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Psychotherapien und Kürzungen Verteilungskampf um Therapien

Barbara Dribbusch

Kommentar von

Barbara Dribbusch

Die Kassen wollen bei den Psychotherapien sparen. Was zu der heiklen Frage führt: Wer braucht eine Behandlung besonders dringend und wer nicht?

E in Blick in eine Selbsthilfegruppe in Berlin für Menschen mit Ängsten und Depressionen: Eine Teilnehmerin schickt dutzendweise E-Mails raus an The­ra­peu­t:in­nen aus einer Datenbank, auf der Suche nach einer von den gesetzlichen Kassen finanzierten Psychotherapie. Es kommt eine einzige Antwort.

Ein weiteres Mitglied überlegt, als Selbstzahlerin leichter zugängliche privat bezahlte Therapiestunden zu buchen, Kostenpunkt 120 Euro. Eine redet abends mit ChatGPT auf der Suche nach Trost. Gut die Hälfte nimmt Antidepressiva und geht in Abständen zu Psychiater:innen. Einige haben Klinikaufenthalte hinter sich. Die Mehrzahl der Mitglieder ist berufstätig.

Die Suche nach Psychotherapieplätzen wird für diese gesetzlich versicherten Menschen künftig womöglich schwieriger. Laut dem sogenannten GKV-Beitragssatzstabilerungsgesetz soll das Angebot an von den gesetzlichen Kassen finanzierten Therapiestunden künftig stärker budgetiert, also verringert werden. Die Psychotherapeutenverbände laufen Sturm dagegen.

Psychotherapeuten suchen sich oft Fälle aus den eloquenten Mittelschichtmilieus heraus

Ein Entschließungsantrag von Union und SPD, der nach der Sommerpause im Bundestag behandelt werden soll, will nun differenzieren. Die Behandlungen psychisch schwer kranker Menschen, also etwa Psychosekranker oder Hochdepressiver mit akuter Suizidgefährdung, sollen von der Budgetierung ausgenommen werden, ebenso die Vergütungen für Kinder- und Jugend-Psychotherapeut:innen und die Honorare für als „dringlich“ angesehene Fälle. Der Gemeinsame Bundesausschuss beim Bundesgesundheitsministerium soll bis Ende 2026 Regelungen zur Feststellung von „Dringlichkeit“ einer Behandlung erarbeiten.

Was aber können Dringlichkeitskriterien sein? „Bei der Definition von Dringlichkeit ist ein wichtiger Maßstab, welcher Schaden droht, wenn eine ambulante psychotherapeutische Behandlung nicht zeitnah erfolgt. Auch wenn wegen der psychischen Erkrankungen der Verlust des Arbeitsplatzes zu befürchten ist oder Funktionseinschränkungen etwa bei der Sorgeverantwortung für Kinder bestehen, können dies Kriterien für Dringlichkeit sein“, sagt Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeuten-Kammer, der taz. Die Kammer hat beim Gemeinsamen Bundesausschuss ein Stellungnahmerecht.

Setzen sich Dringlichkeitskriterien durch, bekämen Patient:innen, die beim Erstgespräch in einer Akutsprechstunde bei der Psy­cho­the­ra­peu­t:in einen Dringlichkeitsvermerk zur Weiterbehandlung erhalten, wohl eher einen von den gesetzlichen Kassen finanzierten Therapieplatz, weil das Honorar dafür nicht in die geplante Budgetierung fällt. Psych­ia­te­r:in­nen in Kliniken beklagen, dass sich Psy­cho­the­ra­peu­t:in­nen zur ambulanten Behandlung oft die „leichteren“ Fälle aussuchen, meist aus den eloquenten Mittelschichtmilieus. Dies könnte sich mit verstärkter Einführung von „Dringlichkeitskriterien“ womöglich ändern.

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Durch die Budgetierung bei den Fällen ohne Dringlichkeitsvermerk, die ja auch unter Leidensdruck stehen, könnte sich das kassenfinanzierte Angebot an Psychotherapien aber verknappen. Die Wartezeiten dürften länger und der Verteilungskampf härter werden um die Behandlungen, die 12, 24 oder mehr Einzelstunden bei einer ausgebildeten psychologischen Psy­cho­the­ra­peu­t:in dauern. Dazu trägt bei, dass die Nachfrage weiter steigt, auch weil es nicht mehr so stigmatisiert ist, zum Therapeuten zu gehen.

Doch heute schon kehren offenbar viele Menschen nach einer seelisch bedingten Krankschreibung wieder in den Job zurück, ohne eine längere Psychotherapie begonnen zu haben. Nach einer Statistik der Krankenkasse DAK sind arbeitsunfähige psychisch Kranke im Durchschnitt 28 Tage lang krankgeschrieben. Laut Psychotherapeutenkammer beträgt die Wartezeit vom Erstgespräch bis zum Beginn einer von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlten sogenannten Richtlinientherapie aber im Schnitt mehrere Monate.

