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Sag mir, was du liest

Urlaubszeit ist Bücherzeit. Unsere Autorin arbeitet als Buchhändlerin – und hat über die Jahre ganz verschiedene Lesende kennengelernt. Eine Typologie

Von Luciana Ferrando (Text) und Yvonne Kuschel (Illustrationen)

Eine Stimme reißt mich aus den Welten der frisch eingetroffenen Bücher, in denen ich seit einer halben Stunde blättere. Ich war so vertieft, dass ich die Kundin nicht gehört habe, als sie die Tür öffnete. Sie ist eine der wenigen Menschen, die an diesem heißen Samstagnachmittag in die Buchhandlung kommen und die alle dasselbe sagen: „Kühl hier.“ Wenn es draußen nicht 34 Grad hätte, wäre mehr los, dann könnte ich nicht so lange in einer dunklen Ecke sitzen und lesen – außer vielleicht im Winter bei minus 15 Grad und Schneesturm. Dann würden die Leute beim Reinkommen wahrscheinlich sagen: „Warm hier.“

An normalen Tagen passiert es leider ziemlich selten, dass ich viel Zeit zum Lesen habe. Jedenfalls nicht so oft, wie ich es mir vorgestellt hatte, als ich schon als Teenagerin davon träumte, Buchhändlerin zu sein. Vor meinem inneren Auge sah ich mich auf einer Fensterbank liegen, mit einer Tasse Kaffee in der einen Hand und einem offenen Buch in der anderen. Um mich herum Büchertürme und eine in der Sonne schlafende Katze.

Ein ähnliches Bild scheinen viele Kund*innen im Kopf zu haben, wenn sie an diesen Beruf denken. Oft höre ich Sprüche wie: „Schön, den ganzen Tag lesen und so …“. „Schön wäre es“, denke ich, nicke aber nur, denn ich möchte ihre Fantasie nicht zerstören.

Umgekehrt romantisiere ich sie als Lesende. Ich ordne sie alle der selbsterfundenen Kategorie der Genussleser*innen zu und, weil ich von ihnen gelernt habe, dass „jedes Wetter Lesewetter ist“, stelle ich sie mir lesend in jeder Lebenslage vor: am Kaminfeuer, mit den Füßen im See oder an einem regnerischen Tag in einem Café. Als müsste niemand von ihnen arbeiten, als hätten sie keine Sorgen oder als wollten sie in ihrer Freizeit nichts anderes tun als zu lesen.

Dabei gibt es genauso viele Arten von Leser*innen und Buchkäufer*innen wie Bücher, Buchläden und Buchhändler*innen. Einige der prägnantesten Typen habe ich nach Jahren intensiver Beobachtung in zwei Buchhandlungen folgendermaßen kategorisiert:

Die Ernsten

Sie lieben die bunten Bände der edition suhrkamp-Reihe zu politischer Bildung, linker Theorie, Philosophie und literarischen Debatten. Sie bleiben an den Sachbuchtischen und -regalen, setzen ihre Brille auf, machen handschriftliche Notizen und brauchen fast nie Tipps oder Hilfe. Sie wissen immer genau, was sie wollen. Am Ende kommen sie mit ihrem Bücherstapel zur Kasse: „Die“, sagen sie, und fragen nach der Quittung. Sie sind nett, aber distanziert. Sie unterhalten sich nur so viel wie nötig. Manche kommen direkt mit einem Zeitungsausschnitt in der Hand zur Kasse und sagen: „Ich möchte das.“ Oder ohne Zeitung: „Ich hätte gerne das neue Buch von Illies.“ Die Romanabteilung besuchen sie normalerweise nicht.

Die Wieder-Lesenden

„Jetzt habe ich Urlaub und kann endlich wieder lesen“, ist einer der Sätze, die ich in dieser Jahreszeit am häufigsten höre. Genauso wie: „Bitte etwas Leichtes, Fröhliches, ohne allzu viele Tiefschläge.“ Ich empfehle dann oft außergewöhnliche Liebesgeschichten wie „Jahre mit Martha“ von Martin Kordić, unterhaltsame Bücher wie „Iowa“ von Stefanie Sargnagel oder kluge, absurde Geschichten wie „Auf allen vieren“ von Miranda July.

Einige Kund*innen lesen im Alltag weniger, weil sie zu viel arbeiten müssen, erzählen sie mir. Andere geben zu, zu viele Stunden mit dem Handy, auf Instagram oder in den sozialen Medien zu verbringen. Wieder andere haben stapelweise Bücher zu Hause. Sie fangen eines an, kommen nicht weiter, kaufen ein neues. Aus verschiedenen Gründen spüren sie alle denselben Wunsch: wieder in die Welten der Bücher einzutauchen und so auf dem Balkon oder am Strand für eine Weile ihren Realitäten zu entfliehen.

Die Tourist*innen

Mit grünen Getränken in der Hand kommen sie herein: sehr junge Menschen in kleinen Gruppen. Sie tragen einen langen Rock über einer breiten Hose und Crocs, unterhalten sich auf Englisch und hören auch beim Betreten des Ladens nicht auf zu reden. Wenn ich „Hallo“ sage, bekomme ich irgendwann ein leises „Hi“ als Antwort. Oft setzt sich eine*r von ihnen in den Sessel und scrollt durch das Handy, während die anderen herumspazieren. Manchmal kommen sie nur kurz rein, und sind im nächsten Augenblick schon wieder verschwunden, als ob sie sich verirrt und gedacht haben, die Buchhandlung sei einer der vielen Secondhandläden der Straße. Oft vergessen sie, die Tür wieder zu schließen.

