Roman „Sonnenspiel“: Sperr die Journalistin in die Speisekammer
Andrea Grill erzählt in „Sonnenspiel“ eine queere Liebesgeschichte vor malerischer italienischer Landschaft. Der Roman strotzt nur so vor Klischees.
Die Ausgangslage des neuen Romans „Sonnenspiel“ der österreichischen Schriftstellerin Andrea Grill klingt vielversprechend: Die amerikanische Modejournalistin Stella trifft in der Sommerhitze eines apulischen Dorfes auf die prekär arbeitende apulische Näherin Loredana. Als Ich-Erzählerinnen geben beide in Rückblenden, kapitelweise abwechselnd und zeitversetzt, ihre Begegnungen preis. Leider verschenkt die Autorin das erzählerische Potenzial dieser fiktiven Annäherung, indem sie, statt auf vielschichtige Frauenfiguren zu setzen, ihre Protagonistinnen in antagonistisch am Reißbrett entworfene Schablonen presst.
Die geistig arbeitende, politisch denkende, gut verdienende und allem Häuslichen gegenüber unbedarfte Moderedakteurin auf der einen Seite und die handwerklich geschickte, politisch nicht engagierte Dreifachmama, die nach dem Tod ihres Mannes mit ihren drei Kindern wieder bei den Eltern lebt, keinerlei soziale Kontakte pflegt, aber – als idealisierte Italienerin – naturschön ist, im Garten arbeitet und bäuerliches Wissen hat, auf der anderen.
Diese Stereotype lassen keinerlei Spielraum für Ambivalenzen und machen die Handlung bereits nach wenigen Kapiteln erwartbar. Denn selbstredend hat Stella als wandelndes Klischee der übereifrigen kosmopolitischen Weltverbesserin sogleich eine Idee, sobald sie Loredanas gewahr wird: die Arbeitsbedingungen ihrer unterdrückten Schwester im Geiste, die für italienische Luxusmodemarken die finale Feinarbeit in Heimarbeit für einen Hungerlohn anfertigt, mittels eines Enthüllungsartikels anzuprangern. Und natürlich will Loredana, die mit neuen Aufträgen alle Hände voll zu tun hat, von der selbst ernannten Retterin nichts wissen und sperrt die übereifrige Journalistin kurzerhand in die Speisekammer.
Andrea Grill: „Sonnenspiel“. Leykam Verlag, Graz 2026, 256 Seiten, 25,50 Euro, E-Book 19,99 Euro
An dieser Stelle gleicht der Roman bereits mehr einem überzeichneten Filmplot, in dem ein Cliffhanger den nächsten jagt, als einer nuancierten Ausarbeitung eines plausiblen Handlungsverlaufs. Auch Loredanas rasante Kehrtwende von der argwöhnischen, der Touristin gegenüber auf Distanz bleibenden Einheimischen zur Vertrauten und dann – Sie ahnen es – Geliebten vollzieht sich ohne nachvollziehbare Motivation, sodass man als Leser:in zunehmend unwillens ist, dem eingegangenen Fiktionsvertrag die Treue zu halten.
Eigenartiges Italienisch
Die schiere Menge stereotyper Zerrbilder verursacht ebenso Kopfschmerzen wie die eigenartigen Einsprengsel des vorgeblich kolloquialen Italienischen, die Authentizität suggerieren sollen, jedoch unecht klingen: Welche:r Italiener:in, möchte man die Autorin fragen, würde Auberginen „melanzani“ statt des grammatikalisch korrekten „melanzane“ nennen? Selbiges gilt für die internen Fokalisierungen, die immer augenfälliger in Richtung Eintönigkeit verschwimmen, bis man als Leserin irgendwann – nunmehr vollkommen leidenschaftslos – hinnimmt, dass selbst die Kinderstimmen wie die Erzählerinnen klingen.
Auch das zweite Grundmotiv des Romans – die Mode – bleibt oberflächlich. In ermüdenden Monologen tut Stella ihr Wissen mittels Info-Dumping kund: „Weißt du, dass die derzeitige Kreativdirektorin von Dior aus der Gegend hier ist, Maria Grazia Chiuri. Sie stammt aus Tricase, väterlicherseits.[…] Ihr Vater war beim Militär, die Mutter arbeitete als Schneiderin. Maria Grazia Chiuri ist die erste Frau in dieser Position seit der Gründung des Unternehmens im Jahr 1946.“
Dass besagte Kreativdirektorin für den T-Shirt-Schriftzug „We Should All Be Feminists“ ihrer ersten Dior-Kollektion berechtigterweise viel Gegenwind kassierte – immerhin sind 80 Prozent aller Textilarbeiter:innen Frauen, die unter kläglichen Arbeitsbedingungen Kleidung nähen, die privilegierte Feministinnen dann stolz präsentieren, ohne die Ironie zu erkennen: Das scheint die Autorin indes nicht zu tangieren, obschon dies doch der Gegenstand ihres Romanes ist.
Diesen Widerspruch zu offenbaren hätte jedoch vermutlich die krampfhaft unternommene Geschlechteraufteilung im Roman in Gut (Frauen) und Böse (Männer) kompromittiert. Immer wieder entsteht beim Lesen der Eindruck, die Autorin sei davor zurückgeschreckt, literarische Risiken einzugehen. Jede reizvolle Amoralität ihrer Protagonistinnen wird postwendend im Keim erstickt. Dabei hatte der Dichter John Keats den literaturtheoretischen Begriff der „Negative Capability“ bereits 1817 als Prämisse allen großen Dichtens und Denkens geprägt: Jene Fähigkeit also, einen Zustand der Unsicherheit bei komplexen Sachverhalten und ihren zahllosen Wahrnehmungsmöglichkeiten auszuhalten.
Einem Roman jedoch ein fadenscheinig feministisches Gewand überzustülpen – die Schmerzensmadonna im Hosenanzug respektive eine queere Anbandelung – ohne charakterliche Figurentiefe, moralische Uneindeutigkeit oder echte fiktive Ausbrüche aus gesellschaftlichen Konventionen: Das sorgt für lahme Literatur.
„Mach nicht zu viele Pläne, die mich einschließen, ja? Du weißt, wer ich bin. Mutter dreier schulpflichtiger Kinder, einzige Tochter eines alten Ehepaars“, so spricht die Frau im Roman. Auch mit Leykam können Autor:innen, Mitarbeiter:innen und Leser:innen nur noch bis zum Jahresende rechnen: Der österreichische Verlag stellt die Sparten Literatur, populäres Sachbuch und Kinderbuch ab 2027 aus wirtschaftlichen Gründen ein. Die verlegerische Entscheidung sorgte für Erschütterung – anders als der vorliegende Roman.
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