Rechtsextremistischer Terror in Hanau: Riss im Selbstbild

Deutschland war nie so freundlich und liberal, wie es gerne glaubt. Im Angesicht des Rechts-Terrors aber wird klar: Alle Bekundungen sind zu wenig.

ErmittlerInnen der Polizei am Tatort rechten Terrors in Hanau.

Die Luft wird giftiger: Das Weltbild rechter Täter hallt in der Rhetorik der AfD wieder Foto: Michael Probst/ap

Die Bundesrepublik hat ein freundliches Bild von sich selbst entworfen. Sie ist aus der Geschichte der NS-Gewalt klug geworden, fest im Westen vertäut und weitgehend gewappnet gegen die autoritäre Verführung, die derzeit global an Boden gewinnen. Wir hingegen sind fast streberhaft bemüht, einen liberalen, weltoffenen Eindruck zu machen.

Diese Erzählung war schon immer zu glatt, zu nett, zu sehr von Selbstlob getränkt. Jetzt ist sie ein Grund, warum es so schwierig ist zu begreifen, was offenkundig ist: Es gibt einen rechtsterroristischen Angriff auf die Republik, eine blutige Spur, die von den Morden des NSU über den Mord an Walter Lübcke und den Anschlag auf die Synagoge in Halle bis zu den Toten in Hanau reicht. Dieser rechte Terror ist ein tiefer Kratzer im netten Bild der Bundesrepublik als Hort von Vernunft und Zivilität. Weil die rechten Morde dazu nicht passen, fällt es enorm schwer, die Angriffe so ernst zu nehmen, wie sie sind.

Mag sein, dass diese Schwerfälligkeit durch die Art des Terrors begünstigt wird. Die Angriffe gelten, anders als die der RAF, nicht den Spitzen des Staates, und es gibt auch keine Kommandozentrale, die die Taten plant. Der rechte Terror ist diffuser, unberechenbarer. Beim NSU waren überzeugte Nazis am Werk. In Hanau mordete ein Rechtsextremist, der mannigfache paranoide Vorstellungen hatte. Doch so diffus und spontan ist die rechtsterroristische Gewalt gar nicht. Sie zielt auf ein Feindbild: alle, die nicht deutsch aussehen.

Figuren wie Stephan E. in Kassel und Tobias R. in Hanau fühlen sich, anders als früher, ermutigt zu töten. Das ist typisch für die Konjunkturen rassistischen Terrors. Auch in den frühen 90er Jahren hatten vor allem im Osten viele Rechtsextreme, als sie Brandbomben in Wohnungen warfen, das Gefühl, das zu tun, was viele insgeheim guthießen. Das stille Nicken, auch die achselzuckende Bagatellisierung, dass es ja nur ein Einzeltäter sei, ist der Humus, auf dem dieser Terror wächst.

Es ist ein gutes Zeichen, dass Frank-Walter Steinmeier nach Hanau fährt. Es ist auch keine Effekthascherei

Aus RAF-Zeiten weiß man, wie fatal das Gerede von geistigen Brandstiftern sein kann. Damals wurden von Konservativen auch Jürgen Habermas und Heinrich Böll für die RAF in Haftung genommen. Daher sollte man, in Erinnerung an die Sympathisantenjagd, vorsichtig sein mit solchen Bezichtigungen. Aber: Die Reaktionen der AfD, die von Ausreden über Verharmlosungen bis zu der Verdrehung reicht, Merkel oder die Migranten seien schuld, sind bodenlos. Die AfD kann keine klare Grenze zur Gewalt ziehen, weil sie dann in dem von Verfolgungswahn geprägten Weltbild der Mörder die Echokammern in ihrer eigenen Hassrhetorik erkennen müsste.

Als Rechtsterroristen 1992 in Solingen mordeten, scheute Kanzler Kohl Bilder am Tatort. Es ist ein gutes Zeichen, dass Frank-Walter Steinmeier nach Hanau fährt. Dies ist auch keine Effekthascherei: Steinmeier kümmert sich auch um Opfer rechter Gewalt, wenn die Kameras aus sind. Merkels Formel, dass „Rassismus und Hass Gift sind“, kam rasch und ist treffend.

Aber nach Hanau ist klar: All das ist zu ­wenig.

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Stefan Reinecke ist Autor im Parlamentsbüro der taz. Er beschäftigt sich mit Parteipolitik, vor allem mit der Linkspartei und der SPD, und Geschichtspolitik. Zuvor war er Redakteur bei der Wochenzeitung „Freitag“ und beim „Tagesspiegel“.

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