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Queere DebattenNicht hetero zu sein, ist noch nicht politisch

Gastkommentar von

Zeynep Sandalli und Linda Dirksmeyer

Queersein alleine ist nicht automatisch emanzipatorisch. Denn politisches Potenzial entsteht nur dort, wo es um mehr geht, als private Lebensführung.

Die Vorstellung, dass lesbische Beziehungen oft Heterobeziehungen imitieren, greift historisch zu kurz Foto: Mark Blinch

W as macht Queerness politisch? Reicht es schon, nicht heterosexuell zu leben? Oder wird Queerness erst dort subversiv, wo sie gesellschaftliche Normen sichtbar infrage stellt? Diese Fragen gewinnen derzeit neue politische Schärfe. Angesichts wachsender sozialer Ungleichheit und Prekarisierung wird immer wieder behauptet, Identitätspolitik und soziale Gerechtigkeit stünden im Widerspruch zueinander. Sowohl konservative Stimmen als auch Teile der politischen Linken fragen, ob Queerness gesellschaftliche Solidarität eher schwäche als stärke.

Diese Fragen zeigen sich besonders deutlich in den Debatten um Butch/Fem-Dynamiken, also lesbische Beziehungen, in denen eine Person sich nach klassischen Genderrollen eher männlich (Butch) und die andere eher weiblich (Fem) präsentiert. Noch heute werden solche Beziehungen oft als Nachahmung heterosexueller Rollen gelesen. Doch diese Sichtweise greift historisch wie politisch zu kurz.

Zeynep Sandalli

Zeynep Sandalli arbeitet in der Abteilung Gleichstellung, Diversität und akademische Personalentwicklung der Universität Freiburg. Als Lehrbeauftragte bietet sie Seminare in politischer Theorie am University College Freiburg an. Ihre Forschungsinteressen umfassen politische Theorie und Ideengeschichte sowie feministische und queere Theorien.

Linda Dirksmeyer

Linda Dirksmeyer ist selbstständige Künstlerin. Bei der Initiative „aufgeklärt?!“ setzt sie sich für queer-feministische Sexualaufklärung ein.

Die US-amerikanische Autorin Joan Nestle beschreibt in ihren Erinnerungen die lesbische Bar-Kultur im New Yorker Greenwich Village der 1950er und 1960er Jahre. Orte wie die Bar Sea Colony waren Schutzräume für vor allem weiße Ar­bei­te­r*in­nen­les­ben – und zugleich Räume ständiger Gefahr. Polizeirazzien gehörten zum Alltag, geschlechtsabweichende Kleidung konnte Verhaftungen nach sich ziehen.

Gerade unter diesen Bedingungen entwickelte sich Butch/Fem nicht als Kopie heterosexueller Beziehungen, sondern als eigene lesbische Kultur. Butches luden ein, hielten Türen auf oder übernahmen Schutzfunktionen. Femmes signalisierten ihr Begehren auf andere Weise. Daraus entstanden soziale Codes, über die Zugehörigkeit, Flirten und Sichtbarkeit organisiert wurden.

Kein Lifestyle

Entscheidend ist: Diese Rollen dienten nicht dazu, Heterosexualität zu imitieren. Sie machten lesbisches Begehren überhaupt erst öffentlich lesbar. Wer als Butch auftrat, also entgegen den gesellschaftlichen Erwartungen des Frauseins, riskierte Beschimpfungen, Gewalt oder Verhaftung. Diese Form der Sichtbarkeit war kein Lifestyle, sondern ein politisches Risiko.

Innerhalb der Community war genau das umstritten. In der lesbischen Zeitschrift The Ladder wurden Butch/Fem-Paare oft den „diskreten“ Lesben gegenübergestellt, die sich möglichst unauffällig verhalten wollten. Butch/Fem galt vielen als zu provokant, zu sichtbar, zu wenig anpassungsfähig. Doch genau diese Sichtbarkeit machte die Beziehungen politisch.

