Reformen in der Pflege : In die Flucht getrieben
Was ist der Unterschied zwischen der Auto- und der Pflegebranche? Arbeitsbedingungen wie in der Pflege würden in Autoindustrie niemals geduldet.
M an stelle sich vor: Volkswagen, Fertigungsstraße. Es herrscht Arbeitskräftemangel. Daher muss der Personalaufwand pro Auto reduziert werden. Man lässt die Heizungen in den Wagen weg, das spart Personal. Und müssen eigentlich fast alle Pkws vier Türen haben? Reichen doch auch zwei. Am Ende produzieren die Fachkräfte minderwertige Autos.
Was in der Autoindustrie undenkbar wäre, passiert täglich in der Pflege, nur ist es hier schlimmer, weil es um Menschen geht. Pflegekräfte gehen motiviert in einen Beruf, in dem sie für die Gebrechlichen tatsächlich im Alltag „einen Unterschied machen“ könnten. Ein freundliches Wort, eine angenehme Berührung wärmen das Herz. Aber die Zeit dafür ist nicht da. Die Pflegekräfte müssen erleben, dass sie ihre Fähigkeiten nicht umsetzen können, ja sogar hinter dem zurückbleiben müssen, was man allgemein als menschliche Zuwendung versteht.
Diese Dissonanz dürfte einer der Hauptgründe sein, warum 40 Prozent der Pflegekräfte erwägen, aus ihrem Beruf auszusteigen, wie eine neue Studie des Fachverlags Vincentz Network in Zusammenarbeit mit dem Pflegeberufsverband DBfK ergibt. Die Flucht aus dem Pflegeberuf wird verstärkt, weil heute aufgrund des allgemeinen Arbeitskräftemangels in vielen Berufsfeldern alternative Jobangebote zur Verfügung stehen.
Aber Alarmismus hilft nicht weiter. Stattdessen sollte die Regel gelten: Taten statt Worte. Es muss möglich sein, im Zweifelsfall mehr Helfer:innen in den Heimen einzusetzen mit der Möglichkeit der Weiterbildung. Es muss aufhören, dass Pflegekräfte aus ihren freien Tagen geholt werden, weil es für Krankheitsausfälle im Heim keinen Ersatz gibt. Es muss Rücksicht auf private Belange auch in der Dienstplangestaltung genommen werden.
Beides, Springerpools für Vertretungen und familienfreundlichere Arbeitszeitgestaltungen, steht auch im Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung. Spürbare Entlastungen in den Heimen müssen kommen. Sonst bleiben sie die schwarzen Löcher in einer Leistungsgesellschaft, die sich lieber mit Autos als mit menschlichen Körpern beschäftigt.
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