Rot-Grün-Rot lässt Tempelhofer Feld frei: Ein künstlicher Aufreger weniger

SPD, Grüne und Linke haben sich geeinigt: Das Tempelhofer Feld wird bis 2026 nicht bebaut. Eine kluge Entscheidung – für alle Parteien.

Menschen sitzen auf einer Grünfläche zusammen

Berlin ganz nah, aber doch schön weit weg: auf dem Tempelhofer Feld Foto: imago

Das Tempelhofer Feld ist seit seiner Eröffnung als grüne weite Fläche 2011 ein Projektionsort für viele Träume. Wer über die Startbahnen des einstigen Flughafens skatet, joggt, radelt oder einfach nur flaniert, kann im Angesicht der Stadt am Horizont die Gedanken schweifen lassen. Manche Po­li­ti­ke­r*in­nen sind dabei schon vor Längerem auf die absurde Idee gekommen, diesen Horizont lieber mit Wohnungen zu verbauen. Die Ber­li­ne­r*in­nen haben das 2014 in einem Volksentscheid verhindert.

Doch die Gedanken sind frei, und so wird seitdem immer wieder von CDU, FDP und zuletzt auch SPD vorgeschlagen, die zugegeben schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt durch Neubau an den Feld-Rändern entlasten zu wollen. Im Wahlkampf war das eine der klarsten Unterscheidungen zwischen den Regierungsparteien SPD auf der einen und Linken wie Grünen auf der anderen Seite.

In den Koalitionsverhandlungen zum Thema Stadtentwicklung haben sich bei dieser Frage allerdings Grüne und Linke durchgesetzt: Am Montagabend wurde bekannt, dass die neue rot-grün-rote Regierung das Tempelhofer Feld – und damit das Ergebnis des Volksentscheids – unangetastet lässt.

Es ist eine weise Entscheidung. Nicht nur für die Hunderttausenden, die diesen Ort jede Woche für Erholung und Sport nutzen. Nicht nur für die Grünen, die damit ein zentrales Wahlversprechen umsetzen konnten. Sondern auch für CDU und FDP, die beiden wichtigen Oppositionsparteien im Abgeordnetenhaus: Sie sind jetzt gezwungen, in Fragen der Baupolitik konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, statt nur Symbolpolitik zu betreiben, indem sie mantraartig Neubau auf dem Tempelhofer Feld fordern. Das kann ihre Arbeit inhaltlich nur stärken; nach dem weitgehenden Totalausfall in den vergangenen fünf Jahren wäre es bitter nötig.

Tempelhof hat eine Bedeutung für die ganze Stadt. Das hat der Volksentscheid belegt.

Es gibt gute Argumente, das Feld frei zu lassen. Wer nicht dem Wahnsinn anheim fällt und gleich die gesamte Fläche mit Wohnungen zubetonieren will, merkt schnell: Das Feld ist zwar eine Option für Wohnungsbau, aber mit seiner möglichen Kapazität von 2.000 bis 10.000 Wohnungen nicht die stadtweit entscheidende – auch wenn es von CDU, FDP und auch der SPD gerne so dargestellt wurde.

Menschen joggen im Abendlicht

Ausspannen von der Stadt in der Stadt Foto: imago

Schließlich will Rot-Grün-Rot insgesamt 200.000 Wohnungen bauen in den nächsten zehn Jahren; die können und sollten auch woanders, gen Stadtrand entstehen. Denn das Feld hat auch die Aufgabe, den überwiegend dicht bebauten Altbauquartieren in seiner Umgebung als Klimaschneise Kaltluft in heißen Sommern zukommen zu lassen. Zudem bietet es als große Freifläche vielen Tieren und Pflanzen innerstädtisches Asyl.

Widerstand auf jedem Acker

All das ist aber nicht mal der entscheidende Punkt für die politische Diskussion über Wohnungsbau in dieser Stadt. Wo gebaut werden soll, gibt es Widerstand aus der Bevölkerung dagegen, nicht selten aus einer sogenannten Nimby-Haltung – not in my backyard, nicht in meinem Hinterhof –, also einer direkten Betroffenheit. Im Falle des Tempelhofer Feldes ist das anders: Es gibt ein gesamtstädtisches Interesse, dort nicht zu bauen, das sich auch in dem Ergebnis des Volksentscheids ausgedrückt hat.

Indem CDU, FDP und SPD dessen ungeachtet immer wieder Tempelhof als Bauland ins Spiel brachten, vermischten sie zwei Debatten: Die um den Wohnungsbau und die, wie mit einem vom Volk beschlossenen Gesetz umgegangen werden soll. Die Feldfrage wurde symbolisch überhöht, auch weil man hoffte, den urbanen grünen und linken Wäh­ler*­in­nen­mi­lieus einen Widerspruch vorhalten zu können: Die forderten zwar Einsatz gegen die Wohnungsnot, ohne aber auf Stadtgrün verzichten zu wollen. Das benachteilige jene, die gerne in der Stadt wohnen wollen, es aber mangels Angebot nicht können.

Diese Argumentation war so verlockend für FDP, CDU und auch SPD, dass sie im Gegenzug die Suche nach schneller und umkomplizierter zu bebauenden Grundstücken vernachlässigten. Der rot-grün-rote Koalitionsvertrag holt das nun nach und weist weitere, bisher nicht für den Wohnungsbau vorgesehene Flächen aus, etwa auf dem Zentralen Festplatz und dem Ex-Flughafen Tegel. Zudem soll ein wesentlicher Teil des Neubaus auf bereits versiegelten Flächen entstehen, etwa durch Aufstockungen von Wohnhäusern und einstöckigen Discountern. So ergibt sich eine Grundlage für künftige Debatten jenseits des Tempelhofer Feldes. Zumindest bis in vier Jahren wieder der Wahlkampf startet.

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Jahrgang 1974, ist Leiter der Berlin-Redaktion der taz. Zuvor war er viele Jahre Chef vom Dienst in dieser Redaktion. Er lebt seit 1998 in Berlin und hat Politikwissenschaft an der Freien Universität studiert.

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