Russland und die AfD: Putins blaue Helfer

Rechtspopulisten suchen die Nähe zu Russland. Was nützt das AfD-Politikern und dem Regime in Moskau?

Eine Illustration zeigt Verfelchtungen zwischen europäischen Rechtspopulisten und Russland

Illustration: Eleonore Roedel

Vor vier Wochen greift Angela Merkel zu deutlichen Worten. An einem Freitag Anfang Februar steht die Kanzlerin an einem Redepult in der neuen Zentrale des Bundesnachrichtendiensts, die an diesem Tag in Berlin-Mitte eingeweiht wird. „Wir müssen lernen, mit Fake News als Teil der hybriden Kriegsführung umzugehen“, sagt Merkel und warnt vor den Gefahren, die von Desinformationskampagnen ausgehen. Oft, sagt die Kanzlerin, handele es sich dabei auch um gezielt eingesetzte staatliche Propaganda.

Nicht nur in Deutschland, sondern überall in der EU wächst vor der Europawahl im Mai die Sorge, Länder wie Russland könnten versuchen, in den Wahlkampf einzugreifen. Mit Desinformation, Bots und Trollen, aber auch mit Unterstützung der EU-Feinde in der EU selbst: den Rechtspopulisten.

Hinweise darauf, dass Moskau diesen unterstützen könnte, gibt es viele. Putin half Marine Le Pen bereits mit Krediten, tanzte auf der Hochzeit von Österreichs Außenministerin Karin Kneissl, und vor zwei Wochen meldete die Zeitung L’Espresso, Italiens Innenminister Matteo Salvini habe beim russischen Präsidenten angeklopft, um mit einem schmutzigen Öldeal seinen EU-Wahlkampf zu finanzieren.

Viele europäische Rechtspopulisten suchen seit Langem die Nähe zu Moskau. Sie bewundern Putin als personifiziertes Gegenmodell zu dem aus ihrer Sicht liberal verkommenen Westen. Russland gibt vielen eine Idee von dem autoritären System, das sie selbst anstreben: mit einem starken Führer, der den vermeintlichen Volkswillen exekutiert und die Eliten entmachtet, mit einer Absage an den Islam, Homosexuelle und die demokratische Zivilgesellschaft.

Zugleich finden sie in Putins Einflussbereich die weltpolitische Bühne, die ihnen ansonsten oft noch verschlossen ist.

Schon 2014, die AfD war erst wenige Monate alt, war Alexander Gauland zu Gast in der russischen Botschaft. ­Gauland, damals noch Landeschef in Brandenburg, ist heute Vorsitzender der Partei. Kurz nach dem Besuch trat er mit dem Kreml-Lobbyisten ­Wladimir Jakunin bei der Konferenz „Frieden mit Russland“ des rechtsextremen ­Magazins Compact auf. Er reiste nach Sankt Petersburg, traf einen nationa­listischen Oligarchen und diskutierte mit dem radikal antiliberalen Philosophen Alexander Dugin, den das US-Magazin Foreign Affairs „Putins Hirn“ taufte.

Und so ging es weiter: AfD-Politiker reisten zu Konferenzen in die Ost­ukraine, wanzten sich an die Putin-Jugend ran, trafen sich in Moskau mit der Kremlpartei oder der Stadtregierung. Sie nahmen am Jalta-Wirtschaftsforum auf der völkerrechtswidrig annektierten Krim teil, beobachteten Wahlen in Russland – oder im ukrainischen Donbass, wo von Moskau unterstützte Separatisten Wahlen abhalten ließen.

Stephan Meister beobachtet all das besorgt. Der Politikwissenschaftler ist Russland-Experte bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Leiter des Robert-Bosch-Zentrums für Mittel- und Osteuropa und Russland. „Das wichtigste Anliegen Russlands ist, die EU zu destabilisieren“, sagt Meister. „Die Hauptsache ist, den Mainstream zu schwächen. Alles, was dazu beiträgt, ist attraktiv.“ Und so sind Parteien wie die italienische Lega, die FPÖ aus Österreich, der französische Rassemblement National (der früher Front National hieß) oder eben die AfD attraktive Partner für den Kreml. Niemand setzt der EU heute stärker zu als sie.

Oft wird gemutmaßt, Russland lasse ihnen deshalb Geld zukommen. Doch das wurde, mit Ausnahme eines Millionenkredits für den französischen Rassemblement National aus dem Jahr 2014, bislang nicht nachgewiesen. Tatsächlich ist die wichtigste Währung, mit der Moskau Europas Populisten stützt, Aufmerksamkeit. „Es geht bei russischer Einflussnahme vor allem um Präsenz rechter Politiker in klassischen Medien und in sozialen Netzwerken“, sagt Stephan Meister.

Mandat aus Marzahn

Gunnar Lindemann ist Berliner AfD-Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 1. Seit der Wiedervereinigung gingen die Direktmandate hier an die Linkspartei. Bis Lindemann kam: Mit 2 Prozent Vorsprung holte er 2016 das Direktmandat, seitdem sitzt er im Berliner Abgeordnetenhaus. Lindemann, 48, gebürtiger Wuppertaler, ist ein bulliger Mann, für ein Treffen hat er ein Café im ersten Stock eines Einkaufszentrums in Berlin-Marzahn vorgeschlagen. Er sitzt an einem der kleinen Tische, vor ihm steht ein Cappuccino. Lindemann erzählt bereitwillig, zwei Stunden lang.

Wegen der rund 30.000 Russlanddeutschen in seinem Wahlkreis habe er eine russischsprachige Mitarbeiterin eingestellt, sagt er. Seine Pressemitteilungen lässt er ins Russische übersetzen und an russische Medien verschicken. Seine Flugblätter verteilt der AfD-Politiker vor dem Mix-Markt in Marzahn, der Pelmeni, Fondant-Konfekt und russische Wurst verkauft, im Abgeordnetenhaus setzt er sich für eine Bahn-Direktverbindung zwischen Berlin und Kaliningrad ein. Diese, sagt Lindemann, wünschten sich viele Russlanddeutsche in der Stadt.

Das hört sich nach harmloser Service-Politik an, doch Lindemann macht noch mehr. Dreimal reiste er allein 2018 auf die Krim, weitere dreimal in die von prorussischen Truppen besetzte Region Donbass im Osten der Ukraine. Als die international nicht anerkannte „Volksrepublik Donezk“ im November 2018 Wahlen abhielt, war Lindemann „internationaler Wahlbeobachter“. Das klingt nach OSZE, der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, und nach demokratischer Kontrolle. Und so soll es auch klingen.

„Diese Wahlbeobachtungen sollen suggerieren, dass alles in Ordnung ist, aber das ist es nicht“, sagt Anton Shekhovtsov. Der zuletzt in Wien forschende Politikwissenschaftler ist einer der besten Kenner der Kooperation zwischen Putins Russland und den extremen Rechten in Westeuropa, sein Buch „Tango Noir“ gilt als Standardwerk. Darin zeigt Shekhovtsov auch ein weit verzweigtes Netzwerk von Vereinen auf, die solche Wahlbeobachtungen organisieren. „Mit ihrer Hilfe versucht das Putin-Regime, die demokratische Fassade aufrechtzuerhalten und dem russischen Volk zu zeigen: Wir halten uns an die demokratischen Spielregeln.“

Lindemann wollte in Donezk ein Oktoberfest organisieren, bei dem sich die deutschsprachige Bevölkerung hätte treffen können. „Brezeln und Würste hätten wir da hergestellt, ich hätte süßen Senf aus Deutschland mitgebracht.“ Doch diese Pläne habe man „aus Sicherheitsgründen leider auf Eis gelegt“.

Auch ohne Oktoberfest habe er „ausgezeichnete Kontakte“ zur Regierung der „Volksrepublik Donezk“, erzählt Lindemann im Café. Von seinen Reisen – etwa im November – hat er in den sozialen Netzwerken zahlreiche Fotos gepostet: Lindemann im dunklen Anzug bei der Amtseinführung des neuen „Präsidenten der Volksrepublik“. Lindemann bei einem Vortrag vor Studenten in Donezk, vor sich auf dem Tisch ein Deutschlandfähnchen. Lindemann zu Gast in einem Waisenhaus, umringt von Kindern, die aus Papier gebastelte Friedenstauben halten. Lindemann bei einem Besuch im leeren Fußballstadion. Und natürlich: Lindemann als Wahlbeobachter beim Händeschütteln mit anderen Anzugträgern.

Die Botschaft ist klar: Lindemann macht Außenpolitik. Ungewöhnlich für einen Berliner Landespolitiker aus Marzahn. Dass Lindemanns Partei in Deutschland in der Opposition ist, er selbst nur im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt, ist für die selbsternannten Regierungen der Krim und im Donbass nicht so wichtig: Für sie ist er der deutsche Abgeordnete, der internationale Anerkennung verheißt. Sie hofieren ihn wie einen Staatsmann.

