Retrospektive Valerio Zurlini: Der Einsame in der Wüste
Valerio Zurlini gehört zu den Klassikern des italienischen Kinos, ist heute aber eher unbekannt. In Berlin zeigt das Kino Arsenal jetzt Werke des Regisseurs.
Die ungeschriebenen Gesetze von Erfolg und Popularität lassen sich nicht leicht durchschauen. Warum ist der als Klassiker geltende italienische Regisseur Valerio Zurlini (1926–1982) – anders als weltberühmte Kollegen seiner Generation wie Federico Fellini und Pier Paolo Pasolini – den Allermeisten, und nicht nur in Deutschland, unbekannt?
In seinem kurzen Leben schuf Zurlini zwischen 1955 und 1976 ein kompaktes Werk von acht Spielfilmen, das ästhetisch und inhaltlich von seiner einzigartigen Stimme im italienischen Kino der Nachkriegszeit zeugt. Mit Unterstützung des Italienischen Kulturinstituts zeigt nun das Kino Arsenal – erstmals in Berlin – eine umfassende Retrospektive.
Die Unbekanntheit von Zurlini dürfte vor allem mit seiner Position als Außenseiter in der damaligen italienischen Filmindustrie zu tun haben. Er galt als „schwieriger“ Regisseur: sehr anspruchsvoll und manchmal unentschlossen. Von den unzähligen Projekten, die er in der Schublade hatte, konnte er nur einen Bruchteil verwirklichen. Mehr als einmal wurden Regieaufträge von mächtigen Produzenten am Ende an andere Kollegen vergeben.
Womöglich auch deswegen drehte er etwa für die beliebte italienische TV-Werbeshow „Carosello“ mit der Canzone-Diva Mina Kurzfilme, die man heute als „Musikvideos“ bezeichnen würde. Mina war auch Markenbotschafterin einer bekannten Zwiebackmarke, für deren Reklame Zurlini Regie führte. Zudem lehrte er in den letzten Jahren seines Lebens an Roms Filmschule Centro Sperimentale di Cinematografia und leitete die italienische Synchronregie internationaler Filmproduktionen.
Für die Ewigkeit arbeiten
Trotz der Enttäuschungen im Filmgeschäft war sich Zurlini der Zeitlosigkeit seiner Arbeiten bewusst. 1978 sagte er in einem Interview: „Man muss für die Ewigkeit arbeiten. Ich sage diesen Satz ohne jede anmaßende Betonung. Meine Filme sind Filme, die nicht altern. Später kann man vielleicht auch denken, dass es schreckliche Filme sind: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen.“
Diese zeitlose Qualität ist in Zurlinis Werken thematisch und stilistisch erkennbar. Die genaue Beobachtung der vielen Facetten der Liebe ist ein zentrales Thema, das sich konstant durch sein Schaffen zieht: sei es eine unmögliche Leidenschaft zwischen Menschen verschiedener sozialer Klassen oder Altersgruppen oder die leidvolle Liebe zwischen zwei Brüdern wie in „Cronaca familiare“ mit Marcello Mastroianni und Jacques Perrin, mit dem Zurlini 1962 den Goldenen Löwen beim Festival von Venedig gewann.
In „La ragazza con la valigia“ (1961) schleppt die junge ledige Mutter und Ballerina Aida – gespielt von einer bezaubernden Claudia Cardinale am Anfang ihrer Karriere – gefühlt ihr ganzes Leben in dem im Titel erwähnten Koffer herum. Ein reicher Don Juan hat Aida leere Versprechen von Glück und Erfolg gemacht und sie dann aus Langeweile verlassen. Sie will sich nicht kampflos ergeben und klopft noch einmal an die Tür des Palastes, wo er mit seinem bescheidenen 16-jährigen Bruder Lorenzo (Jacques Perrin) lebt. In dem Teenager erblüht für Aida eine unmögliche Liebe, die von Zurlini mit kristallklarer Zärtlichkeit geschildert wird.
Lange Nahaufnahmen der Gesichter der Protagonisten gestatten dem Zuschauer, in deren Gefühlswelt einzutauchen. In sorgfältig aufgebauten Einstellungen nutzt Zurlini meisterhaft die Tiefenschärfe und das Licht, um durch die Bildkomposition die Komplexität der Verhältnisse zwischen den Figuren abzubilden. Er scheut sich nicht vor expressiven musikalischen Einfällen, die von populären Canzoni bis zu Neuer Musik und Oper reichen.
Gegen die deutsche Besatzung gekämpft
Retrospektive Valerio Zurlini, 8.-26. 5., Kino Arsenal
Zur emotionalen Ebene kommt mitunter eine historische Ebene hinzu. „Estate Violenta“ (1959), der als sein Durchbruch gilt, spielt an der Adriaküste im Sommer 1943 während des Sturzes des Faschismus und des Seitenwechsels Italiens gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Der 18-jährige Carlo (Jean-Louis Trintignant), Sohn eines fanatischen faschistischen Anführers, verliebt sich in die 30-jährige Mutter und Witwe Roberta (Eleonora Rossi Drago), die seine Liebe erwidert.
Dank der Position seines Vaters muss Carlo nicht in den Krieg ziehen, und der Junge erlebt diesen chaotischen Sommer scheinbar unberührt von den dramatischen Geschehnissen um ihn herum, völlig auf seine Leidenschaft für Roberta konzentriert. Zurlini hatte selbst in der Nähe des Drehorts seine „letzten sorglosen Ferien“ verbracht, da er sich 1943 mit 17 freiwillig meldete, um gegen die deutsche Besatzung zu kämpfen.
Soldaten ohne Kampf hingegen zeigt er in dem auf stille Weise überwältigenden „Il Deserto dei Tartari“ (1976), seinem letzten Werk. Die surreal wirkende Kulisse der heute verschwundenen Lehmfestung Bam in der Wüste an der iranisch-afghanischen Grenze inszeniert Zurlini als Außenposten des Heers eines namenlosen Staates Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Warten auf den Angriff der unsichtbaren Tartaren bestimmt die Tage der Soldaten und wird zu einem von existentieller Leere geprägten Zustand. Auch dies eine Form der von Zurlini ersehnten „Zeitlosigkeit“, die zudem durch die Filmmusik von Ennio Morricone mit einer teils melancholischen, teils martialischen Stimmung aufgeladen wird.
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