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Schmerzgriffe der PolizeiDie Drohung als Bundesleitmotiv

Kommentar von

Robin Detje

Ob im Umgang mit der Polizei oder der Politik, in Deutschland gilt: Wer leidet, hat sich die Schmerzen selbst zugefügt.

Ob das wohl wehtut? Vielleicht hat er sich ja gewehrt Foto: Fritz Engel

I ch mache mir Sorgen. Um die Bundesfrauenministerin Karin Prien, um die Berliner Polizei und um Deutschland. Natürlich um Deutschland, immer um Deutschland!

Die Bundesfrauenministerin hat der taz ein Interview gegeben und auf die Frage nach ihrer Ablehnung des Genderns erklärt: „Das Thema Gendern ist für mich eher ein Symbolthema für die zu hohe Geschwindigkeit gesellschaftlicher Veränderungen, die von insbesondere linken Parteien vorangetrieben worden ist.“

Und da musste ich sofort an die Berliner Polizei und ihre Präsidentin denken, und an den Schmerzgriff. Der ist gerade wieder aktuell, weil die Polizeipräsidentin 2023 erklärt hat, er gehöre nicht zur Ausbildung der Berliner Polizei. Leider hat das Portal „Frag Den Staat“ jetzt ein Lehrbuch ausgegraben, „Verschlusssache, nur für den Dienstgebrauch“, das nahelegt, sie könnte die Unwahrheit gesagt haben.

Den Schmerzgriff setzt die Berliner Polizei ein, um (so die Polizeipräsidentin 2023) die Be­am­t*in­nen vor Verletzungen zu schützen, die sie sich zuziehen könnten, wenn sie Teilnehmende einer Sitzblockade wegtragen müssen, und er sei gar kein Schmerzgriff, weil sein Ziel ja nicht die Erzeugung von Schmerzen sei. Das Ziel sei der Schutz der Beamt*innen, und die Schmerzen seien quasi nur ein Nebeneffekt.

Selbst schuld

Ich habe einmal ein Video gesehen, da übten zwei ältere deutsche Polizisten Schmerzgriffe, und zwar an zwei sehr jungen Frauen, die erwartungsgemäß schrien und in Tränen ausbrachen. Ich glaube, es waren Klimaaktivistinnen, in Hamburg. Die Gemütlichkeit, mit der die Beamten die beiden Frauen traumatisierten, als würden sie eine neue Methode zum Abheften von Akten testen, habe ich nie vergessen.

Vor allem hat die Berliner Polizeipräsidentin damals aber gesagt, die Griffe würden erst Schmerzen erzeugen, wenn die Betroffenen sich wehren. Sodass die Betroffenen sich die Schmerzen also sozusagen selbst zufügen würden, als wären die Griffe nur eine Art Einladung zur Selbstverletzung. Und da bin ich plötzlich wieder bei der Ministerin Prien und ihrem Satz von der „von linken Parteien“ vorangetriebenen zu schnellen gesellschaftlichen Veränderung.

Ist das nicht der Diskurs-Schmerzgriff, unter dem wir, die wir Veränderung wollen, uns seit Jahren winden? Diese Behauptung, für manche Menschen gehe angeblich alles zu schnell, und wir müssten alle tun, was diese Menschen wollen, weil sonst – was? Das steht unausgesprochen im Raum.

Bürokratische Unmenschlichkeit

Was ist zu schnell? Wer legt die Höchstgeschwindigkeit fest? Wer bedient die Blitzer? Darüber gibt es keine Debatte. Entscheidend ist: Unsere Schmerzen haben wir uns selber zuzuschreiben. Wir sind selbst schuld, wir waren zu woke.

Der Satz von Karin Prien enthält, wie alle diese Sätze, eine unausgesprochene Drohung. Es ist nicht mal ihre eigene, sie gibt sie nur ungefiltert weiter, diese Drohung, die unser Bundesleitmotiv der letzten zehn Jahre war.

Und das ist auch das Problem der Schmerzgriffe der Polizei: Sie enthalten in ihrer ganzen bürokratischen Unmenschlichkeit eine Züchtigung, die der Polizei nicht zusteht. Und auch darin liegt eine Drohung.

Natürlich zittert die Bundesministerin selbst unter dem Schmerzgriff der Politikberatungsbranche, die sie unter Androhung des Niewiedergewähltwerdens zwingt, immer nur die Gefühle der Menschen anzusprechen und sie nie zu „überfordern“. Und wenn nur gefühlt werden darf, kann man über die Zukunft natürlich nicht mehr vernünftig reden, nicht einmal, wenn unser Leben oder unsere Freiheit davon abhängen.

Was bleibt, ist also der Schmerz. Wegen Deutschland natürlich, von dem man nie verlangen darf, dass es sich ändert. Dann wird es nämlich sehr, sehr böse.

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8 Kommentare

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  • Die rechten Kräfte sind ja im Rückwärtsgang in Richtung 1950er (Union) bzw. Drittes Reich (AgD) unterwegs, da kommt denen Fortschritt im Schneckentempo rasend vor.

  • Ich verstehe den Zusammenhang zwischen der Aussage von Frau Prien und der Schmerzgriff-Thematik nicht. Wo ist da eine Drohung von Frau Prien? Frau Prien misst dem Gendern eine geringere Bedeutung bei als die Autorin. Das ist wenig überraschend. Aber was hat das mit Schmerzgriffen der Polizei zu tun?

  • Dass das Bundesfrauenministerium sich an rechtschreibregeln halten will und Wortbinnenzeichen verbannt, ist eine "bürokratische Unmenschlichkeit"?

    Echt jetzt?

    "Was ist zu schnell? Wer legt die Höchstgeschwindigkeit fest? Wer bedient die Blitzer? Darüber gibt es keine Debatte,"

    Beim Gendern gibt es dazu seit geraumer Zeit eine Debatte.

    In einer Demokratie legt die Mehrheit die Geschwindigkeit fest.

    Mittlerweile wurde mehr als deutlich, dass die Mehrheit sie ablehnt.

    "Überfordern" ist da ein Euphemismus.

    Die Autorin will vernünftig drüber reden, es soll nicht nur gefühlt werden?

    Ok:



    Frau Priens Äußerung kann man richtig oder falsch finden.

    Eine Drohung oder Züchtigung enthält sie nicht.

    Schmerzen bereitet sie aus vernünftiger Sicht ebenfalls nicht.

    Die Politikberatungsbranche zwingt die Ministerin? Unter Androhung des Niewiedergewähltwerdens?

    Sorry, da fängt es aus meiner Sicht an, abstrus zu werden.

  • Darf ich fragen, warum die beiden jungen Frauen nicht einfach auf Aufforderung aufgestanden und selbst weggegangen sind? Völlig schmerzfrei?

  • Es besteht ein Unterschied zwischen Schmerzgriffen und Hebelgriffen. Schmerzgriffe sind dazu da um bestimmte Nerven zu lähmen und durch den zugefügten Griff Handlungen zu unterbinden. Die wären in dem Fall der Klimakleber überzogen. Hebelgriffen kann man einfach entgehen, indem man dem Hebel folgt, z. B. aufsteht. Die dürfen von den Polizisten auch beim fixieren oder abführen verwendet werden. Warum sollten Polizisten mehrfach Menschen herumschleppen, die auch noch Widerstand leisten - ist das vielleicht zumutbar?

  • Ich hatte so gehofft, die Generation der Ewig-wir-können-doch-ehh- nichts-ändernden wäre bald ausgestorben.



    Leider haben Sie diese unsinnige These aus der boomer-Generation fest in die Generation Z eingepflanzt und darüber hinaus schon die Alpha infiltriert.



    uhhh-zu schnelle Veränderung. Da muss wohl mal eine Auseinandersetzung mit der ein oder anderen Evolutionstheorie stattfinden. Wer sich nicht verändert, wird abgehängt, besser noch- stirbt aus- die CDU befeuert das gerade enorm.



    Wieso sind soviele "old stupid white men" in allen Geschlechtern und Nationalitäten in der Politik vertreten???

    • @nolongerquiet:

      Ok, gibt es den Text auch auf Boomer-Deutsch, ich habe den echt nicht verstanden!

  • Ja, das Bild wird immer klarer. Es stehen uns schmerzreiche Zeiten bevor. Immer unverhohlener und eindeutiger wird auf verschiedenen Ebenen eine Schmerzkur vorbereitet: Sozialleistungen streichen oder kürzen, Arbeitsrecht zurückstutzen im Sinne der Kapitalisten, aber viel mehr Geld sinn- und planlos in Rüstungsprodukte stecken, nebenbei Demokratieprojekte kaputtsparen, oder doch gleich die ganze Demokratie, Erbschaftssteuern möglichst verhindern oder minimieren usw.



    Passend dazu wird über zunehmende Polizeigewalt berichtet, ich bitte um Entschuldigung, über Verletzungen und Todesfälle, welche die Opfer selbst verursacht haben, Polizisten waren nur zufällig in der Nähe oder mussten sich verteidigen, ging halt nicht anders. Das Vertrauen in die Institutionen schwindet, keiner ist da, um das zu stoppen, stattdessen noch Öl nachgießen, Stadtbilddiskussionen, Lifestyleprobleme, faule Blauchmacher anprangern. Danke Herr Merz.



    Normalerweise werden unfähige Staatsdiener wegbefördert, auf einen unwichtigen Posten, wo sie weniger Schaden anrichten können. Schade, das geht hier nicht. Bald werden die ersten Minderheitsrechte gekappt, alles zurückgedreht auf 1955 oder so.



    Gute Nacht Schland.