Der AfD wiederum helfen solche internationalen Auftritte, ihre sonstige außenpolitische Leerstelle zu überspielen. „Hier können sie zeigen, dass sie gerade zu einem der für Deutschland wichtigsten Staaten gute Verbindungen haben und Brücken zu denen bauen, die Trump und der US-Militärgewalt die Stirn bieten. Das ist gut in sozialen Netzwerken zu verkaufen“, sagt der Politologe Meister. „Es gibt natürlich Akteure im Kreml, die das vordenken, aber nicht in dem Sinne, dass sie alles selbst steuern würden. Die Medien tun dies dann schon von selbst, eher dezentral, gemäß einem zentral ausgegebenen Narrativ.“

Zwar schauen nur wenige WählerInnen aus der Zielgruppe der AfD selbst Sender wie das Kreml-finanzierte RT Deutschland, dessen Sendungen in Deutschland nur im Netz zu sehen sind. In den sozialen Medien aber lässt sich die Russland-Präsenz der AfD voll ausspielen. Hier können sie zeigen, dass sie Anerkennung eines anderen Staates bekommen, der bei der eigenen Klientel sehr beliebt ist. Dass Fakten und Fake News dabei immer mehr verschwimmen, stört die Klientel nicht, wie etwa der angebliche Entführungsfall Lisa gezeigt hat.

In den sechs Monaten vor der Bundestagswahl 2017 seien Politiker der Linken und der AfD bei Medien aus der russischen Sphäre gleichermaßen auf Sendung gewesen, sagt Meister und meint die großen Medien in Russland wie auch die Kreml-finanzierten Auslandssender. Oft ging es um Flüchtlinge und das Versagen der Bundeskanzlerin. Ungefähr drei Monate vor der Wahl kam fast nur noch die AfD zum Zug – die migrationskritische Linie der Interviews funktionierte mit den Linken nicht so gut. „Im russischen TV bekommt man das Gefühl, die AfD ist die wichtigste Partei in Deutschland,“ sagt Meister. In rechten deutschen Medien oder bei RT Deutsch würden die Beiträge dann verlinkt.

Im Zuge dieser Recherche hat die taz auch RT Deutsch, das Russische Haus und die Russische Botschaft um einen Gesprächstermin gebeten. Keiner wollte reden.

Die mediale Präsenz der Russland-Diplomaten von eigenen Gnaden lässt die AfDler stärker erscheinen, als sie tatsächlich sind. Ein Berliner Thinktank hat aufgelistet, wie viele AfDler in den vergangenen Jahren in Russland aktiv waren. Zumindest soweit das öffentlich bekannt ist. Die Liste liegt der taz vor: Nur zwanzig Namen stehen darauf. Zahl und Intensität der Kontakte der AfD nach Russland sind also begrenzt.

Anders als zu den sozialistischen Parteien während des Kalten Krieges gebe es auch keine wirklichen ideologischen Bande zwischen dem Kreml und den Rechtspopulisten, sagt Russland-Experte Meister. „Die russische Seite ist heute komplett ideologiefrei.“ Zwar gebe es in der russischen Elite auch Ideologen, die traditionelle Werte und Familienbilder sowie Homophobie propagieren und entsprechende Schnittmengen zu den Rechten in Westeuropa hätten. „Aber denen, die die Vernetzung mit den Rechten in Europa initiieren, verwalten und vorantreiben, geht es um Machterhalt und Großmachtbildung. Und da geht man pragmatisch vor.“ Die EU gelte als Sicherheitsanhängsel der Amerikaner. „Deshalb geht es den Russen darum, die EU zu schwächen und zu spalten, egal mit welchem Partner. Alles, was funktioniert, ist willkommen.“

Für AfD-Politiker wie Gunnar Lindemann ist dies durchaus lukrativ: „Ich knüpfe dort Kontakte für unsere mittelständischen Unternehmen hier in Marzahn.“ Auch in Moskau habe er bereits Vertreter der Handelskammer getroffen, um Geschäfte anzubahnen. Genau so, sagt der Russland-Experte Anton Shekhotsov, versuche die AfD finanziell von ihrer Russland-Connection zu profitieren: „Sie bekommen Spenden von mittelständischen Unternehmen. Wenn sie nach Russland gehen, sprechen sie mit Funktionären oder Geschäftsmännern und sagen: ‚Wir haben diese Leute, die sind gut, sie geben uns Spenden. Vielleicht könnten Sie mit ihnen zusammenarbeiten?‘“ Diese Geschäfte seien wichtig für die Partei, gerade weil deutsche Großunternehmen mit der AfD wenig zu tun haben wollen.

Nur ein Medienhype

Oft heißt es, die Begeisterung der AfD für Russland rühre auch daher, dass die rund zwei Millionen Russlanddeutschen eine ihrer wichtigsten Wählergruppen seien. Belege dafür gibt es allerdings nicht: Laut einer Studie der Universität Duisburg-Essen stimmten bei der Bundestagswahl 2017 etwa 15 Prozent der Russlanddeutschen für die AfD – nur unwesentlich mehr als die Gesamtbevölkerung also. Die Vorstellung, die Russlanddeutschen seien eine Bastion der Rechten, sei „ein klassischer Medienhype“, sagt der Studienleiter Achim Goerres.

Mit angefacht hat diesen Hype Waldemar Herdt, Mitglied der „Russlanddeutschen in der AfD“. Er sagt, die besondere Nähe der Russlanddeutschen zu seiner Partei ergebe sich aus den konservativen Werten, aus Familie und Religion. Herdt, 56, evangelikaler Christ, stammt aus Kasachstan, mit 33 wanderte er nach Deutschland aus. Bevor er in den Bundestag einzog, war er selbstständiger Unternehmer. Herdt empfängt in seinem Büro im Berliner Regierungsviertel, hinter seinem Schreibtisch stehen zwei große Fahnen: die deutsche und die niedersächsische. Als sein Mitarbeiter Kaffee bringt, bittet Herdt ihn, das Gespräch mit seinem Handy aufzuzeichnen. Herdt ist misstrauisch.

In Deutschland gebe es eine „sich immer mehr abzeichnende Russophobie“, sagt Herdt, in seinem Deutsch klingt die kasachische Herkunft nach. Moskau werde nur als Aggressor betrachtet. Dabei sei Sicherheit nur mit Russland möglich. Dazu könnten Russlanddeutsche beitragen, sagt Herdt. „Denn wir wissen, wie die Russen ticken.“

Spricht man mit Herdt über Putin, klingt Bewunderung durch. Unter Jelzin habe Chaos geherrscht, die Russen hätten sich gehasst. „Putin aber hat ihnen die Würde zurückgegeben. Sie sind jetzt stolz, Russen zu sein. Und auf einmal sind die Straßen wieder sauber, die Häuser sehen ganz anders aus, die Wirtschaft steigt auf.“ Tatsächlich aber steigt die Wirtschaft wieder ab: Nach der Boomzeit der Nullerjahre, als die Wachstumsraten zeitweise bei 8 Prozent lagen, hat eine Krise in den Jahren 2015 und 2016 das Wachstum auf zuletzt 2,3 Prozent gebremst. Herdt ist sich aber sicher: Versuche man, „unsere Demokratie darein zu pflanzen“, würde dies das Land erneut ins Chaos stürzen.

Herdt reist oft nach Russland. Im April 2018 war er mit Lindemann und mindestens sieben weiteren AfD-Abgeordneten beim Jalta-Wirtschaftsforum auf der Krim, im März 2018 als Wahlbeobachter bei der Duma-Wahl in Moskau. „Die Russen feiern die Freiheit, wählen zu dürfen“, sagt Herdt. Dass der bedeutendste Putin-Gegner, Alexei Nawalny, nicht kandidieren durfte, erwähnt Herdt nicht. Auch davon, dass die Krim völkerrechtswidrig annektiert worden ist, will er nichts wissen. „Ich bin nicht so ein Fan dieser Aussage“, sagt Herdt. Er spricht von einer „freiwilligen Entscheidung“. Im Übrigen sei die Krim ein Land wie jedes andere.

Im Bundestag will sich Herdt für die Interessen der Russlanddeutschen einsetzen. Er hat einen Mitarbeiter eingestellt, der sich mit ihrer Geschichte auskennt: Heinrich Groth, selbst Russlanddeutscher, der als Vorsitzender der Gesellschaft „Wiedergeburt“ bis 1993 in Moskau die Interessen der Sowjetdeutschen vertrat und nach seiner Darstellung Tausende dazu brachte, sich nach Deutschland aufzumachen. Heute gilt Groth als prorussischer Propagandist, der selbst Herdts Fraktionskollegen nicht ganz geheuer ist.

Fraktionschef Alexander Gauland bat deshalb den damaligen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen zu prüfen, ob Groth ein russischer Spion sei. Maaßen gab schließlich Entwarnung.

Öffentlich hatte Groth im Januar 2016 auf sich aufmerksam gemacht, als er zum „Fall Lisa“ eine Demonstration vor dem Kanzleramt anmeldete. Neben Hunderten Russlanddeutschen kamen auch Rechtsextremisten, obwohl die Vergewaltigung des russlanddeutschen Mädchens Lisa komplett erfunden war. Russische Staatsmedien griffen die Geschichte auf und behaupteten, Flüchtlinge seien Täter der mutmaßlichen Verschleppung, deutsche Ermittlungsbehörden würden die Tat vertuschen.

Groth arbeitet weiter für Herdt. Zum „Fall Lisa“ sagt Herdt noch heute, es habe sich „nicht alles“ als falsch herausgestellt, „nicht alles“. Belege dafür nennt er nicht.

Nach einer knappen Stunde mahnt Herdts Mitarbeiter zum Aufbruch. Herdt muss zum Flughafen. „Ich fliege nach Russland.“

Frieden mit Russland, gute Wirtschaftsbeziehungen für den Mittelstand, christliche Familienwerte für anständige Konservative – wer die AfDler, die es gen Osten drängt, reden hört, kriegt meist Dinge zu hören, gegen die sich kaum etwas einwenden lässt. Doch Russland ist für viele von ihnen eben auch ein Vorbild für einen Staat, wie sie sich ihn vorstellen.

Einer der reisefreudigsten Russland-Fans in der AfD ist Markus Frohn­maier, 28, ein kleiner Mann mit rundem Gesicht, ziemlich kahlem Schädel und Bart. An einem Freitag Anfang Januar steht er an einem der hohen Tische in der Sachsen-Arena in Riesa, auf der Leinwand hinter ihm wird das Geschehen aus der Halle übertragen: Die AfD stellt auf einem Bundesparteitag ihre KandidatInnen für die Europawahl auf. An den Ständen werden Wurstgulasch, Currywurst und Fusilli mit Bolognese angeboten, am Getränkestand warnt ein Schild: „Verkauf alkoholischer Getränke erst ab 18 Uhr“. Immer wieder bleiben Delegierte stehen, halten Frohn­maier die Hand hin oder klopfen ihm auf die Schulter. Der junge Baden-Württemberger, der seit anderthalb Jahren im Bundestag sitzt, ist in der Partei gut vernetzt.

Frohnmaier gehört zum radikal rechten Rand der AfD, er war Sprecher der ehemaligen Parteichefin Frauke Pet­ry und hat während des Bundestagswahlkampfs für Alice Weidel gearbeitet, der heutigen Fraktionschefin. Von Mai 2015 bis Februar 2018 war er Chef der Jungen Alternative (JA), die noch radikaler als die Mutterpartei ist.

Im März 2015 war Frohnmaier bei der „Association Dialogue Franco-Russe“ in Paris zu Gast, einer Organisation rechter Katholiken, die den Front National auf Pro-Putin-Kurs getrimmt hat. Bald darauf reiste er in die Ostukraine, wo er auf dem „Donbass-Forum“ mit einem Politiker des Front National über „Frieden in der Ukraine“ diskutierte. Als JA-Vorsitzender hatte Frohnmaier fleißig internationale Kontakte zu Gleichgesinnten im Osten geknüpft.

„Ich habe immer versucht, die JA internationaler aufzustellen“, sagt er dazu bei dem Gespräch in Riesa. Im April 2016 trafen sich er und sein JA-Co-Vorsitzender mit Robert Schlegel, Spitzenfunktionär der Putin-Partei Vereinigtes Russland, es ging um eine Zusammenarbeit zwischen Putins Partei­nachwuchs „Junge Garde“ und der JA. „Eine formelle Kooperation wurde nicht vereinbart“, sagt Frohnmaier. Im Dezember traf er sich mit Konstantin Petritschenko, Chef der Abteilung für internationale Verbindungen der Kremlpartei, und deren Jugendorganisation, der Vereinigten Jugendfront. So geht es weiter: Reisen nach Russland, in den Donbass, auf die Krim, alles dabei. Und immer wieder auch Serbien. Sein Interesse an Osteuropa, sagt Frohn­maier, sei auch in seiner Biografie begründet. Er ist in Rumänien geboren, mit einem Jahr wurden er und seine Zwillingsschwester von einem schwäbischen Ehepaar adoptiert. Seine Frau stammt aus Russland, das gemeinsame Kind wächst mehrsprachig auf. „In Osteuropa“, sagt Frohnmaier, seien noch christliche Werte auffindbar: „Die Familie und die Nation haben dort einen anderen Stellenwert.“

Fragt man ihn, warum er in Gebiete wie den Donbass oder auf die Krim fahre, sagt er: „Ich bin Entwicklungspolitiker, mich interessiert, wie es den Leuten dort geht.“ Wenn er dort auftrete, vertrete er deutsche Interessen.

Man kann das auch anders sehen. Als Putin die Krim annektieren ließ, kommentierte Frohnmaier auf Facebook: „Ich beglückwünsche die Bürger der Krim zum Erringen der Unabhängigkeit von der Ukraine.“ Am Stehtisch in Riesa sagt er: „Historisch betrachtet war die Krim immer ein Teil Russlands.“ Von den Wirtschaftssanktionen gegen Russland hält er entsprechend nichts. „Russland ist nach wie vor ein wichtiger Absatzmarkt für deutsche Produkte“, sagt er.

Die neoeurasische Idee von Dugin

2015 war Frohnmaier mit Gauland auf Reisen. In Sankt Petersburg traf die kleine Reisegruppe den Putin-Vertrauten Alexander Dugin, den faschistischen Ideologen, der als Vordenker der neoeurasischen Idee gilt. Dugin ist ein orthodoxer Christ und eine Schlüsselfigur in einem internationalen Netzwerk antiwestlicher Bewegungen und Parteien. Er lehnt die westliche Weltsicht und die Demokratie gleichermaßen ab und kämpft für eine autoritäre Zivilisation in „Eurasien“. Dies erdachte er lange als großrussisches Reich in Opposition zu den USA. Doch seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten dämpft Dugin seinen offenen Antiamerikanismus. Er spricht nun von einem „Sumpf“ globalistischer Eliten, der in Amerika und Europa gleichermaßen trockengelegt werden müsse.

Er habe Dugin am Rand der AfD-Delegationsreise kennengelernt, bestätigt Frohn­maier. Weit mehr als Frohn­maier selbst wurde wohl dessen kürzlich entlassener Mitarbeiter Manuel Ochsenreiter von Dugin geprägt. Ochsenreiter ist eine Schlüsselfigur in der prorussischen, extrem rechten Szene in Deutschland. Er steht seit Januar im Verdacht, einen Terroranschlag in der Ukraine finanziert zu haben, um das Land weiter zu destabilisieren.

Gemeinsam mit Ochsenreiter und einem weiteren in dieser Szene sehr wichtigen Mann, dem Polen Mateusz Piskorski, hat Frohnmaier im April 2016 in Berlin das „Deutsche Zentrum für Eurasische Studien“ gegründet, einen Verein, wie es ihn laut Anton Shekhovtsov vielerorts gibt – um „Wahlbeobachtungen“ im Sinne Putins zu organisieren. Der zentrale Mann dabei: Piskorski. Kurz nach der Gründung des deutschen Vereins wurde dieser in Polen verhaftet. Piskorski sitzt seitdem in Untersuchungshaft, im April wurde er erstmals dem Gericht vorgeführt. Der Vorwurf: Spionage zum Vorteil Russlands.

Fragt man Frohnmaier heute nach dem Verein, sagt der, dieser sei aufgelöst und befinde sich in der Austragung. Im Vereinsregister ist das „Deutsche Zentrum für Eurasische Studien“ aber noch zu finden. Frohnmaiers Ex-Mitarbeiter Ochsenreiter nennt den Vordenker der „eurasischen Idee“, Alexander Dugin, einen „väterlichen Freund“. Frohnmaier will zu dem russischen Ideologen nicht viel sagen. Nur: .„Alexander Dugin machte auf mich einen gebildeten und höflichen Eindruck.“

Malene Gürgen ist Redakteurin in Berlin-Teil der taz

Christian Jakob ist Redakteur im Ressort Reportage und Recherche

Sabine am Orde ist innenpolitische Korrespondentin der taz

Eléonore Roedel ist freie Illustratorin und lebt in Berlin

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