piwik no script img

Prozess um Brandstiftung in Solingen Wo war der genaue Blick?

Yağmur Ekim Çay

Kommentar von

Yağmur Ekim Çay

Ja, der Täter ist zur Höchststrafe verurteilt worden. Doch der Prozess war für die Angehörigen enttäuschend – es geht ihnen um mehr als Strafe.

M anchmal ist es ein Zufall zu viel. Doch im Prozess um die Brandstiftung in Solingen, bei dem vier Menschen bulgarisch-türkischer Herkunft starben, war es keiner. Es gab viele Gelegenheiten, genauer hinzusehen – und zu viele wurden verpasst. Ein rassistisches Gedicht, gut sichtbar an der Garage des Täters, wurde einem Nachbarn zugeschrieben. 166 rechtsextreme Bilder auf einer Festplatte galten als Eigentum der Freundin. NS-Literatur im Haus stammte angeblich vom Vater.

Ein Polizeivermerk, in dem anfangs ein rechtes Motiv erwähnt wurde, verschwand später. Hinweise, die in anderen Fällen als zentral gegolten hätten, wurden wiederholt relativiert. Die Ermittlungsbehörden zeigten auffallend wenig Interesse an einem möglichen rassistischen Hintergrund.

Ja, der Angeklagte ist mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung zur Höchststrafe verurteilt worden. Doch im Prozess spielte ein mögliches rechtsextremes Motiv keine Rolle. Vieles wurde stattdessen der Psyche des Täters zugeschrieben. Gerade dieser Fall hätte einen besonders genauen Blick verlangt – denn die Frage nach einem rechtsextremen Motiv betrifft nicht nur die Angehörigen, sondern die gesamte Gesellschaft.

Und für die Angehörigen geht es um mehr als nur um das Strafmaß – sie wollten wissen: Warum wurden ausgerechnet ihre Kinder und Enkelkinder Opfer? Es hätte unabhängige Sachverständige gebraucht, Ex­per­t*in­nen für Rassismus und Rechtsextremismus oder eine zweite oder dritte Meinung, um offene Fragen der Familien ernsthaft zu prüfen. Und doch wirkte das Verfahren, als solle es vor allem eines: möglichst schnell abgeschlossen werden.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Ein Rechtsstaat muss für alle gelten. Doch einmal mehr fühlt sich ein Teil der Gesellschaft übersehen; Hinterbliebene und Überlebende bleiben mit ihren offenen Fragen allein. Und noch einmal stellt sich die Frage: Wären die Opfer Deutsche gewesen, hätte man dann ebenso gehandelt? Genau das ist womöglich die gefährlichste Botschaft: Der Rechtsstaat ist da – aber für manche weniger.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Yağmur Ekim Çay

Yağmur Ekim Çay Korrespondentin

taz-Korrespondentin für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Davor Reporterin bei der Frankfurter Rundschau. Ausgezeichnet 2024 mit dem Hessischen Journalistenpreis sowie 2023 vom medium magazin als eine der “Top 30 bis 30”.
Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

2 Kommentare

 / 
  • Bernd Simon

    Für ein Gericht zählz nur die Straftat und nicht der politische Hintergrund. Und da das Gericht den Täter zur Höchststrafe verurteilt hat, hat es auch gut gearbeitet.

    • Auweiowei

      @Bernd Simon:

      "Für ein Gericht zählt nur die Straftat, nicht der politische Hintergrund."

      Wenn das so ist, von wem und warum eigentlich wurde dann das rassistische Gedicht an der Garage des Täters einem Nachbarn, wurden die 166 verfänglichen Bilder auf seinem PC der Freundin und die NS-Bücher dem Vater zugeordnet? Wäre es nicht ein Aspekt der political correctness gewesen, wenn schon kein Aspekt des politischen Hintergrunds? Und wenn solche Kriterien keine Rolle spielen (dürfen?), wozu dann der ganze Aufwand, gleich dreimal den 'Bruder Zufall' zu bemühen, anstatt von Anfang an bewusst alle möglichen Indizien rigoros auszublenden?

      Das alles sind natürlich nur die 'dummen' Fragen von einem Außenstehenden wie mir, der ja keine Ahnung von den hohen gerichtlichen Vorgängen hat - so wenig wie etwa Kafkas Protagonist im 'Prozess'...