Die Insta-Tiktok-Crew

Ungefähr gleich alt wie die Tourist*innen, aber ohne Getränke, dafür in weißem Hemd und Schnürschuhen aus Leder, sind jene jungen Menschen, die sich erstaunlich gut mit Büchern – vor allem mit Sachbüchern – auskennen. Sie geben sich gegenseitig Tipps und erzählen, was sie darüber gehört, gelesen oder auf Instagram oder Tiktok gesehen haben. „Hey, hast du ‚Dieser Drang nach Härte‘ von Eva von Redecker schon gelesen?“ „Nein, noch nicht. Aber ich hab das andere von ihr gelesen, ‚Revolution für das Leben‘. Fand ich super.“

Lange habe ich mich gefragt, woher dieses Interesse und das viele Wissen kommen. Dann erzählte mir jemand von Booktok und Bookstagram, wo Bücher empfohlen, diskutiert und zu Trends gemacht werden. Dabei gehe es nicht nur, aber oft um Bücher, die große Emotionen auslösen, schön gestaltet sind und sich gut in Videos präsentieren lassen. Ich bewundere ihre Begeisterung, auch wenn sie mich oft gar nicht brauchen. Falls ich doch mal eine Empfehlung geben darf, antworten sie mit einem „Ja, safe, safe!“ auf jeden Vorschlag.

Die Schenkenden

Welche Menschen besonders oft mit Büchern beschenkt werden? Die Freundin, die fünfzig wird und „alles“ liest. Arbeitskolleg*innen, die den Job wechseln oder in Rente gehen. Das gerade eingeschulte Kind. Mit großem Abstand an der Spitze meiner ganz persönlichen Statistik stehen aber Mütter. Sie zufriedenzustellen, scheint eine Herausforderung.

„Meine Mutti liest gern Klassiker“, fängt ein Kunde an. „Aber nicht Klassiker-Klassiker. Keinen Thomas Mann oder Max Frisch. Klassiker aus den 70ern oder 80ern, von Autorinnen.“ Ich versuche es mit Elfriede Jelinek, Simone de Beauvoir oder Sylvia Plath. Überzeugt wirkt er aber nicht. Er müsse in sich gehen. Konkrete Beispiele für die Lieblingslektüre seiner Mutter habe er auch nicht parat.

Ein anderer Kunde sagt: „Ich brauche eine Mutti für meine Mutti“, und bestellt ein Buch über Angela Merkel. Und eine Kundin meint, sie brauche ein Buch für ihre Mutter, die nach dreißig Jahren als Witwe zum ersten Mal wieder frisch verliebt sei. Die Geschichte berührt mich, und ich will mehr wissen. „Sie hat ihn auf einer Reise kennengelernt und ist gerade zu ihm gezogen.“ Die Kundin entscheidet sich für Isabel Allende. Nicht, weil sie die Autorin besonders möge, aber diese komme aus Chile – dem Land, in dem ihre Mutter gerade mit ihrer neuen Liebe lebt. Außerdem gebe es bei Allende Kitsch und Epos, „was gerade gut zu meiner Mama passt“.

Die Stammkund*innen

Es gibt auch diejenigen, die alles kaufen, was wir im Schaufenster oder auf unserem Neuheitentisch präsentieren. Sie vertrauen blind unseren Tipps und sind immer auf dem neuesten Stand. Und es gibt jene, die es auf Titel abgesehen haben, die manchmal nicht einmal antiquarisch zu bekommen sind, oder die wir bei Universitätsverlagen außerhalb Europas bestellen müssen. Es gibt Mütter mit vielen Kindern, die regelmäßig unseren Pixi-Ständer plündern, Südostasienspezialist*innen, die jedes Jahr Zeit dort verbringen und Bücher zu den unterschiedlichsten Ländern und Themen suchen, Kund*innen mit einer Leidenschaft für Pädagogik oder Psychologie, für Punk oder für die DDR, Nachbar*innen und sogar einige tazler*innen.

Manche unterhalten sich gern über Literatur und lassen sich beraten. Andere stöbern lieber stundenlang und lesen in aller Ruhe die ersten Seiten ihrer Vorauswahl auf einem Sessel neben der Lampe. Sie alle sind unterschiedlich.

Was sie verbindet: Sie kommen immer wieder und bestellen und kaufen ihre Bücher lieber bei uns als bei Onlineplattformen. Sie sind Stammkund*innen – also das Herz jeder Buchhandlung. Ohne sie gäbe es kleine Buchhandlungen schon längst nicht mehr.

Die Genießer*innen

Und ja, auch wenn längst nicht alle Leser*innen zu dieser Kategorie gehören – es gibt sie natürlich auch. Eine Standardantwort auf meine Frage: „Soll ich es als Geschenk einpacken?“, lautet: „Es wird sofort gelesen.“ „Also to go“, sage ich, und die Kund*innen lachen. Oder: „Nein, danke, das ist für mich.“ Dann ziehe ich ein Ass aus dem Ärmel und biete an, das Buch trotzdem in Papier einzuschlagen. Die meisten lachen überrascht, winken dann aber ab: „Nein, danke, das ist Verschwendung“, oder: „Behalten Sie das schöne Papier lieber für andere.“

Die Kundin, die ich nicht hereinkommen gehört hatte, reagiert auf mein „Ich kann das auch für dich einpacken“ mit einem Lächeln. Sie überlegt einen Moment lang. „Ja! Warum nicht?“, antwortet sie schließlich. Also packe ich das Buch besonders schön ein: mit Schleife, Lesezeichen und allem, was dazugehört. Sie bedankt sich und dreht sich auf dem Weg zur Tür noch ein paar Mal nach mir um. Das Buch hält sie fest an ihre Brust gedrückt, ihre Augen glänzen.

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