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Regisseurin über Ohnmacht„Wir wollen Worte finden, um den Faschismus zu bekämpfen“

Das Stück „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ feiert in Bremen Premiere. In Bochum stürmten im Februar Zu­schaue­r*in­nen die Bühne.

Interview von

Anouk Boelsen

taz: Alize Zandwijk, was steckt hinter dem Titel „Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten“ des Theaterstücks von Tiago Rodrigues – ein Aufruf zur Selbstjustiz?

Alize Zandwijk: Nein. Natürlich dürfen wir nicht Faschisten töten. Und das sagt das Stück auch nicht. Der Titel ist eine Überspitzung der Frage, was wir gegen einen erstarkenden Faschismus tun können. Er verweist auf die Ratlosigkeit, die viele angesichts aktueller politischer Entwicklungen verspüren.

taz: Das Stück erzählt die Geschichte einer portugiesischen Familie und ihrer ungewöhnlichen Tradition. Nach der Ermordung der Landarbeiterin Catarina 1954 hat die Familie begonnen, jedes Jahr einen Faschisten zu töten. Nun lehnen die Jüngsten ab, was jahrzehntelang zelebriert wurde. Wie kam es zu dieser Tradition?

Zandwijk: Die Tradition wurde eingeführt, weil die Familie der Meinung war, dass die Demokratie kein Werkzeug dafür bietet, den Faschismus effektiv zu bekämpfen. Bei dem alljährlichen Familientreffen wird dieser Brauch nun infrage gestellt: Dürfen wir wirklich Faschisten töten? Und natürlich ist die Antwort: Nein. Aber daran anschließend kommen weitere Fragen auf: Wie sind wir in diese politische Situation geraten? Kann man mit Faschisten reden und, wenn ja, wie? Das sind genau die Fragen, die sich auch eine linke Politik gegenwärtig stellen muss.

Im Interview: Alize Zandwijk

geboren 1961 in den Niederlanden, die Regisseurin hat in der Off-Szene und im Jugendtheater in Amsterdam begonnen. Seit 2003 inszeniert sie in Deutschland u. a. am Thalia Theater Hamburg, am Deutschen Theater Berlin und am Theater Bremen, wo sie seit 2016 leitende Regisseurin im Schauspiel ist.

taz: Das Stück endet mit einem fünfseitigen Monolog des Faschisten. Warum gibt man rechtsextremen, minderheitenfeindlichen und misogynen Aussagen das letzte Wort?

Zandwijk: Das war natürlich eine bewusste Entscheidung des Autors. Aber ich finde, sie passt. Sie verweist auf die Realität, die wir oft ignorieren. In Europa sind faschistische Positionen häufig am lautesten. Auch in immer mehr deutschen Bundesländern gewinnt die AfD an Zuspruch. Im Stück haben wir zuvor viele andere Stimmen gehört. Die Mutter der Familie verdeutlicht in ihrem abschließenden Monolog, welche patriarchale und minderheitenfeindliche Gesellschaft eine faschistische Politik visioniert. Für mich gewinnt der Monolog der Mutter. Aber dennoch bleibt am Ende das Dilemma, in dem wir uns befinden: dass faschistische Positionen an Aufmerksamkeit gewinnen und wir uns mit ihnen konfrontieren müssen.

Die Mutter der Familie verdeutlicht in ihrem abschließenden Monolog, welche patriarchale und minderheitenfeindliche Gesellschaft eine faschistische Politik visioniert

taz: Gibt es Raum, um sich im Anschluss der Aufführung auszutauschen?

Zandwijk: Bei der Premiere nicht. Aber bei allen anderen Aufführungen wird ein Nachgespräch mit Spie­le­r*in­nen des Ensembles, der Dramaturgie und auch mit Ex­per­t*in­nen aus dem Bereich Rechtsextremismus stattfinden. Ich finde das sehr wichtig.

Aufführungen

„Catarina oder Von der Schönheit Faschisten zu töten“ von Tiago Rodrigues, 30.9, 19 Uhr, Theater in Bremen voraufgeführt. Die offizielle Premiere ist am 2.10., 19 Uhr. Tickets sind ab 14 Euro erhältlich.

taz: Im Februar las man, dass Zu­schaue­r*in­nen bei einer Aufführung im Bochumer Schauspielhaus auf die Bühne stürmten und den Faschisten unterbrechen wollten.

Zandwijk: Ja. Ich glaube, das zeigt sehr gut die Ohnmacht, die man als Zuschauer empfinden kann, wenn man ihm so unwidersprochen zuhören muss. Im besten Fall sollten diese Gefühle aber dazu führen, dass man über die Theateraufführung hinaus aktiv wird.

taz: Sind in Bremen verstärkt Sicherheitskräfte vor Ort?

Zandwijk: Ja. Wir haben viel darüber gesprochen und sind abgesichert.

taz: Theater haben eine lange politische Geschichte. Welche gesellschaftliche Funktion können sie Ihrer Meinung nach ausfüllen?

Zandwijk: Theater können uns einen Spiegel vorhalten, indem sie drängende Fragen diskutieren: Wie gehen wir mit der Gefahr von Krieg um? Wie schaffen wir es, gegen faschistische Politik anzukämpfen? In dem Stück wird die Frage gestellt, ob man mit Faschisten reden kann. Und anstatt zu sagen, das können wir nicht, wollen wir Worte finden, um den Faschismus zu bekämpfen.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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1 Kommentar

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  • Martin Rees

    Also in Bochum war und lief das später (im Sommer bei äußeren Höchstemperaturen sogar im Schauspielhaus noch erträglich), wie man hier so sagt, wieder "astrein". Der wohl marginal unrühmliche Vorfall zu Beginn im Spielplan dürfte dann doch wohl der Gattung 'kasuistische Rarität' angehören.