffnen. Wie die Politik den Regelunterricht plant – und wo die Probleme liegen.

SchuelerInnen mit Maske um einen Tisch im Klassenraum

Präsenzunterricht soll es nach den Ferien überall geben – aber mit Maske Foto: Oliver Dietze/dpa

BERLIN taz | Die Rückkehr aus den Sommerferien stellen sich die Bil­dungs­m­inis­te­r:in­nen etwa so vor: Die Schulen öffnen ohne Einschränkungen, wie vor der Pandemie. Mit vollen Klassen, ganztags, Wahlfächern, Sportfesten und Klassenfahrten. Wer Wissenslücken oder sonstigen Förderbedarf hat, erhält individuelle Hilfe – wer einen Abschluss macht, das Versprechen, keinen Nachteil davonzutragen.

Hygieneregeln soll es je nach Infektionslage zwar noch geben, Schulschließungen aber nur im äußersten Notfall. Die Normalität, so hört man von Stuttgart bis Kiel, sei man den Kindern, Jugendlichen und Eltern nach den Zumutungen der vergangenen Monate schuldig.

An den Schulen stoßen diese Pläne auf viel Zustimmung, lösen aber auch Unbehagen aus. Denn die hochansteckende Deltavariante breitet sich auch hierzulande rasend schnell aus. Binnen vier Wochen ist ihr Anteil in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) von 4 auf 59 Prozent hochgeschnellt. Als die Kultusministerkonferenz (KMK) Mitte Juni den uneingeschränkten Regelunterricht nach dem Sommer beschloss, spielte die Deltavariante noch kaum eine Rolle. Jetzt dominiert sie das nationale Infektionsgeschehen.

Die meisten Ex­per­t:in­nen gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung bald in deutlich höheren Infektionszahlen niederschlagen wird. Auch, weil seit vergangenen Mittwoch für Rei­se­rück­keh­re­r:in­nen aus den bisherigen Virusvariantengebieten Portugal und Großbritannien keine strenge Quarantänepflicht mehr besteht.

Die neue deutsche Sorglosigkeit

Im August dann könnten deutschlandweit die Coronamaßnahmen enden. Das hieße: wieder volle Büros, gut besuchte Konzerte, Zehntausende Fußballfans im Stadion. Viele fragen sich, wie zuletzt auch Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, wie sich die neue deutsche Sorglosigkeit mit den geplanten Schulöffnungen verträgt.

„Ich habe Angst davor, dass die Menschen jetzt wieder leichtfertig werden“, sagt etwa Carola Stöhr. Die 58-Jährige leitet eine Grundschule im fränkischen Altdorf. So kurz vor den bayerischen Sommerferien dürfen Stöhrs Schulkinder ein lang verschobenes Zirkusprojekt nachholen. „Das freut mich riesig für sie. Die Kinder erleben endlich wieder Gemeinschaft und haben Erfolgserlebnisse.“ Stöhr befürchtet aber, dass es bei steigenden Infektionszahlen auch schnell wieder vorbei sein könnte mit der zurückgewonnenen Normalität. Und das möchte die Schulleiterin unbedingt vermeiden.

„Wir haben die Folgen der Schulschließungen bei den Kindern sehr deutlich gesehen“, sagt Stöhr der taz. Nach der Rückkehr zum Präsenzunterricht nach Pfingsten zeigten viele Kinder Defizite im Sozialverhalten, die Konflikte nahmen zu. „Wir brauchen im neuen Schuljahr ganz viel Präsenzunterricht und Sozialtraining, um diese Kinder aufzufangen.“

Von den Erwachsenen fordert Stöhr deshalb, rücksichtsvoll mit den neuen Freiheiten umzugehen. Dann habe sie auch keine Angst vor Delta. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Altdorfer Grundschule hat bereits jetzt in jedem ihrer 23 Klassenzimmer einen Luftfilter. „Das gibt natürlich zusätzliche Sicherheit“, räumt Stöhr ein.

Streit um die Kosten der Luftfilter

So umfassend wie in Altdorf sind jedoch nur die wenigsten Schulen mit Luftfiltern ausgestattet. Auch, weil viele Ministerien sie nach wie vor für verzichtbar halten. Sie stützen sich dabei auf die Einschätzung des Umweltbundesamtes (UBA), wonach Luftfilter nur als „Ergänzung zum aktiven Lüften geeignet“ seien.

