Umnutzung des Flughafens Tempelhof: Eine Flughafenvision

Die Initiative THF.Vision will, dass das Gebäude des einstigen Berliner Flughafens allen gehört. Außerdem sollen es für Kultur genutzt werden.

Adlerkopf vor dem Gebäude des ehemaligen Flughafen

Das Flughafengebäude vom Flughafen Tempelhof in Berlin von außen Foto: Jürgen Ritter/imago

In Berlin baut man Flughäfen am liebsten mitten in die Stadt und wundert sich, dass sie nicht für die Ewigkeit sind. Das war schon im Nationalsozialismus so, als der Flughafen Tempelhof das Deep Space Nine der Nazis sein sollte. Es ist später in Tegel, wenngleich bescheidener, nicht viel anders gewesen. Viele meinten, die Welt geht unter, wenn der Flughafen Tegel geschlossen wird. Und die Zukunft des BER sieht auch nicht rosig aus, zumal die Vergangenheit schäbig war.

Egal wo: Am Ende hat man riesige Gebäude rumstehen und muss sich überlegen, was damit machen.

Während für Tegel konkrete Pläne vorliegen, gilt das für das Nazigebäude des 2008 geschlossenen Flughafens Tempelhof nicht. Immerhin, eine kleine Gruppe von Menschen hat eine Vision: Die Flughafengebäude sollen allen gehören, die zukunftstaugliche Ideen haben, nicht marktwirtschaftlich denken und Platz brauchen. Von dem gibt es im Flughafen Tempelhof mit seinen 7.260 Räumen genug. Ihre Vision erweitert das, was mit dem Tempelhofer Feld erreicht wurde, auch auf das Gebäude.

Ein Ortsbesuch mit Fragen. Und Antworten.

Wer sind die Leute, die eine Vision für den Naziflughafen haben?

Die Initiative, die das Flughafengebäude für nachfolgende Generationen sichern möchte, nennt sich THF.Vision. THF war der Code der Internationalen Luftverkehrsgesellschaft IATA für den Flughafen. Eine der Visionärinnen ist die studierte Lehrerin Heike Aghte.

Wo findet man Heike Aghte?

Das Gelände des stillgelegten Flughafen Tempelhof ist äußerst belebt. Interessierte kommen, um sich im einstigen Flughafengebäude die Ausstellung „Ein weites Feld“ der Topographie des Terrors über die bewegte Geschichte des Flughafens anzusehen oder Räume des noch immer nicht ganz erschlossenen 55 Hektar großen Komplexes zu besichtigen. Vor dem Torhaus am Columbiadamm sitzt Heike Aghte und genießt die Sonne. Immer wieder bitten Menschen die Gesellschafterin von THF.Vision um Auskünfte: „Wer hier sitzt, wird für die Pforte gehalten.“

Was ist THF. Vision?

Die Initiative und gemeinnützige Unternehmergesellschaft THF.Vision wurde „von Menschen gegründet, die sich für eine gemeinwohlbasierte Umnutzung des Gebäudes einsetzen.“ Der Initiative, betont Aghte, gehe es nicht um eigene Räume, sondern darum, die Räume „für Menschen zu öffnen, die eine gemeinnützige, enkeltaugliche urbane Lebens- und Versorgungsweise entwickeln und eine commonsbasierte Kultur etablieren möchten.

Was meint die Initiative mit einer commensbasierten Kultur?

Commons heißt Gemeingut. Eine commonsbasierte Kultur setzt auf einen sozialen und demokratischen Aufbau durch die Allgemeinheit, auf Nutzungsrecht anstelle von Eigentumsrecht: „Dann gehört das Gebäude allen und man bildet Strukturen, es zu verwalten, die nicht so hierarchisch sind“, erklärt Aghte.

Warum wollen Sie das Gebäude des Flughafen Tempelhof zu so einem Common machen?

Der Flughafen, meint Aghte, habe eine geschichtliche Verantwortung. Er ist ein Nazibau. Als Antwort auf die Vergangenheit müsse man zukunftsgerichtet denken und aus dem Gebäude ein Transformationszentrum machen, in dem die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele verfolgt würden, die die Vereinten Nationen in der Agenda 2030 festgelegt haben: „Das Gebäude soll genutzt werden, die Abwehrkräfte gegen Antisemitismus, Rassismus und Hass zu stärken.“

Welche geschichtliche Verantwortung meint THF.Vision?

Heute wird der Flughafen Tempelhof vor allem mit der Luftbrücke assoziiert, bei der die Amerikaner die Ber­li­ne­r*in­nen über den Luftraum versorgten. Der Flughafen ist also positiv besetzt. Doch der Nazibau steht für viel Negatives. Im KZ Columbia, einem der ersten Konzentrationslager am nördlichen Rand des Feldes, lernten KZ-Aufseher quasi „ihr Handwerk“. Und bis Kriegsende verloren tausende Zwangs­ar­bei­te­r*in­nen der Lufthansa und der Weser GmbH auf dem Gelände durch Ausbeutung für die Rüstungsindustrie ihre Gesundheit oder ihr Leben.

Was geschah nach dem Krieg?

Gebäude und Gelände wurden in einen amerikanischen Militär- und einen Zivilflughafen unterteilt. Bis 2007 flogen hier jährlich bis zu 350.000 Fluggäste. Der östliche Teil des Areals war bis zum Abzug der Alliierten Stützpunkt der US-Luftwaffe. Hier überwachten die Amerikaner die Luftkorridore Berlins. Zur Zerstreuung bauten sie für die Soldaten eine Squash-Halle, einen Basketballplatz, Bars und mehr. Wer in das Areal rein wollte, musste sich an der Pforte legitimieren, vor der Aghte nun sitzt. Das 55m² große Pförtnerhäuschen ist mittlerweile selbstverwalteter Community Space.

Und wie wird der Rest des Flughafengebäudes derzeit genutzt?

In dem 300.000 Quadratmeter großen Gebäude sind Dienststellen der Polizei, eine Tanzschule, eine private Universität, eine Kita, eine soziale Einrichtung für Jugendliche, ein Fundbüro und eine Handvoll Gewerbe. Die meisten Räume stehen jedoch leer. Für die Entwicklung der Nachnutzung, das Standortmanagement sowie die Organisation der Baumaßnahmen hat das Land Berlin die Tempelhof Projekt GmbH beauftragt. Politisch beschlossen ist für die Nachnutzung derzeit ein grobes Konzept der GmbH zur perspektivischen Nutzung durch Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft.

Wie unterscheidet sich das Nutzungskonzept von THF.Vision?

Für THF.Vision steht Nachhaltigkeit an erster Stelle: „Unsere Vision ist es, die Nutzung umweltbewussten Unternehmen und Forschungseinrichtungen sowie gemeinnützigen Projekten und Initiativen zu ermöglichen, die sich gegenseitig befruchten und die Nachhaltigkeitsziele voranbringen, sich also für Abschaffung von Armut und für Klimaschutz, starke Bürgerschaft, Gleichberechtigung und mehr einsetzen“, sagt Aghte. Sie alle sollen „ein Zentrum zur Immunabwehr schaffen.“ Kunst und Kultur seien da auch Mittel: „Nachhaltigkeit ohne Kunst und Kultur ist gar nicht denkbar.“

Wie genau soll dies geschehen?

Schritt für Schritt, meint Aghte. Die freie Szene der Künst­le­r*in­nen etwa möchte eine Art Umsonst-Materiallager errichten, im Sinne der Zero Waste-Bewegung. In den fünf Küchen sollen Schulküchen, Kantinen und Verteilstationen mit regionalen Lebensmitteln entstehen. Zuletzt hat die Initiative dem Senat ein Konzept zur Nutzung der Küchen vorgelegt, der daraufhin Bedarf für einen Ernährungscampus anmeldete.

Ist die THF.Vision so etwas wie die Parallelbewegung des Flughafengebäudes zum Tempelhofer Feld, das in einem Volksentscheid ebenfalls zu einem Common erklärt wurde?

Die Bestrebung, die Nutzung zu einem Common zu machen, ist gleich. Ein Volksentscheid aber, so Aghte, sei das letzte Mittel, zu dem man nur greife, „wenn alle anderen Optionen ausgereizt“ sind. Weil ein Volksentscheid langwierig ist. Und weil die Politik ihm nicht folgen muss: „In einer repräsentativen Demokratie ist es üblich, dass die Politik selbst etwas zum Ziel macht.“ Vor einem Volksentscheid stünde daher Überzeugungsarbeit.

Was hat THF.Vision bisher erreicht?

2018 ist es THF. Vision gelungen, das Nutzungsrecht für das Torhaus zu bekommen. Aus dem ehemaligen Pförtnerhaus ist ein partizipativer Ort geworden, mit eigenem Radiosender, Workshops, einer Nahrungsmittelverteilstation und mehr: „Dort nehmen wir im Kleinen in Angriff, was im Großen gemacht werden soll.“ Um Räume im Flughafengebäude selbst zu erhalten, müssten diese den heutigen Sicherheitsbestimmungen wie Brandschutz genügen: „Das tun sie nicht.“

Welche Hürden gibt es?

Zunächst, meint Aghte, müsse das gesamte Flughafengebäude saniert werden. Das aber steht unter Denkmalschutz. Heißt: kein Abriss, keine Veränderungen ohne Absegnung durch das Denkmalamt. Die Sanierung wird zentral gesteuert. Gerade wird das Dach der Tanzschule denkmalkonform saniert. Demnächst stehen die Räume der Polizei an.

Wie kann man mitmachen?

Einfach über die Webseite der Initiative Kontakt aufnehmen. Das Wichtigste aber sei derzeit, das Konzept bekannt zu machen und das Gespräch mit Abgeordneten des Senats zu suchen: „Die sind letztlich verantwortlich.“ Die kommende Legislaturperiode, ist Aghte überzeugt, werde entscheidend.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de