Protestoper in Berlin-Grunewald: Das Vorurteil vom reichen Juden

Nach einer satirischen Enteignungsoper gab es Kritik und NS-Vergleiche. Meron Mendel von der Bildungsstätte Anne Frank hält gerade diese für antisemitisch.

Als Gespenster verkleidete Menschen stehen auf einer Bühne in rotem Rauch

Ein Gespenst geht um in Grunewald: Enteignungsgeister in der Protest-Oper „Grunewalddämmerung“ Foto: Florian Boillot

BERLIN taz | Das Quartiersmanagement Grunewald hat offenbar einen Nerv im konservativ-liberalen Lager getroffen. Die linke Initiative aus der hedonistischen Internationalen, die seit einigen Jahren vor allem am 1. Mai Veranstaltungen wie Techno-Demos, einen antikapitalistischen Autokorso oder – wie vergangenes Wochenende – eine Protest-Oper in Grunewald organisiert, will Aufmerksamkeit auf das Reichenviertel ziehen.

Der etwas vereinfachte Tenor ihrer Aktionen: Hier hinter hohen Zäunen lebten die Spekulant:innen in schicken Villen, die mit unseren Mieten Geld machen, und vielleicht sollte man mal über die gesellschaftliche Umverteilung von Vermögen nachdenken. Von wegen soziale Ungleichheit und so. Oder, wie es auf einem Plakat am Autokorso vom 1. Mai mit Bezug auf eine FDP-Phrase zugespitzt hieß: „Enteignung first, Bedenken second“.

Nun scheinen linke Demos im Reichenviertel einige besonders zu triggern: Allen voran den Welt-Chef Ulf Poschardt, der vergangenes Wochenende, aber auch bereits am 1. Mai dieses Jahres zur harten Kritik am antikapitalistischen Protest ausholte. Am 1. Mai schrieb er: „Der Grunewald war ein sehr jüdisches Viertel, das ‚Enteignen first, Bedenken second‘ gab es schon mal: zwischen 1933 und 1945.“

Vergangenes Wochenende hatte die Welt gar eine Reporterin zur Protestoper „Grunewalddämmerung“ geschickt, die heutige Enteignungsforderungen vor dem Hintergrund der jüdischen Geschichte der Villenkolonie Grunewald beleuchtete. Oder wie Poschardt auf Twitter anteasert: „Wie linke Aktivisten dort weitermachen, wo die Nationalsozialisten arisiert haben.“

Schräge Argumentation

Meron Mendel, der seit 2010 die Bildungsstätte Anne Frank leitet und auch als Kolumnist in der taz schreibt, widerspricht ihm bei dieser Kritik deutlich. Bereits am 1. Mai hatte er sich in die Debatte eingeschaltet und von Geschichtsrelativierung gesprochen. Am Dienstag sagte Mendel der taz nun, dass die schräge Argumentationsweise von Springer leider nichts Neues sei.

Nach der Lektüre des Artikels vom vergangenen Wochenende sei er allerdings kurz sprachlos gewesen, so Mendel: „Wie zynisch ist es, mit einem jüdischen Blickwinkel auf die aktuelle Enteignungsdiskussion zu schauen? Dass dieser bürgerliche und reiche Stadtteil heute zum idealtypischen jüdischen Stadtteil stilisiert wird, ist eine antisemitische Projektion, die weder für die Zeit damals noch für heute stimmt.“

Meron Mendel, Bildungsstätte Anne Frank

„Ich sehe sehr wohl eine Kontinuität von Antisemitismus: Aber nicht bei den Aktivisten, sondern bei Poschardt, der weiterhin auf diese gefährlichen Vorurteile anspielt.“

Natürlich könne man auch heute jüdische Bewohner in Grunewald finden. Das könne man aber auch in Prenzlauer Berg, Pankow oder Stuttgart – „sie aber als idealtypische Bewohner von Grunewald zu inszenieren, leistet antisemitischen Vorurteilen Vorschub und bestärkt diese“, so Mendel. Im Übrigen seien die Juden in Berlin damals in der Mehrheit sogenannte „Ost-Juden“ aus Polen und Russland gewesen, die nach heutiger Definition unter der Armutsgrenze leben würden.

