Verleihung des Axel-Springer-Awards: Peter Thiel, der Linkenversteher
Bei der Springer-Preisverleihung zeigt Investor Peter Thiel Verständnis für den Wahlsieg der Linken in Berlin. Absurdes und Gruseliges liegen an diesem Abend nah beieinander.
Als der Tech-Milliardär Peter Thiel am Donnerstagabend in Berlin den Axel-Springer-Award verliehen bekam, zeigte er sich auf der Bühne verständnisvoll über den Wahlsieg der Linkspartei.
Man müsse nachvollziehen, weshalb so viele gerade junge Leute in Berlin Die Linke gewählt haben, meinte Thiel. Wenn er sagen würde, er verstehe, wieso Menschen die AfD wählen, würde ihn jeder für einen AfD-Unterstützer halten. „Aber ich dachte, wenn ich sage, ich verstehe, wieso Menschen Die Linke wählen, dann würde mich niemand für einen Kommunistensympathisanten halten.“
Thiel führte weiter aus, dass die Menschen sich wegen der Preise für Wohnungen und Mieten sorgten. Wenn niemand sonst darüber rede, würde Die Linke weiter gewinnen. Die Partei hätte aber auch keine Antworten, sagte Thiel, „und sie werden wahrscheinlich die Mieten in Berlin deckeln und die Stadt in einen Slum verwandeln“.
Da der Axel-Springer-Preis ein „ideeller Preis“ ist, wurde Peter Thiel keine Trophäe überreicht. Stattdessen wurde der rechtslibertäre Investor mit Lobhudeleien überhäuft, die selbst für den Maßstab solcher Veranstaltungen unangenehm waren. Springer-Chef Mathias Döpfner nannte den in Frankfurt geborenen Thiel „den einflussreichsten Deutschen unserer Zeit“ und „den besten Risikokapitalisten des 21. Jahrhunderts“.
Springer-Thiel-Verbindungen
Im Anschluss lief ein Video ab, das Thiels Leben nacherzählte: Bilder aus früheren Jahren, Videos aus Stock-Agenturen, dramatische Musik und eine Frauenstimme, die mit den Superlativen nicht mehr hinterherkommt: „Pionier“, „Architekt einer neuen Ära“, „Philosoph“. Ein Foto zeigt Thiel mit Trump, den der Investor bereits 2016 als einer der ersten reichen Spender unterstützte.
Der Veranstaltungssaal im Axel-Springer-Haus ist an diesem Abend in blau-lila Licht getaucht. Auf den nicht allzu zahlreichen Plätzen sitzen viele ältere Herren in Anzügen. Unter diesen älteren Herren befinden sich nicht nur Thiel-Freunde, wie Palantir-Mitgründer Alex Karp, sondern auch Ex-Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt und ein etwas gelangweilt wirkender Markus Söder.
Der Gastgeber Döpfner bezeichnete sein eigenes Haus treffenderweise als „das Epizentrum des Bösen, die rechte Verschwörung“ und als „Magnet der finsteren Kräfte“. Er ging kurz auf die über 200 Demonstranten vor dem Gebäude ein, die in Anlehnung an den Tolkien-Fan Thiel teils als queere Gandalfs verkleidet kamen. „Vielleicht hätten wir Antisemiten, Islamisten und Clan-Chefs des organisierten Verbrechens hier haben sollen, dann wäre die Veranstaltung ohne Proteste abgelaufen. Das ist Berlin, meine Damen und Herren.“
Döpfner selbst ist mit Thiel auch über familiäre Bande verbunden. So arbeitete sein Sohn Moritz einst im Family Office von Thiel. Als Döpfner junior sich selbstständig machte, bezuschusste Thiel dessen Risikokapitalfonds mit 50 Millionen US-Dollar. Beide investieren unter anderem in das deutsche Drohnen-Start-up Stark Defence.
Richtung Abgrund
Die Laudatio auf Thiel hielt Bari Weiss. Weiss machte sich von 2017 an einen Namen als „anti-woke“ Kolumnistin bei der New York Times. Vergangenes Jahr ernannte sie der Trump-Vertraute und Paramount-Chef David Ellison zur Chefredakteurin von CBS News, obwohl sie keine Erfahrung im Fernsehbereich hatte. Weiss sah sich selbst mal als linksliberale Zentristin. In Wahrheit aber fungiert sie eher als Scharnier zwischen dem Trump-Lager und der Mitte, die sie wiederum abgrenzt gegen systemkritische Positionen von links.
