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Rechter Vordenker Curtis YarvinDer Nihilismus der Feeds

Er hat Männern wie Peter Thiel seine Ideen eingeflüstert. Unter seinen Fans sind Tech-Bros, Postlibertäre und Faschos. Warum lieben sie Curtis Yarvin so sehr?

E in Klick zu viel, und es passiert ein Mord. Drohnenaufnahmen aus dem Ukrainekrieg im Reddit-Thread, Schießereien im Feed von X. Dann ein Meme, Food-Content. Alles passiert gleichzeitig, bildet eine triste Erzählung des 21. Jahrhunderts. Wenn der Tod unzensiert über den Bildschirm flirrt, bin ich selten darauf vorbereitet. Und dann sind da noch die ganzen Rassisten, Maskulisten, Islamisten, die in ihrem ideologischen Wahn in ihre Kameras quatschen und als Kitmittel im düsteren Konglomerat der Bilder funktionieren. Ich schreibe das, weil ich schlechte Laune habe. Einen Tag lang hatte ich Videos geschaut, die mich am Guten im Menschen zweifeln ließen und am Internet sowieso.

Ich stolperte mal wieder über Curtis Yarvin. Ein Softwareentwickler und Nischenblogger, der sich mit seinen Ideen zum Einflüsterer von Männern wie Peter Thiel entwickelt hat und der zum Nihilismus des Feeds zwischen Meme und Verderben sehr gut passt. Seine Fans: eine Mischung aus Tech-Bros, Postlibertären, Faschos und Edgelords, die sich besonders fühlen wollen. Sie alle feiern ihn für seine Idee der dunklen Aufklärung. Er will nicht weniger als die Welt von der Demokratie erlösen.

Ich lese es noch mal im Essay „Die dunkle Aufklärung“ vom ähnlich abgedrifteten Nick Land nach, der Yarvins Ideen unterstützt. Yarvin will, stark runtergebrochen, dass Staaten von Managermonarchen als Unternehmen geführt werden. Freiheit für die Einzelnen gibt es insofern, als sie einfach in ein anderes Unternehmen/einen anderen Staat wechseln können. Mitbestimmung, Teilhabe, Kollektiv? Bei Yarvin nur unnütze Relikte. Krudes Zeug eines Typen mit Autoritätsfetisch, aber man muss ja checken, warum die einflussreichsten Männer der Welt ihn so lieben?

Ich machte den großen Fehler und klickte auf ein Youtube-Video mit dem Titel „Imperiale Rechte und postdemokratische Ordnung“. Der Verleger eines irrelevanten österreichischen Kleinstverlags, der auch den Roman von AfD-Mann Maximilian Krah veröffentlichte, und Curtis Yarvin sitzen auf Ledersesseln. Sie tragen speckige Outfits, trinken performativ Whisky und: lallen sich voll. Es geht um Osama bin Laden oder die Feminisierung der Politik. Frauen sollten ohnehin geführt und unterdrückt werden, sagen die beiden Suffmänner sinngemäß.

Yarvin findet sich unfassbar geil. Der Verleger wiederum findet Yarvin unfassbar geil und will von ihm gemocht werden. Manchmal lacht er etwas zu begeistert und versucht das mit einem Husten zu kaschieren. Ein interessantes Schauspiel. Man könnte sich fast von dem Getue blenden lassen. Einer der Topkommentare unter dem Video: „A masterclass in how to talk without really saying anything.“

Stimmt, denke ich, und mache den großen Fehler, mir immer mehr Videos anzusehen. Yarvin bei der New York Times („on the End of American Democracy“), Yarvin in der Harvard University, Yarvin bei Tucker Carlson. Es ist ein endloses destruktives Lallen eines Mannes, der eines gut kann: so wild und beständig herumassoziieren, dass sein Gegenüber in eine Schockstarre verfällt. Vermutlich hat er so auch Thiel und Co. paralysiert. Aber außer Spaß an Zerstörung ist da ja nichts.

Die einflussreichsten Männer der Welt sind einem Hypnotiseur aufgesessen, denke ich, schaffe endlich den Absprung, und gucke zur Erlösung irgendeine blöde Lanz-Zusammenfassung bei Youtube. Irgendwie heilsam! Seit diesem Tag spielt es mir täglich neue Yarvin-Videos in den Feed, aber ich ignoriere sie. Es ist wichtig, die Macht über den Filter zu behalten. Kriegsdrohnen-Footage genauso aktiv zu blockieren wie Yarvins lasches Gelalle. Dass Yarvin als Klickgarant zwischen Podcasts, Panels und Talks rumgereicht wird? Peinlicher Opportunismus.

Die taz schreibt, redet und diskutiert für Pluralismus und eine freie, offene Gesellschaft – besonders jetzt, wo der Rechtsextremismus weiter erstarkt und demokratische Institutionen angreift. Dort wo rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, wächst auch die Befürchtung vor zunehmenden Angriffen und Diffamierungen gegen Gegner*innen extrem rechter Politik. Besonders selbstverwaltete Orte spüren diesen Druck, dabei brauchen wir gerade jetzt Orte der Kritik, (Sub)Kultur und der Solidarität. Gerade jetzt müssen wir zusammenhalten und uns solidarisch mit denjenigen zeigen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit „Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Johann Voigt

Freier Autor und Journalist. Arbeitet zu Gesellschafts-, Kultur- und Medien-Themen, volontierte beim Musikmagazin Juice und an der Evangelischen Journalistenschule, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst in Wien und wurde 2019 mit dem International Music Journalism Award ausgezeichnet.
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4 Kommentare

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  • Martin Rees

    Digital implementiertes und kapitalistisch fundiertes, finalisiertes "US-Sparta" und seine neuen Spartiaten und Ephoren 2.0?



    Bei wissenschaftswelle.de fand ich einen bemerkenswerten Text:



    "Schon die Antike hat Sparta nicht nur beschrieben, sondern bewundert, überhöht und moralisch aufgeladen.



    Gerade deshalb lohnt es sich, die Stadt von hinten zu lesen. Nicht vom Speer aus, sondern vom Acker. Nicht von Thermopylen aus, sondern von den Menschen, die das spartanische Kriegerideal überhaupt erst materiell möglich machten. Dann erscheint Sparta nicht mehr als Wunderstaat der Disziplin, sondern als hochspezialisiertes Herrschaftsarrangement: eine kleine Bürgerelite, die sich militärisch formte, weil sie eine zahlenmäßig weit größere, unterworfene Bevölkerung kontrollieren musste."



    Analogien erscheinen m.M.n. nicht zufällig...

  • miri

    Die ganzen Typen auf einen Haufen zusammen auf eine einsame Insel. Auch die Tech-Bros, auch die Incels, allesamt. Und dann können sie schön aufeinander losgehen. Das macht ihnen natürlich keinen Spaß, denn sie wollen ja *uns* zum Dominieren. Kriegen sie aber nicht.

  • FtznFrtz

    Man ist immer ganz erstaunt, wer da vorgibt, den großen Wurf für die Menschheit (mindestens) parat zu haben. Ein Softwareentwickler und Nischenblogger als das große Philosophiegenie, das und alle endlich in einer glückliche Zukunft katapultiert?



    Es fällt immer wieder auf, das die Genies dieser Zeit nicht mehr begründen müssen, sie stellen fest und dann ist das so, unumstößlich, indiskutabel. Wir alle hängen an ihren Lippen, begierig und unkritisch alles aufsaugend, was diese großen Köpfe so vor sich hin ventilieren.



    Das gilt nicht nur bei rechten Schwurblern wie diesem hier, Harald Schmidt (ein unbestritten guter Entertainer) gibt PR-Tipps an Friedrich Merz, Richard David Precht (ein Philosoph) weiß nun wirklich alles, von Geschichtsdeutung, Militärgeschichte, Politik im Allgemeinen, der Mann hat zu allem eine Meinung, was sein gutes Recht ist, aber jeweils mindestens auf dem Niveau der 10 Gebote, das ZDF hängt an seinen Lippen. Helmut Schmidt war mindestens Bismarck, er sprach Sätze wie Donnergrollen, kein normaler Mensch hätte ihm widersprochen.



    Es fällt auf, dass besonders die Rechten sich gerne angeblich unfehlbare Instanzen suchen, und sei es Dieter Nuhr, Widerspruch verboten.

  • Klabauta

    Vielleicht sollte man diesen Dreck einfach nicht lesen? Zumindest als Nicht-Journalist*in steht es einem frei, es sein zu lassen.