Schilf gegen Phosphat im Dümmer geplant: Naturschützer und Bauern gegen Umweltschutzprojekt
Der Dümmer, Niedersachsens zweitgrößter See, ist durch Dünger belastet. Eine Umweltmaßnahme soll helfen. Naturschützer und Landwirte sind dagegen.
Foto: Friso Gentsch/dpa
Röhrichte, Graugänse, Silberweiden: Auf den ersten Blick ist der Dümmer, mit 16 Quadratkilometern Niedersachsens zweitgrößter Binnensee, eine Idylle. Doch der extrem flache See im Landkreis Diepholz ist durch Nährstoffeinträge belastet: Phosphatdünger aus der Landwirtschaft gelangt durch Abschwemmung in den See. Und da der Dümmer auch noch eingedeicht ist, fällt die Filterwirkung der umliegenden Moore und Auen weg – Algen und Sauerstoffmangel sind die Folge, Verschlammung, sterbende Unterwasserpflanzen und Fische.
Seit Jahrzehnten ist der Dümmer deshalb schon ein ungelöster Sanierungsfall. Jetzt plant die Landesregierung den Bau eines vorgelagerten Schilfpolders, rund 220 Hektar groß, als Überflutungsfläche zur biologischen Vorreinigung.
Niedersachsens Umweltminister Christian Meyer (Grüne) lobt das Projekt als „großen Schritt“, mit dem der Phosphateintrag in den Dümmer auf durchschnittlich nur noch vier Tonnen pro Jahr begrenzt werden kann. Endlich würde man damit der EU-Wasserrahmenrichtlinie entsprechen, die einen guten ökologischen Zustand aller Gewässer vorschreibt. Rund 65 Millionen Euro stehen für den Polder zur Verfügung.
Das Problem: Der Polder hätte negative Auswirkungen auf die Natur. „Die Polderlösung sehen wir äußerst kritisch“, sagt Matthias Schreiber vom Umweltforum Osnabrücker Land. „Diese Kombination aus Kläranlage und Hochwasserrückhaltebecken soll teilweise im EU-Vogelschutzgebiet Dümmer errichtet werden.“
Umweltschutz versus Artenschutz
Tatsächlich sollen rund 35 Hektar des Vogelschutzgebietes dem Polder zum Opfer fallen. Zudem ein nach Bundesnaturschutzgesetz geschütztes Biotop. „Es werden hierdurch auch Lebensräume geschützter Arten wie Fledermäuse und Vögel betroffen sein“, hat Meyers Ministerium im Herbst 2024 auf eine Landtagsanfrage der CDU-Fraktion eingeräumt. Es werde Ausgleichsflächen geben.
Die Landesregierung habe hier womöglich „am geltenden Recht vorbei“ eine „Abkürzung“ im Sinn, kritisiert das Umweltforum. Es verfahre nach dem Motto: „Wir beeinträchtigen ein europäisches Schutzgebiet zwar erheblich, aber wir werden ja kompensieren und alles ist gut!“ Seit Mitte Juni liegen die Planungen des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) beim Landkreis Osnabrück, der Genehmigungsbehörde.
„Im anstehenden Genehmigungsverfahren werden wir jedenfalls als Alternative dezentrale Lösungen einfordern“, sagt Schreiber. Der Vorschlag des Forums: „Mit der Fläche für den Polder könnte man beispielsweise 110 Kilometer Fließgewässer beidseits mit zehn Meter breiten Randstreifen ausstatten. Die würden nicht nur Nährstoffe puffern und reinigen, sondern wären gleichzeitig auch ein wertvoller Biotopverbund. Und die bisher eingeplanten 65 Millionen sollten dafür ebenfalls ausreichen.“
Die Ablehnung des Projekts kommt auch von anderer Seite: „Wir würden uns für eine Alternativlösung aussprechen“, sagt Friedrich Brinkmann, Geschäftsführer des Landvolks Osnabrück. „Vor allem wünschen wir uns, dass wir Landwirte proaktiv in die Planungen eingebunden und nicht nur mit ihren Beschlüssen konfrontiert werden.“
Minister Meyer behaupte, alle Flächen für den Polder stünden bereits zur Verfügung. „Aber das stimmt nur für rund 50 Hektar, der Rest ist weiterhin in Privateigentum“, sagt Brinkmann. „Da stellt man die Interessen der Betroffenen zurück, und das stört uns.“
Dem Landvolk gehe es „nicht um Verhinderung, sondern um Interessensausgleich“. Und es gebe andere Wege, zum Ziel zu kommen. „Die Landwirtschaft hat bereits freiwillig viel dafür getan, den Phosphoreintrag zu reduzieren. Und im Dümmereinzugsgebiet haben wir mit dem Ausbau von Gewässerandstreifen schon viel Erfahrung.“ Ein Polder diene vor allem dem Tourismus am See: „Je weniger Phosphor, desto weniger Algen. Je weniger Algen, desto weniger Badeverbote.“
Die Landwirte sieht Brinkmann dabei planerisch marginalisiert: „Dabei würden bei manchen Betrieben bis zu 30 Prozent der bisherigen Betriebsfläche wegfallen.“ Brinkmann prognostiziert zudem, dass der 65-Millionen-Euro-Etat nicht reicht: „Angesichts der hohen Baupreise wird das vermutlich dreistellig.“
Fast 300 Vogelarten sind für den Dümmer nachgewiesen, vom Austernfischer bis zum Silberreiher, vom Kiebitz bis zur Lachmöwe. Er ist ein „international herausragendes“ Rastgebiet für zahlreiche Wat- und Wasservögel, so der NLWKN. Hier den Vogelschutz zu beeinträchtigen, kann schwere Folgen haben.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert