Revolutionärer 1. Mai in Kreuzberg: Die Party ist nicht der Gegner
Man muss nicht klagen über besoffene Partykids, die der Revolutionären Demo im Weg standen. Die Fans von Ikkimel und RAPK sind für Linke die Verbündeten.
A us Sicht der Revolutionären 1. Mai-Demonstration muss von einem Reinfall gesprochen werden. Über Stunden hat es der große Teil des Aufzugs nicht durch die rappelvolle Partyzone in der Oranienstraße geschafft. Zwischen der Spitze der Demo und ihrem nachfolgenden Teil lagen anderthalb Kilometer, und hätte man vorne nicht eine Stunde Pause eingelegt, wäre die Demo für einige beendet gewesen, bevor sie für andere überhaupt begann.
Es ließe sich leicht konstatieren, dass die politische Aktion an der Kreuzberger Mega-Party gescheitert ist. In dieser Lesart, und sie hat ihre Berechtigung, hat die Party den Protest endgültig besiegt und ist Kreuzberg als Ort des politischen Widerstands am 1. Mai Geschichte. Und sicher werden sich die Organisator:innen fragen müssen, ob die Rückkehr in den angestammten Kiez nach zwei Jahren, in denen man in Neukölln verblieben war, nicht ein Fehler war, der zukünftig nicht mehr wiederholt werden sollte.
Doch diese Perspektive ist nur ein Teil der Wahrheit. Richtig ist auch: Die linksradikale Demo hat wieder Massen angezogen, auch wenn eine seriöse Schätzung angesichts der Umstände nahezu unmöglich ist; kursierende Zahlen reichen von 10.000 bis 35.000. Vor allem aber haben ihre Teilnehmer:innen Standhaftigkeit bewiesen. Wer um 18 Uhr am Oranienplatz angekommen und um 22 Uhr noch nicht über den Rio-Reiser-Platz 600 Meter weiter hinausgekommen war, aber dennoch lautstark in den Blöcken verblieb, meinte es ernst. Diese Demo bleibt für viele wichtig und ist mehr als ein Event.
Zur Wahrheit gehört zudem: Die zehntausenden überwiegend jungen Menschen, die in Kreuzberg feierten, sind nicht das Ende der Revolte, sondern relevanter Bestandteil einer alternativen Stadt, die sich gegen einen CDU-geführten Senat und den Vormarsch der AfD behauptet. Wer sich im Kiez umgesehen hat, auch den Jubel vom Seitenrand für die Demonstrant:innen und das Einstimmen in ihre Sprechchöre, muss eigentlich zu dem Schluss kommen: The kids are alright.
Alle wollen dasselbe
Zum Infarkt auf der Oranienstraße hat ausgerechnet ein Konzert der Kreuzberger Rap-Crew RAPK beigetragen, die in ihren Tracks gegen Racial Profiling im Görlitzer Park, die Polizeiwache am Kottbusser Tor und Gentrifizierung ansingen. Zeitpunkt und Ort des Gigs mögen ungünstig gewählt worden sein. Aber den organisierten Linksradikalen sollte die Popularität solcher Künstler:innen mehr Hoffnung als Frust bereiten.
Dasselbe gilt für den Auftritt der Rapper von Teuterekordz als Headliner der Party im Görli, die mit ihrer Musik Partykids abholen und dabei stabile Antifa-Inhalte vermitteln. Und es gibt wahrlich schlimmere Entwicklungen als zehntausend Jugendliche, die „Merz leck Eier“ rufen und damit nicht mit einstimmen in den allgemeinen Tenor von Aufrüstung und Militarismus.
Wäre noch die Frage zu klären, ob die Linke der Demonstration in den Rücken gefallen ist, indem sie zur Demo-Prime-Time die Rapperin Ikkimel auf ihrem Fest am Mariannenplatz auftreten ließ und damit ebenfalls zur Überfüllung des Kiezes beitrug. Aus Organisationssicht lässt sich dagegen wenig sagen: Die Linke kämpft nicht um die Linksradikalen, die sie je nach Standpunkt sowieso oder gar nicht wählen, sondern um Mehrheiten im nächsten Senat.
Es wäre weltfremd zu fordern, dass die noch wenig bekannte Bürgermeisterkandidatin Elif Eralp sich die Gelegenheit entgehen lässt, ein bisschen vom Ikki-Ruhm abzugreifen. Schließlich ist der selbstbewusste Feminismus, den die neue Pop-Rap-Ikone ihren Fans vermittelt, eben auch ein nicht zu unterschätzender politischer Meinungsbeitrag. Wer Ikkimel versteht, kann das Patriarchat und die AfD nur überwinden wollen. Und da sind sich dann eben doch alle in Kreuzberg einig.
Nur noch 430 – dann sind wir 50.000
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert