Queerfeindliche Straftaten 2025: Attacke auf alle
Eine Anfrage im Bundestag macht Zahlen zu queerfeindlicher Gewalt öffentlich. Das Ausmaß der Angriffe darf nicht als Randphänomen abgetan werden.
W enn die Homophobie in einer Gesellschaft zunimmt, ist das ein Frühwarnzeichen: Alle Menschen, die Menschenrechte selbst sind in Gefahr. So sieht es Human Rights Watch im aktuellen Report von 2026 zum Stand der Menschenrechte.
Die Organisation warnt: In Deutschland ist es den demokratischen Parteien im letzten Jahr nicht gelungen, extrem rechten und rassistischen Narrativen wirksam entgegenzutreten. Diese seien weiter in den Mainstream eingesickert – mit spürbaren Folgen. Angriffe auf marginalisierte Gruppen, darunter auf queere Menschen, haben zugenommen.
Die Fakten bestätigen diese Diagnose. Die Antwort auf eine schriftliche Einzelanfrage der Bundestagsabgeordneten Marlene Schönberger (Bündnis 90/Die Grünen) enthält vorläufige Zahlen für 2025, Stand 31. Dezember: 2.048 queerfeindliche Straftaten wurden im vergangenen Jahr in Deutschland registriert.
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Dabei wurden Delikte im Bereich „sexuelle Orientierung“, also Straftaten gegen Menschen, weil sie etwa schwul oder lesbisch sind, sowie Straftaten wegen der „geschlechtsbezogenen Diversität“, von Menschen, weil sie etwa trans, intergeschlechtlich oder nicht binär sind, zusammengefasst. Es finden sich 896 Verstöße gegen das Waffengesetz, 300 Fälle von Volksverhetzung, 207 Sachbeschädigungen, 245 Körperverletzungen – und zwei Tötungsdelikte aufgrund der sexuellen Orientierung der getöteten Personen.
Nahezu verzehnfacht
In einem Lagebericht von 2024 zeigten das Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam mit dem Bundesministerium des Innern: Seit 2010 haben sich die Straftaten in den Bereichen „sexuelle Orientierung“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ nahezu verzehnfacht – und nach den starken Anstiegen 2023 und 2024 ist auch 2025 kein Rückgang auf ein früheres Niveau zu erkennen.
Dabei ist das Dunkelfeld wahrscheinlich noch deutlich größer. Eine Studie der Europäischen Agentur für Grundrechte von 2020 zeigt, dass 96 Prozent der befragten LGBTIQ*-Personen Hatespeech nicht anzeigen, 87 Prozent auch körperliche oder sexuelle Übergriffe nicht. Als Gründe nennen sie unter anderem, die Tat sei „zu gering/nicht ernst genug“ gewesen (33 Prozent) oder die Angst vor homo- oder transfeindlichen Reaktionen der Polizei (23 Prozent).
Auch die kürzlich veröffentlichte Dunkelfeldstudie LeSuBiA weist darauf hin, dass Mitglieder der queeren Community besonders häufig von Gewalt betroffen sind. Die tatsächliche Zahl der Übergriffe dürfte also weit höher liegen.
Umso bestürzender ist das politische Signal, das die Bundesregierung sendet. Der von der Ampelregierung im November 2022 beschlossene Aktionsplan „Queer leben“, der die Lebenssituation queerer Menschen verbessern und ein queerfreundlicheres Deutschland fördern sollte, wurde unter Bundeskanzler Merz faktisch beendet. Das Familienministerium erklärte den Prozess für „planmäßig abgeschlossen“, eine Fortsetzung ist nicht vorgesehen. Dabei war „Queer leben“ das einzige bundesweite Förderprojekt für queere Anliegen.
Symbolpolitik ist Politik
Human Rights Watch kritisiert zudem Vorstöße, wonach vor einer Änderung des Geschlechtseintrags nach dem Selbstbestimmungsgesetz personenbezogene Daten erfasst werden sollten – ein unnötiger Schritt, der zudem Diskriminierung begünstigen kann. Auch symbolpolitische Entscheidungen, wie die von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU), am Reichstagsgebäude zum jährlichen Berliner CSD die Pride-Flagge nicht zu hissen, senden ein fatales Signal.
Deutschland darf sich nicht daran gewöhnen, dass queere Menschen zur Zielscheibe werden. Wenn Rechte von marginalisierten Gruppen bröckeln, dann ist das eben kein Randphänomen. Es ist der Anfang einer gefährlichen Entwicklung.
Bei Queerfeindlichkeit fängt es an, beim Abbau der Demokratie geht es weiter. Also: Hören wir queeren Mitmenschen zu. Glauben wir ihnen, wenn sie von Bedrohung und Gewalt berichten. Und handeln wir – politisch wie gesellschaftlich. Denn Menschenrechte gelten für alle – oder sie verlieren ihren Wert.
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