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Proteste in Serbien Das Regime Vučić kann stürzen

Erich Rathfelder

Kommentar von

Erich Rathfelder

Die andauernden Proteste in Serbien machen Hoffnung. Und sie zeigen: Die Bevölkerung lässt sich nicht einschüchtern.

G erade eben wurde bei dem Treffen von Putin und Trump in Alaska die Macht ignoranter und verantwortungsloser Autokraten aller Welt vorgeführt. Das muss allen politisch denkenden Menschen die Luft abschnüren. Die Frage „What the hell is this?“ schwebt jetzt über allem und findet keine befriedigende Antwort. Dass jetzt ausgerechnet aus Serbien, dem Land, das als erstes Land seit Anfang der 1990er Jahre eine korrupte Autokratie ausgebildet hat, jetzt Hoffnung kommt, ist eine Art List der Geschichte. Hoffnung steigt also ausgerechnet von diesem kleinen Balkanland auf, das seine blutige Geschichte noch nicht aufgearbeitet hat, jetzt aber anscheinend darangeht, seine bösen Geister ernsthaft zu bekämpfen.

Die Ereignisse in Valjevo und weiteren Orten in Serbien zeigen, wie schnell das autokratische System von Alexandar Vučić ins Wanken geraten kann, wenn die Bevölkerung beharrlich ihren Protest fortführt, ihn sogar ausweitet und sich nicht durch die Schlägertrupps des Regimes einschüchtern lässt. Nicht nur brennende Parteibüros in einigen Städten zeugen davon, vor allem aber der Mut von Aktivisten, ihre intelligenten Aktionsformen und die Solidarität von ganz normalen Menschen kann den Kipppunkt herbeiführen.

Gelänge es, die aus den Gefängnissen rekrutierten kriminellen Schläger zu isolieren und Teile der Polizei zu sich herüberzuziehen, wäre das Regime erschüttert. Das weiß natürlich auch Alexandar Vučić. Er wird alle Repressionsinstrumente und die von ihm kontrollierten Medien nutzen, um das zu verhindern und den Konflikt mit Kosovo schüren.

Putins Segen für jegliche Repression hat er sicherlich. Dass die Russen die serbische Armee faktisch kontrollieren, ist da nur eine Fußnote. Und auch, dass die Söhne Trumps bereit stehen, um mit Vučićs Segen in Belgrad zu investieren. Für die europäische und deutsche Politik aber ergibt sich so oder so ein Scherbenhaufen: Berlin jedenfalls hat Vučić immer unterstützt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Erich Rathfelder

Erich Rathfelder Auslandskorrespondent Balkanstaaten

Erich Rathfelder ist taz-Korrespondent in Südosteuropa, wohnt in Sarajevo und in Split. Nach dem Studium der Geschichte und Politik in München und Berlin und Forschungaufenthalten in Lateinamerika kam er 1983 als West- und Osteuroparedakteur zur taz. Ab 1991 als Kriegsreporter im ehemaligen Jugoslawien tätig, versucht er heute als Korrespondent, Publizist und Filmemacher zur Verständigung der Menschen in diesem Raum beizutragen. Letzte Bücher: Kosovo- die Geschichte eines Konflikts, Suhrkamp 2010, Bosnien im Fokus, Berlin 2010, 2014 Doku Film über die Überlebenden der KZs in Prijedor 1992.
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5 Kommentare

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  • Malte Toll

    Inwiefern kontrolliert der russische Staat faktisch die serbische Armee? Die engen (auch militärischen) Beziehungen zwischen Vucic und Putin sind allbekannt, aber das wäre mir doch neu. Vielleicht kann mir jemand ja weiterhelfen.

  • Salinger

    Der Mut der jungen Demonstranten ist bewundernswert. Sie riskieren viel.

  • nihilist

    "Berlin jedenfalls hat Vučić immer unterstützt."

    Ist Berlin denn davon irgendwann abgerückt?



    Status quo ist eben heilig. Von Serbien bis Somalia ist für Berlin vor allem wichtig, dass die Machtverhältnisse (zumindest auf dem Papier) stets bleiben, wie sie sind. Bis auch die ignoranteste Teilöffentlichkeit die Lage vor Ort nicht mehr ignorieren kann, plus ungefähr ein halbes Jahr.



    Das heißt dann "Stabilität".

  • Liliana Witt

    Der Beitrag zu Serbien erwähnt leider nicht die Untestützung der serb.orthodoxen Kirche für Vucic. Schade....hätte mir in der TAZ mehr erwartet.

    • Klaus Waldhans

      @Liliana Witt:

      Herr Rathfelder hat es nicht erwähnt, weil es eine Selbstverständlichkeit ist...