Spannend wurde Weiss’ Rede nur dort, wo sie ihren Huldigungsschwall kurz unterbrach, um einen kleinen Dissens zu Thiel anzudeuten – nämlich mit Blick auf die Presse und die „wichtige Rolle, die sie spielt bei der Bewahrung der liberalen Demokratie“ Sie selbst sehe die Presse als „essenziell“, als ihr „Lebenswerk“, und als „ein Instrument der Freiheit“. Was Thiel dagegen darüber denkt, führte sie nicht aus.
Der selbst nutzte die Gelegenheit kurze Zeit später auf der Bühne für eine Klarstellung. Viele Medien seien mittlerweile „zu einer linken Hassfabrik verkommen“. Bari Weiss und Axel Springer seien dagegen die Nonkonformisten in einer „sehr einseitigen Medienlandschaft“.
Es sind dann auch diese kleinen Momente, wo die Fassade des genialen Investors durchbrochen wurde und dahinter ein Mann zum Vorschein kam, dessen Geschäfte und dessen Denken die Menschheit womöglich näher Richtung Abgrund führen. Dass Thiel in einem Interview mit der New York Times vor Kurzem nicht sagen konnte, ob es überhaupt eine gute Sache wäre, wenn die Menschheit weiter existiert, versuchte Weiss zu einer humoristischen Pointe zu machen.
Thiel ist wie viele seiner Silicon-Valley-Tech-Bro-Kollegen fasziniert von Apokalypseszenarien. Der technische Fortschritt muss allen existenziellen Risiken zum Trotz weiter vorangetrieben werden, und Kapitalismus und Innovation müssen vor der sozialistischen Gefahr geschützt werden. Mit seiner Überwachungssoftware Palantir hilft Thiel Regierungen weltweit, ihre Bevölkerungen zu kontrollieren, etwa durch „predictive policing“. Auch dient die Datenanalyse Militärs bei der Entwicklung KI-gestützter Zielerfassung und Drohnensteuerung.
Es gab einen weiteren Punkt an diesem Abend, an dem diese Unheimlichkeit kurz aufblitzte – und zwar während einer Videobotschaft des früheren Schachweltmeisters und konservativen Putin-Kritikers Garry Kasparov. Er habe Thiel 2009 kennengelernt, sagte Kasparov, und die beiden hätten sich nach einem Gespräch entschieden, gemeinsam ein Buch zu schreiben. Doch obwohl sie in der Diagnose der Probleme übereinstimmen, hätten sich schnell politische Differenzen aufgetan.
Thiels Lösungen „beinhalteten die radikalsten politischen Mittel, die selbst meinen eigenen Appetit für Risiko und Disruption übertrafen“, sagte Kasparov. „Um ehrlich zu sein, habe ich sogar gezögert, ob ich diese Botschaft überhaupt aufnehmen soll.“ Kasparov schloss mit einem etwas verzweifelt wirkenden Appell: „Wir, die Menschen (…) müssen uns erinnern, dass unsere Technologie den Menschen dienen muss.“ Die Technik sei neutral, doch die Menschen „werden immer das Monopol auf Gut und Böse haben“.
Auch blendeten die Veranstalter eine Videobotschaft von Thiels Geschäftspartner Alex Karp ein – obwohl dieser im Saal in der ersten Reihe saß. In seinem Video für den „letzten Deutschen“ Peter Thiel zitierte Karp nicht nur Goethe, sondern auch Heinrich Heines „Wintermärchen“: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten“.
Karp bezog diese Zeilen auf den Schöpfergeist Thiels und pries ihn als Warner vor „den legitimen Gründen für illegitime Bewegungen, den Sozialismus in seiner heutigen Form“. Der Marx-Freund Heine hatte dagegen etwas anderes im Sinn. Er schrieb sein „Wintermärchen“ ganz im Geist des frühen utopischen Sozialismus.
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