Doch offensichtlich ist das UBA zu einer neuen Einschätzung gekommen. Auf seiner Webseite hieß es Ende vergangener Woche, in Räumen mit eingeschränkter Lüftungsmöglichkeit sei „der Einsatz mobiler Luftreiniger sinnvoll. Fachgerecht positioniert und betrieben ist ihr Einsatz wirkungsvoll, um während der Dauer der Pandemie die Wahrscheinlichkeit indirekter Infektionen zu minimieren.“

Bei den Ländern scheint sich das aber noch nicht herumgesprochen zu haben. Am Donnerstag erst bekundete der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD) sein Unverständnis darüber, warum der Schulbetrieb auch noch von Luftfiltern abhängen solle. In keinem anderen Lebensbereich würden so weitgehende Sicherheitsmaßnahmen gelten wie an Schulen.

Mehrere Länder sowie der Bund stellen zwar Fördergelder für entsprechende Geräte bereit, die für die Ausstattung der Schulen zuständigen Kommunen schimpfen jedoch über bürokratische Vorgaben und teils hohe Eigenbeteiligung. In Bayern, wo Ministerpräsident Markus Söder (CSU) jüngst den ehrgeizigen Plan verkündete, bis zum Schulstart im September sämtliche 75.000 Klassenzimmer im Freistaat mit Luftfiltern auszustatten, gibt es deshalb mächtig Zoff mit den Kommunen. Sie sollen die Hälfte der Kosten selber tragen.

Elternverbände widersprechen den Ministerien

Kritik schlägt den Ministerien auch von Lehrergewerkschaften und Elternverbänden entgegen. Sie werfen der Politik vor, die Schulen nicht entschlossen genug vor einer möglichen vierten Welle zu schützen. Lehrerverbandschef Heinz-Peter Meidinger warnte vergangene Woche in der Rheinischen Post, dass im Herbst wahrscheinlich nicht mal zehn Prozent der 650.000 Klassenräume in Deutschland einen Luftfilter haben werden. Auf die Ausbreitung der Deltavariante nach den Sommerferien hält Meidinger die Schulen für nicht gut vorbereitet.

In den Bildungsministerien sieht man das anders. Wie eine Umfrage der taz ergab, sind die Bundesländer zuversichtlich, Regelunterricht auch mit einer dominanten Deltavariante anbieten zu können. „Wir sind optimistisch, dass das gelingen wird “, heißt es etwa aus Niedersachsen. „Wir sehen keinen Anlass, vom KMK-Beschluss abzurücken und planen fest mit Präsenzunterricht nach den Sommerferien“, teilt ein Ministeriumssprecher aus Sachsen mit. KMK-Präsidentin Britta Ernst (SPD) aus Brandenburg warnte davor, bei einer möglichen vierten Welle wieder „zuerst“ über Schulschließungen zu diskutieren.

Die Ministerien verweisen darauf, dass das Personal an Schulen zum Schulstart weitgehend durchgeimpft sein wird, ebenso ein guter Teil der Eltern. Zudem stehe mit den Schnelltests noch ein weiterer Baustein zum Schutz der Schulen zur Verfügung, den es vor einem Jahr noch nicht gegeben habe. „Die Gefahr, dass sich Kinder und Jugendliche in der Schule mit Covid-19 anstecken, ist so gering wie nie“, heißt es aus dem hessischen Bildungsministerium. Sicherheitshalber wollen die Bundesländer aber die Masken- und Testpflicht in den ersten Wochen im neuen Schuljahr weiterlaufen lassen.

Viele Wis­sen­schaft­le­r:in­nen glauben jedoch, dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, um größere Corona-Ausbrüche an Schulen zu verhindern. So warnte der Dresdner Biomediziner Gerhard Ehninger vor wenigen Tagen, dass die Deltavariante in kleinen Klassenräumen mit 25 ungeimpften Schü­le­r:in­nen „leichtes Spiel“ haben werde.

Sollen Zwölfjährige geimpft werden?

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach glaubt, dass Masseninfektionen bei Schü­le­r:in­nen nur mit einer Kombination aus geteilten Klassen und Maskenpflicht im Unterricht verhindert werden können – außer man impft die Schüler:innen. Auch die Virologin Melanie Brinkmann sprach sich zuletzt für eine Impfung der Schü­le­r:in­nen aus. Doch genau dieser Baustein fehlt den Schulen derzeit – und er ist umstritten.

Zwar ist seit Ende Mai ein Impfstoff von Biontech/Pfizer für Personen über zwölf Jahren zugelassen. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat bisher aber keine generelle Impfempfehlung für die 12- bis 17-Jährigen ausgesprochen. Als Grund führen die Wis­sen­schaft­le­r:in­nen das geringe Risiko einer schweren Covid-19-Erkrankung für diese Altersgruppe an. Viele Po­li­ti­ke­r:in­nen verweisen jedoch darauf, dass Kinder genauso schwer an Corona erkranken können. Seit Wochen drängen sie deshalb die Mitglieder der Kommission, ihre bisherige Empfehlung zu „überdenken“.

Erst vergangenes Wochenende verlangten unter anderem CSU-Chef Söder und SPD-Chefin Saskia Esken eine Neubewertung durch die Stiko. Niedersachsens Bildungsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) flehte Stiko-Chef Thomas Mertens in einem vom letzten Dienstag datierten Brief an, die Stiko möge doch bitte die neuesten Daten zu geimpften Kindern aus den USA und Großbritannien mit in ihre Bewertung einfließen lassen. Mertens wiederum erklärte die „laute Einmischung der Politik“ für „kontraproduktiv“. Es ist nicht der erste öffentliche Schlagabtausch zwischen Stiko und Politik.

Cornelia Betsch beobachtet, dass der öffentliche Dissens bei den Impfungen für Kinder und Jugendliche für Verunsicherung sorgt. Im Rahmen der Cosmo-Studie, die das Vertrauen, Verhalten und Wissen der Bevölkerung rund um Corona untersucht, fragt die Gesundheitswissenschaftlerin der Universität Erfurt regelmäßig ab, ob Eltern ihre Kinder impfen lassen würden.

Hohe Impfbereitschaft bei Jugendlichen

„Nach der Stiko-Bewertung ist die Bereitschaft bei den Eltern erst mal eingebrochen“, sagt Betsch der taz. Dabei sei die Impfbereitschaft der Jugendlichen durchaus hoch, hat Betsch in einem Modellprojekt an einer Schule im südthüringischen Meiningen herausgefunden. Zusammen mit den Schü­le­r:in­nen haben Betsch und ihr Team einen Infoflyer zum Impfen speziell für Schü­le­r:in­nen erstellt. „Es ist wichtig, dass wir die Jugendlichen mit ihren Fragen stärker miteinbeziehen“, sagt Betsch. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linkspartei) und auch das RKI haben schon Interesse an dem Flyer bekundet.

Die Länder wollen Schü­le­r:in­nen spezielle Impfangebote machen. So wie im Landkreis Siegen-Wittgenstein in NRW. Dort sollen ab dieser Woche 30.000 Schü­le­r:in­nen und Studierende bevorzugt geimpft werden. For­sche­r:in­nen der Uni Saarland und der Uni-Kinderklinik Bochum wollen zeigen: Wenn Jugendliche geimpft sind, ist Präsenzunterricht eher möglich.

Für Schulleiterin Carola Stöhr aus Altdorf ist die Impfdebatte momentan irrelevant. Für ihre Grundschulkinder ist derzeit noch kein Impfstoff zugelassen. „Schnelltests und Masken werden uns auch im neuen Schuljahr länger begleiten“, ist sie sich sicher. Viel Zeit, über das neue Schuljahr nachzudenken, hat sie aber noch nicht. Gerade wertet Stöhr die Lernstandskon­trollen aus, die in Bayern am Ende des Schuljahres durchgeführt werden. Danach muss Stöhr noch das Nachhilfeprogramm für die Sommerferien auf die Beine stellen. „Woher ich die Lehrkräfte dafür nehmen soll, weiß ich noch nicht.“

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