Leichtere Zugänge nötig

Es wäre also sinnvoll, die Zugänge zu Hilfen in Krisen niedrigschwelliger und differenzierter zu gestalten und Alternativen anzubieten statt ellenlanger Wartezeiten auf eine Richtlinientherapie. Derzeit gibt es schon niedrigschwelligere psychotherapeutische Sprechstunden für akute Fälle. In dieser Erstberatung sollten sich die The­ra­peu­t:in­nen nicht nur mit den Optionen zu Einzelgesprächen auskennen, sondern auch mit Gruppentherapien, mit Psychopharmaka, mit Kliniken und Tageskliniken, mit Sozialberatungsstellen, mit Selbsthilfegruppen, mit kassenfinanzierten Psycho-Apps, die zum Teil durch weitergebildete Psy­cho­lo­g:in­nen betreut werden. Auch die Chancen und Gefahren des Austauschs in den sozialen Netzwerken und mit Chatbots sollte man besprechen können.

Denn während die Wartezeiten auf längere Einzeltherapien zugenommen haben, ist das quasitherapeutische Angebot in den sozialen Medien, der Ratgeber auf Youtube, der Selbsthilfeliteratur angewachsen – ebenso wie der Konsum von Antidepressiva. Viele psychisch Angeknackste reden mit ChatGPT. Es gibt eine Motivation zur Selbsthilfe, aber die Leute suchen Ansprechpartner.

Damit die Vielfalt und Niedrigschwelligkeit gefördert wird, sollten die Zuschläge für Kurzzeittherapien und Akutsprechstunden der Psy­cho­the­ra­peu­t:in­nen nicht wegfallen, wie es das GKV-Spargesetz plant. Angebote von Videosprechstunden für die unterversorgten ländlichen Regionen sollten gefördert werden. Gespräche bei Psychiater:innen, die oft nur noch Medikamente verschreiben, müssen besser honoriert werden. Krisendienste mit geschulten So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen sollten auch in kleineren Städten eingerichtet werden. Das Rückkehrmanagement in Betrieben für Mit­ar­bei­te­r:in­nen nach Krisen muss unterstützt werden.

Mehr Krankschreibungen, Frührenten, tausendfache Langzeitarbeitslosigkeit wegen psychischer Erkrankungen – das ist derzeit die Realität. So was kann niemand wollen. Was auch heißt: Billiger wird es nicht.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Barbara Dribbusch

Barbara Dribbusch Redakteurin für Soziales

Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch). Kontakt: dribbusch@taz.de
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10 Kommentare

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  • Dirk Lambert

    Der Kommentar übernimmt einen Vorwurf ohne Beleg: Praxen suchten sich die leichten Fälle. Quelle sind „Klinikpsychiater". Die sehen aber naturgemäß genau jene Menschen, bei denen die ambulante Versorgung nicht gereicht hat oder gar nicht erst zustande kam. Ein Selektionsartefakt, kein Befund.

    Vor allem steht die Ökonomie hier auf dem Kopf. Bisher wird jede Therapiestunde gleich vergütet, ob schwer oder leicht erkrankt. Einen finanziellen Grund zur Auswahl gibt es schlicht nicht. Ab 2027 schon: Budgetierung plus Ausnahmen für „dringliche" Fälle machen die Stunde mit Vermerk wertvoller als die ohne. Der Anreiz zur Rosinenpickerei wird also gerade erst eingebaut.

    Was „schwer" bedeutet, definiert dabei niemand – weder das am 10. Juli beschlossene Gesetz noch der Entschließungsantrag. Der G-BA soll bis Ende 2026 liefern, gedeckelt wird ab Januar 2027.

    Die soziale Pointe liefert der Text selbst: Die geschilderte Frau erwägt 120 Euro pro Stunde privat. Genau dorthin führt schrumpfende Kassenkapazität. Und zahlen kann das vor allem die eloquente Mittelschicht. Die Budgetierung erzeugt also die Selektion, die man den Praxen vorwirft.

  • stph

    Zur Bezahlung der therapeutischen Leistungen: tatsächlich ist sie in den letzten Jahren gestiegen, dabei aber immer noch auf einem Niveau, dass kaum eine Ärztin den Facharzt für psychosomatische Medizin macht und Fachärztinnen für Psychiatrie-Psychotherapie setzen auf das Verschreiben von Medikamenten und einen Patientinnen-Durchsatz, der dem jeder anderen Praxis entspricht - so lässt sich mehr verdienen, als mit psychotherapeutischen Gesprächsleistungen. Diese Situation nun noch zu verschärfen, ist eine fatale Fehlentwicklung: zwar werden nun nicht alle nur noch Privatpatientinnen behandeln, aber Ärztinnen werden in sich umorientieren (s.o) und Psychologinnen werde versuchen, in Beratungsstellen unterzukommen, wo sie einen festen Lohn bekommen und weniger Risiko haben.

  • stph

    Der Vorwurf, Psychotherapeutinnen würden sich die leichten Fälle aussuchen, ist nicht neu. Schon die Entstehung der Psychoanalyse fand in einem gutbürgerlichen Wiener Ambiente statt. Heute sind allerdings nicht unbedingt die Therapeutinnen an dieser Auswahl schuld: eher sind es junge, urbane Milieus, die zu psychischen Schwierigkeiten stehen und von sich aus bereit sind, sich im Rahmen einer Therapie zu hinterfragen. Ältere Menschen sind da zurückhaltender und wirklich schwer psychisch kranke Menschen entziehen sich oft den Hilfsangeboten. Da muss dann nicht nur die Dringlichkeit bescheinigt werde, sonder Zugangswege müssen erleichtert werden. Zurück zu denen, die Psychotherapie von sich aus aufsuchen: psychische Erkrankungen neigen zum Rezidiv und möglicherweise sind Medikamente dann irgendwann unverzichtbar – mit all ihren Nachteilen – und irgendwann stehen dann auch Arbeitsfähigkeit etc. infrage. Die Bereitschaft, sich frühzeitig therapeutische Hilfe zu suchen, sollte also dringend weiter unterstützt werden.

  • Retsudo

    Das versteht die CDU unter christlicher Nächstenliebe...

  • Il_Leopardo

    Meine Erfahrung ist, Finger weg von ChatGPT und Antidepressiva. Ausnahme: schwere Depression. Da kann man am Beginn der Therapie schon mal Medikamente nehmen.



    Bei (mittelschweren Depressionen) hilft nur eine fundierte Therapie, möglichst bei einem/er erfahrenen Psychoanalytiker/n. Mit einer ChatGPT kann man keine Arbeitsbeziehung aufbauen. Und die ist nun einmal für eine erfolgreiche Kur unabdingbar.



    Und ja, es ist nicht einfach, einen Therapeuten zu finden. Der beste Weg ist, immer 10 Minuten vor der vollen Stunde anzurufen oder dann, wenn Zeiten auf dem Anrufbeantworter genannt werden.



    Auf eMails reagieren die wenigsten Therapeuten. Die wollen sich am Telefon einen ersten Eindruck verschaffen. Ich selbst hatte Glück und wurde durch eine Analytikerin, die keine freie Kapazität hatte, an eine Kollegin vermittelt. Vierzehn Tage nach dem Erstkontakte hat ich meine ersten probatorischen Stunden.

  • Il_Leopardo

    Ich mach' mal meine Milchmädchenrechnung auf:



    Das Krankengeld beträgt 70 % des Gehalts. Eine Therapiestunde kostet 120 Euro. Bei 10 Stunden im Monat sind das 1200 €. Die Krankenkasse wäre m.E. gut beraten, werden sie die Therapie bezahlt, damit der Arbeitnehmer so schnell wie möglich wieder arbeiten geht. Die Investition lohne sich doch!

  • Tuff

    Am meisten profitieren die, die keine gravierenden Probleme haben und ein bisschen "guidance" und Zuspruch brauchen, so wie sie auch bei Priestern gesucht wird.



    Leute, die durch ein objektiv schlechtes Leben angeschlagen sind, brauchen bessere Lebensbedingungen, Gewaltfreiheit und Ruhe. Die Kraft von Coping ist äußerst begrenzt und es war die letzten Jahre auch sehr schlecht, dass sämtliche Probleme als Defekt der Gedanken und Gefühle der Klienten und nicht als Reaktion auf schwierige Umstände behandelt wurden.

  • Winfried Janssen

    Ich möchte noch bemerken, das zum Beispiel ChatGPT oft auf die Telefonseelsorge hinweist, die damit möglicherweise Aufgaben übernehmen soll, für die sie ursprünglich nicht geplant war...

    • Il_Leopardo

      @Winfried Janssen:

      Ganz recht - die können reguläre Therapien - die meist längere Zeit dauern - nicht ersetzen.

  • taz.manien

    Eine menschenverachtende Politik, die ganze Zeit gab es schon zu wenig Psychotherapieplätze, und jetzt? Man hat jetzt schon eine Wartezeit zwischen 1 und 2 Jahren, selbst das sagt noch nichts aus, vielleicht muss man länger suchen als 1 bis 2 Jahre, eine Psychotherapie muss zu einem passen wie der Deckel auf den Topf, deswegen kann es sein das man länger suchen muss, das ist nur noch ein Armutszeugnis!

    Nicht nur bei den Psychotherapien hat der Rotstift ganz leise und klammheimlich seine Spuren hinterlassen, jetzt werden sogar bestimmte Medikamente nicht mehr von der Krankenkasse übernommen, privat kann man die sich noch verschreiben lassen, also doch wieder eine zwei Klassenmedizin, ala Union!