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Rechter Aufmarsch in Plauen Das nächste Level des Wohnzimmerfaschismus

Michael Bartsch

Kommentar von

Michael Bartsch

Die AfD greift die Brave-Bürger-Faschisten ab, während Aufmärsche von „Bewegungen“ wie in Plauen auf das Umfeld rechts davon abzielen.

E inen „Kosmos aus Stumpfsinn und Blödheit“ nannte der Landesvorsitzende der sächsischen Bündnisgrünen, Martin Helbig, in Plauen die Bewegung „M1llion“. In der Tat war die üble Kontinuität der seit einem Dutzend Jahren grassierenden immer gleichen „Muss weg“-Demonstrationen schwer zu ertragen. Der schreiende Widerspruch zwischen dem Postulat neuer Gemeinschaftsbildung, im Dagegensein wie einst in der DDR natürlich, und der gemeinschaftszerstörenden Hetze.

Weh tut einem, der in den entscheidenden Oktobertagen 1989 jede Nacht auf der Straße war, der Missbrauch der Symbole der erfolgreichen Überwindung der SED-Diktatur. Die „Wir sind das Volk“-Rufe heute sind unerträglich! Wenn also ein Teil des „Volkes“ andere Teile ausgrenzt.

Einzig den überwiegend westdeutschen Teilnehmern sei nachsichtig zugestanden, dass sie postum halt auch ein bisschen Revolutionsromantik schnuppern wollten. Und eine Vera Lengsfeld, die vor ihrem straffen Rechtsturn als Vera Wollenberger noch als DDR-Bürgerrechtlerin gelten konnte, schickt eine ostalgische Grußadresse!

Die Plauener selbst zerstören ihren Mythos als ostdeutsche „Heldenstadt“ der ersten Demonstrationen 1989. Bei aller Enttäuschung über das von ihnen selbst herbeidemonstrierte System verbietet sich die Gleichsetzung der repressiven DDR mit der heutigen, leider in Teilen deformierten Bundesrepublik. Vom Motzen und Nörgeln ist die Welt noch nie besser geworden. Wer nach direkter Demokratie ruft, sollte sich selbst aktiv einbringen. Aber daran war schon Pegida gescheitert.

Nur wenige Gegendemonstranten

In diese Nachfolge darf man die „M1llion“ stellen. Greift die AfD als Partei inzwischen den ganz gewöhnlichen Wohnzimmerfaschismus ab, so verbreitern solche „Bewegungen“ die Anschlussbasis weiter. Viele Kurzdenker fallen auf pseudoneutrale Etiketten angeblich überparteilicher Mobilisierungen herein. In Plauen war der rechte Aufmarsch eine Stadtattraktion, als kämen Zirkuselefanten die Straße entlang.

Dass das Demokratiebündnis gegen rechts keine annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit erhielt, lag nicht an mangelnder Organisation. Man könnte es sogar positiv wenden und auf den CSD am bevorstehenden Wochenende in Plauen verweisen, der viel Energie bindet.

Als die Konservativen noch nach Friedrich Merz riefen, konnte man ihm und seiner peinlichen Regierung ein ähnliches Schicksal wie der vorhergehenden Ampel vorhersagen. Doch wo nur noch Partikularinteressen, Egoismus und Frust herrschen, wird ein Land tatsächlich unregierbar. Solcher Schwachsinn wie in Plauen zerstört auch das beste Deutschland.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Michael Bartsch

Michael Bartsch Inlandskorrespondent

Seit 2001 Korrespondent in Dresden für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Geboren 1953 in Meiningen, Schulzeit in Erfurt, Studium Informationstechnik in Dresden. 1990 über die DDR-Bürgerbewegung Wechsel in den Journalismus, ab 1993 Freiberufler. Tätig für zahlreiche Printmedien und den Hörfunk, Moderationen, Broschüren, Bücher (Belletristik, Lyrik, politisches Buch „System Biedenkopf“). Im Nebenberuf Musiker.
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12 Kommentare

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  • warum_denkt_keiner_nach?

    Gleichsetzungen von DDR und Bundesrepublik sind natürlich Unfug. Und die rechte Ausrichtung der Demo ist klar. Deshalb wird man mich auf solchen Veranstaltungen nicht finden.

    Allerdings macht es die Regierung den Veranstaltern auch leicht. Man hat den Eindruck, dass Merz & Co. in einem ähnlichen Elfenbeinturm leben, wie damals Honecker und Genossen. Und die Erkenntnis, dass Merz untragbar ist, hat sogar schon Teile der Union erreicht.

  • Suryo

    Art. 21 (2) GG stellt übrigens ausdrücklich auch auf das Verhalten der Anhänger einer Partei ab, und zwar auch dann, wenn die Ziele der Partei nicht ausdrücklich verfassungswidrig sind ("ODER dem Verhalten ihrer Anhänger nach").

    Und "Anhänger" ist auch nicht dasselbe wie formelles Mitglied.

  • Petzi Worpelt

    "Greift die AfD als Partei inzwischen den ganz gewöhnlichen Wohnzimmerfaschismus ab"

    Als ob 30% der Deutschen im Herzen Faschisten seien.. Wer das so raushaut, der wird weder die echten Gründe für das Erstarken der AFD erkennen, noch diese jemals auflösen können..

    • Suryo

      @Petzi Worpelt:

      Wähler sind erwachsen und für ihre Wahl verantwortlich.

      Wer rechtsextrem wählt, IST rechtsextrem.

    • Thomas Böttcher

      @Petzi Worpelt:

      Die AfD ist ne Sekte. Da versammelt sich alles, was dazu passt: Esoteriker, fundamentale Christen, Verschwörungstheoretiker, Reichsbürger, Faschisten. Was für ein Haufen.

    • Kaboom

      @Petzi Worpelt:

      Stimmt, neben den Faschos sammelt die AfD natürlich auch Spinner, Ahnungslose und Dummköpfe ein.

    • Fckafd Somuch

      @Petzi Worpelt:

      Wohl wahr. Denn es gibt leider auch einen großen Teil Opportunisten. Der Rest sind Egoisten

    • Okti

      @Petzi Worpelt:

      Wie würden Sie denn Menschen bezeichnen welche Faschisten wählen um ihnen bei der Machtergreifung zu helfen?

    • Daniel Schütz

      @Petzi Worpelt:

      Man muss es einfach mal so benennen, wie es ist: 30% der Deutschen wissen, was die da wählen und unterstützen den Faschismus. Nach so viel Debatte gilt ein „das wusste ich nicht“ schon lange nicht mehr. Das macht es umso erschreckender

      • Chris McZott

        @Daniel Schütz:

        Das ist die dezidiert linke Sicht. Die darf man gerne haben aber außerhalb der linken Biotope sieht man das wohl anders.

        Vor dem Aufkommen der AfD hatte die NPD bei uns im Nordosten "nur" max. 8% und die CDU stand noch bei knapp unter 30%. Das spricht eher für eine Unzufriedenheit mit der "Linkswanderung" der CDU unter Merkel und Merz' Scheitern bei dessen Rückabwicklung als für eine Sehnsucht nach Faschismus.



        Es gab auch eine nicht unerhebliche Wählerwanderung von der Linken/PDS zur AfD....

        Also ein bischen mehr Differenzierung sollte schon möglich sein.

        Man sollte auch bedenken, dass westdeutsche "Wahrheiten" für ehemalige DDR-Bürger keine universelle Gültigkeit haben. Die DDR war sozialpolitisch linksaußen und trotzdem migrations- und sicherheitspolitisch strammrechts.

        • Kaboom

          @Chris McZott:

          Es gab vor der AfD keine Parteien, die man wählen kann, und trotzdem behaupten kann, man sei gar kein Rechtsextremist.



          Das ist das ganze Geheimnis. Das Image, nicht die Inhalte.

        • Der letzte Macht das

          @Chris McZott:

          Man kann doch, wenn ich Sie richtig verstehe, nicht einfach x-beliebig Salonfaschisten wählen und dann sagen etwas wie "t`schulli, aber da gab es nur die AfD und ich fühlte mich echt unwohl mit der CDU und jetzt ist das doof, weil die nun regierende AfD schränkt unsere Freiheit jetzt ein un diskreminiert meine Feunde, aber was sollte ich denn tun?". Nee, selber engagieren und Verantwortung tragen, bitte!