Die bis heute verbreitete Frage „Wer ist der Mann in eurer Beziehung?“ zeigt deshalb weniger etwas über lesbische Beziehungen als über die Grenzen heteronormativen Denkens. Sie unterstellt, queere Beziehungen müssten sich zwangsläufig an heterosexuellen Rollen orientieren. Dabei hatten Butch/Fem-Identitäten immer eigene Bedeutungen, die sich nicht auf Mann/Frau-Schemata reduzieren lassen.

Hinzu kommt: Butch und Fem waren nie starre Kategorien. Joan Nestle beschreibt etwa, wie sie auf der Straße als „Bulldyke“, also „Kampflesbe“ beschimpft wurde, im Freun­d*in­nen­kreis aber als Fem galt. Auch Begriffe wie „butchy Femmes“ oder „femmy Butches“ zeigen, dass die Grenzen fließend waren.

Dass Menschen verschiedener Geschlechtsidentitäten – cis, trans, inter oder nonbinär – sich als Butch oder Fem verstehen können, macht zusätzlich deutlich, wie verkürzt die Vorstellung einer bloßen Imitation ist. Entscheidend ist nicht die Ähnlichkeit zu Heterosexualität, sondern die Frage, welche sozialen und politischen Funktionen solche Identitäten erfüllen.

Radikal individualistisch statt solidarisch

Einen starken Kontrast dazu bilden die autobiografisch geprägten Romane der französischen Autorin Constance Debré. Ihre Erzählerin verlässt Ehe, Beruf und Familie, um nur noch zu schreiben und Beziehungen mit Frauen zu führen. Homosexualität erscheint dabei als „Urlaub von allem“ – als Rückzug aus gesellschaftlichen Erwartungen.

Doch diese Form von Queerness bleibt radikal individualistisch. Die Erzählerin betont ausdrücklich, keiner Community anzugehören und keine politischen Kämpfe führen zu wollen. Beziehungen bleiben flüchtig, andere Frauen werden anonymisiert und emotional auf Distanz gehalten. Freiheit bedeutet hier vor allem Unabhängigkeit von Bindungen.

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Das wirkt zunächst wie ein Bruch mit heterosexuellen Lebensmodellen. Politisch subversiv ist dieser Bruch jedoch nicht automatisch. Denn Debrés Figur verweigert sich nicht nur patriarchalen Erwartungen, sondern auch Solidarität.

Hinzu kommt ein Klassenaspekt: Der Rückzug aus Ehe und Erwerbsarbeit wird erst möglich durch ökonomische Absicherung. Die Figur des unabhängigen „Cowboys“, die Debré entwirft, bleibt an Privilegien gebunden. Eine Auseinandersetzung mit sozialen Ungleichheiten findet kaum statt.

Daran zeigt sich ein grundlegender Unterschied: Nicht jede Abkehr von Heterosexualität ist bereits emanzipatorisch. Queerness wird nicht allein dadurch politisch, dass sie Normen verletzt oder Anderssein verkörpert.

Der Bruch mit der heterosexuellen Kleinfamilie genügt nicht, wenn daraus keine neue Solidarität entsteht

Die historischen Butch/Fem-Kulturen waren subversiv, weil sie lesbisches Begehren sichtbar machten, Gemeinschaft organisierten und sich bewusst einer feindlichen Ordnung aussetzten. Ihre politische Kraft lag gerade darin, dass sie Öffentlichkeit herstellten. Wo Queerness dagegen nur als individueller Ausstieg aus Beziehungen, Verantwortung oder Gesellschaft erscheint, verliert sie ihre transformatorische Dimension. Der Bruch mit der heterosexuellen Kleinfamilie genügt nicht, wenn daraus keine neue Form von Solidarität entsteht.

Das subversive Potenzial von Queerness liegt deshalb nicht im bloßen Nicht-heterosexuell-Sein. Es entsteht dort, wo queeres Leben mehr ist als private Lebensführung: wo Menschen gemeinsam andere Formen von Beziehung, Sichtbarkeit und Zusammenleben entwickeln – und damit gesellschaftliche Normen tatsächlich herausfordern.

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