Die Berichterstattung der Welt erinnert Mendel an einen Spiegel-Titel vom vergangenen Jahr über jüdisches Leben in Deutschland, der mit einem stereotypen Bild von zwei jüdischen Männern aus dem Scheunenviertel der zwanziger Jahre bebildert war.

Vor 85 Jahren habe es beide Stereotype über Juden gegeben, so Mendel: „Die reichen Juden, die aus der Villa die Welt regieren, oder die dreckigen Ostjuden, die fremd aussehen.“ Der Spiegel-Titel und der Welt-Bericht seien die modernen Entsprechungen, die anschlussfähig seien für Antisemitismus: „Zwischen diesen beiden stereotypen Polen liegt die Repräsentanz von jüdischem Leben in deutschen Medien heute“, sagt Mendel.

In einem Punkt würde er dem Welt-Chef allerdings zustimmen, wie Mendel sagt: „Ich sehe sehr wohl eine Kontinuität von Antisemitismus: Aber nicht bei den Aktivisten, sondern bei Poschardt, der weiterhin auf diese gefährlichen Vorurteile anspielt.“ Es besorge ihn sehr, dass so unreflektiert damit umgegangen werde: „Selbst wenn man sich auf der Seite von Juden in Deutschland wähnt, erweist man ihnen damit einen Bärendienst.“

Schon am 1. Mai waren Mendel Poschardts Tweets gegen dieses Protestbündnis aufgefallen. Damals sei bei Poschardt auch noch mitgeschwungen, dass Neid und Streben nach Gleichheit zum Nationalsozialismus geführt hätten: „Er hat behauptet, dass Enteignungen damals das Gleiche seien wie heutige Enteignungsforderungen. Das ist Geschichtsrevisionismus par excellence.“

Die Enteignungsforderungen von heute seien zwar radikal, „aber nicht rassistisch oder antisemitisch“, so Mendel. Sie seien keinesfalls mit Naziideologie gleichzusetzen, bei denen es um die Ausgrenzung und die Enteignung bestimmter religiöser Gruppen gegangen sei.

„Neoliberaler Populist mit rechter Agenda“

Immerhin: Die Aktivisten vom Quartiersmanagement Grunewald freut jedenfalls so viel Aufmerksamkeit des Welt-Chefredakteurs. Eine Sprecherin der Ini, die sich als Frauke Geldher vorstellt, sagt der taz: „Die allergische Reaktion werten wir als Zeichen, dass wir den richtigen Nerv getroffen haben.“ Allerdings seien sie schockiert, wie viele das rechte Narrativ von Springer auf Twitter, aber auch in der Presse übernommen hätten.

Sie spielt damit vor allem auf einen Morgenpost-Artikel an, der am Tag nach der Oper in einem Bericht bei den innenpolitischen Sprechern der Parteien den jeweiligen Betroffenheitsgrad nach der Satire-Aktion abfragte und auch auf die Enteignungsforderungen im Kontext der jüdischen Geschichte des Villenviertels anspielte.

Die Aktivistin sagte der taz am Dienstag: „Die Debatte um Antisemitismus bezüglich ihrer Enteignungsforderungen ist eine Scheindebatte, die vorgeschoben wird.“ Wenn es wirklich fundierte Kritik aus der jüdischen Gemeinde oder von Betroffenen gegeben hätte, hätte man darauf Bezug genommen. „Aber wenn ein neoliberaler Populist uns diesen Vorwurf macht, um seine rechte Agenda zu pushen, ist das eine miese Instrumentalisierung“, so Geldher. Der eigentliche Skandal sei weiterhin, „dass 10 Prozent der Bevölkerung 67 Prozent des Nettovermögens besitzen und dass Gewinne privatisiert und Verluste vergesellschaftet werden.“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben