Reichsbürger-Prozess in Frankfurt: Der Hellseher war schuld an den Umsturzplänen
Wegen Putschplänen steht ein Ex-KSK-Soldat vor Gericht. Er schiebt die Schuld auf Mitangeklagte, belastet sich dabei aber unfreiwillig selbst.
Foto: Matthias Gränzdörfer/imago
Mehr als zwei Jahre beziehungsweise 135 Verhandlungstage lang hat der ehemalige Elitesoldat des Kommandos Spezialkräfte (KSK) vor Gericht geschwiegen. Kein Wort hat Peter Wörner zu den Vorwürfen von Terrorismus und Hochverrat verloren, die ihn zusammen mit acht weiteren Männern und Frauen vor den Staatsschutzsenat des Frankfurter Oberlandesgerichts geführt haben: die Vorbereitung eines gewaltsamen Reichsbürger-Putschs, angeführt von dem Immobilienunternehmer Heinrich XIII. Prinz Reuß.
Jetzt hat der 58-Jährige, der zuletzt als Survivaltrainer und Militariahändler tätig war, überraschend sein Schweigen gebrochen. Es sollte wohl ein Befreiungsschlag werden. Doch je länger Wörner am Dienstag und Mittwoch redet, desto mehr nähert sich seine Einlassung einem Geständnis an.
Wie bereits mehrere Angeklagte vor ihm bekennt sich der Ex-Leutnant zum QAnon-Verschwörungsglauben, der besagt, dass Deutschland und die Welt von einer pädophilen Elite beherrscht seien, die in unterirdischen Tunneln Kinder missbrauchten. Sehr bald würde aber eine internationale Armee namens „Allianz“ einmarschieren und für die Rettung sorgen. „Auch ich machte mir viele Gedanken um die Befreiung und die Erstbetreuung der Kinder“, sagt er. Er und alle anderen, die in Frankfurt vor Gericht stünden, hätten „nur Gutes“ gewollt.
Aber: Sie seien in die Irre geführt worden von drei Angeklagten aus den parallel laufenden Verfahren in München und Stuttgart. „Wir haben ihnen geglaubt, das ist unser Verbrechen“, sagt er. Vor allem einen Mann greift Wörner immer wieder an: Thomas T. Der selbsternannte Hellseher hat im Münchner Prozess Umsturzpläne der Gruppe eingeräumt und dabei insbesondere die Gewaltbereitschaft von Peter Wörner hervorgehoben.
Vision einer Invasion
Der kontert nun, indem er Thomas T. als „graue Eminenz“ darstellt, als treibende Kraft und Strippenzieher. Dessen vermeintliche Visionen von einer Invasion alliierter Truppen oder einem Angriff auf den Bundestag bemüht Wörner als Erklärung für ungefähr alles, was ihm von der Anklage zur Last gelegt wird. Eine Schuldzuweisung, die zum Schuldeingeständnis gerät.
Freimütig gibt Wörner zu, das Reichstagsgebäude ausgespäht zu haben – mithilfe der damaligen AfD-Abgeordneten und jetzigen Mitangeklagten Birgit Malsack-Winkemann. Und, was diese vehement bestritten hat, mit ihrem Wissen: „Klar wurde davon gesprochen, dass es um eine militärische Aktion geht“, sagt er. Zwar seien sie davon ausgegangen, dass russische und US-amerikanische Soldaten den Löwenanteil der „Aktion in Berlin“ erledigen würden. Aber 20 bis 25 Mann hätte auch die Gruppe selbst stellen wollen, militärisch ausgerüstet und bewaffnet: „Man geht ja nicht als die sieben Schwaben da rein.“ Mit Toten, beteuert er, hätten sie trotzdem nicht gerechnet.
Wörner beschaffte Helme, Holster, Schutzwesten und Uniformen. Bei einer konkurrierenden Reichsbürger-Truppe, die den Umsturz unter anderem mit einer Entführung des damaligen Gesundheitsministers Karl Lauterbach erreichen wollte, warb er um kampferprobtes Personal, wenn auch vergeblich. Er organisierte ein Schießtraining und besaß illegal eine Waffe, eine „Pistole aus belgischer Herstellung für Wehrmacht und Waffen-SS“, wie er nicht ohne Stolz mitteilt. Aber die habe er lediglich als Teil seiner „Krisenvorsorge“ angeschafft, nicht für den Angriff auf den Bundestag.
Angeblich alles auf Befehl
In seiner Erzählung erscheint Wörner als jemand, der immer nur Befehle ausgeführt hat – ob er nun Kasernen ausbaldowerte oder Uniformen für die Armee des herbeigesehnten neuen Deutschlands entwarf, laut Anklage angelehnt an die nationalsozialistische Wehrmacht. Oder wie Wörner sagt: „Typisch deutscher Schnitt, modern interpretiert.“
Zu seiner eigenen Motivation hält sich der Mann, der sich von Anwälten mit Wurzeln im Neonazi-Milieu verteidigen lässt und in seinem Online-Shop laut Medienberichten „Nazi-Rabatt“ gewährt haben soll, auffällig bedeckt. Kein Wort dazu, dass er die Bundesrepublik als „blöden Judenstaat“ bezeichnet haben soll. Er sei ein „freiheitsliebender Mensch“, sagt er, und habe die Bundesregierung für eine „verbrecherische Clique“ gehalten – wegen der Coronapolitik. Wenig später erzählt Wörner, der ungeimpft blieb, dass er seine eigene Coronainfektion nur mit Glück überlebt habe.
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