Proteste in Namibia und Berlin: Blutroter Wasserstoff
Das Wasserstoff-Projekt „Hyphen“ gefährdet einen Gedenkort für den Völkermord an den Herero und Nama. Eine Delegation kam für Proteste nach Berlin.
Eine Frau, ganz in Weiß gekleidet, stimmt traditionelle Gesänge an. Sie verschüttet den Inhalt einer Wasserflasche auf der grauen Erde und formt dabei mit weiten Schritten einen Kreis um die Banner, die am Samstagmittag vor dem Auswärtigen Amt ausgebreitet liegen. Marianne Ballé Moudoumbou wird den heutigen Protest moderieren. Doch bevor die erste Rede beginnt, möchte sie diesen Ort rituell reinigen.
Der Wasserkreis ist geschlossen. Mittlerweile haben sich etwa 40 Menschen im Schatten der Bäume versammelt. Ballé Moudoumbou nimmt ein weißes Säckchen in die Hand und verstreut Salz auf dem Boden. Es soll ein Symbol der Heilung sein.
„Völkermord, das war deutsche Politik“, sagt sie und bezieht sich dabei auf den Genozid an den Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 in Namibia. Damals töteten deutsche Truppen etwa 80 Prozent der Herero und die Hälfte der Nama. Allein im Konzentrationslager auf Shark Island, einer Halbinsel in der Lüderitzbucht, mussten 4.000 Herero und Nama sterben.
Dort in Namibia demonstrieren am Samstag zeitgleich Nachfahren der Opfer des deutschen Völkermords ebenfalls unter dem Motto „Hände weg von Shark Island“. Der Grund dafür findet sich in der Lage des Gedenkorts für das Konzentrationslager. Er befindet sich an der Spitze der Halbinsel, an deren Wurzel der Hafen von Lüderitz operiert.
Was Berliner und namibische Aktivist:innen gleichermaßen aufbringt, ist das Wasserstoffprojekt „Hyphen“. Im Tsau-ǁKhaeb-Nationalpark, wenige Autominuten vom Stadtzentrum entfernt, soll auf 4.000 gepachteten Quadratkilometern eine Anlage zur Produktion von grünem Wasserstoff errichtet werden. Unter den drei Trägern des Projekts findet sich auch das deutsche Energieunternehmen Enertrag.
Maboss Ortmann, Nama Traditional Leaders Association
Felix Henn vom Berliner Bündnis „Völkermord verjährt nicht“ warnt, der Hafenausbau verdecke die Sicht zwischen Stadt und Halbinsel. „Gerade der Blick von Shark Island nach Osten – mit freier Sicht auf den Sonnenuntergang – spielt für die Nama beim rituellen Trauern um ihre Ahnen eine zentrale Rolle.“ Maboss Ortmann von der Nama Traditional Leaders Association aus Namibia bestätigte diese Schilderung auf taz-Anfrage: „Der geplante Hafenausbau gefährdet die Unversehrtheit von Shark Island als Ort der Erinnerung und kulturellen Praxis.“
Ein Sprecher des Unternehmens wies den Titel der Demonstration als „irreführend“ zurück. Auf Anfrage der taz betonte er, Shark Island stehe in keinem Zusammenhang mit dem Hyphen-Projekt. Der für Öl und Gas geplante Hafenausbau liege in staatlicher Hand, während das Hyphen-Projekt mehrere Kilometer westlich einen eigenen Tiefseehafen plane.
Henn wendet ein, dass Enertrag es sich zu einfach mache, zu behaupten, es hätte mit dem Hafenausbau nichts zu tun. „Der ist Teil einer Infrastrukturentwicklung in der Region, die auf Exporte setzt.“ Das Hyphen-Projekt sei ein Antreiber dieser Dynamik und profitiere von der Infrastruktur, die geschaffen werden solle. Zudem drohe die geplante Erweiterung des Hafens, die ungeborgenen Überreste von Opfern der Nama und Ovaherero zu zerstören, die sich wahrscheinlich noch in den umliegenden Gewässern befänden. „Jeder Denkmalschützer würde sagen: Man kann keinen riesigen Hafen und eine Mauer bauen und behaupten, der Ort bleibe dadurch unberührt.“
Die Anerkennung von Völkermord
Zwischen den Demobannern vor dem Auswärtigen Amt steht Nandi Mazeingo, Vorsitzender der Ovaherero Genocide Foundation. Er ist eigens aus Namibia angereist und kritisiert die bisherigen Verhandlungen zwischen Berlin und seiner Regierung über den Umgang mit dem Genozid scharf. Namibias Präsidentin Netumbo Nandi-Ndaitwah hatte am 8. April auf einer Nationalversammlung angekündigt, dass sich die Verhandlungen zwischen der Hauptstadt Windhoek und Deutschland dem Ende näherten. Eine „Joint Declaration“ beider Regierungen soll den Rahmen für eine abschließende Versöhnung bilden, indem Deutschland seine historische Schuld und sich zu Zahlungen bereit erklärt.
Dazu sagt Mazeingo: „Ich möchte überhaupt keine Zeit damit verbringen, über diese Joint Declaration zu sprechen.“ Ein Prozess, der ohne legitime Vertreter der betroffenen Gemeinschaften geführt worden sei, habe für ihn keine Relevanz. Ortmann ergänzt: „Alles, was über uns ohne uns entschieden wird, richtet sich gegen uns.“ Sein Verein fordert eine Neuverhandlung und eine umfassende Wiedergutmachung für den Völkermord.
Das Auswärtige Amt verweist auf den vertraulichen Austausch mit der namibischen Regierung, die auch Vertreter der Herero und Nama umfasst. Eine Sprecherin sagte der taz, die Regierung habe die damaligen Taten bereits als Völkermord bezeichnet. „Die Bundesregierung bekennt sich zur moralischen und politischen Verantwortung Deutschlands dafür.“
Die Übernahme dieser Verantwortung spricht Elisabeth Kaneza von Amnesty International der Bundesregierung in ihrer Rede ab. Trotz der Anerkennung als Völkermord seien keine angemessenen Konsequenzen gezogen worden. Tatsächlich fließen bisher keine offiziellen Reparationen. Stattdessen möchte Deutschland Wiederaufbauhilfe auf freiwilliger Basis zahlen.
Deutschland kein Erinnerungsweltmeister
Charlotte Neuhäuser von den Linken ist die einzige Berufspolitikerin, die bei der Demo spricht. „Euer Schmerz und eure Wut sind angebracht“, sagt sie an die Nachfahren der Betroffenen gerichtet. Entwicklungshilfe sei keine Wiedergutmachung, kein Schuldeingeständnis. Man wisse durch die psychologische Forschung, dass Traumata durch Gewalt, Mord und Verfolgung über Generationen hinweg vererbt werden. „Völkermord verjährt nicht, und deshalb ist euer Schmerz auch nach 100 Jahren nicht verjährt.“
Dann geht sie auf etwas ein, das Mazeingo bereits in seiner Ansprache kritisiert hat: die deutsche Schulbildung über den Kolonialismus im heutigen Namibia. „Heute sehen wir einmal mehr, dass Deutschland den Titel ‚Erinnerungsweltmeister‘ nicht verdient hat“, resümiert Neuhäuser. „Wo kommt unser Wohlstand eigentlich her? Welches Blut klebt an unseren Händen? Welche geraubten Schätze präsentieren wir stolz in unseren Museen?“
Vor dem Humboldt Forum, dem wohl namhaftesten dieser Museen, liegt die zweite Etappe der Demonstration. Dort spricht der Künstler Fogha Mc Cornilius Refem als einer von vier Rednerinnen und Rednern. Er zeigt auf die Museumsfassade hinter sich, während er die Demonstrierenden ansieht. Er sei „sick of colonisation“ Das Humboldt Forum bezeichnet er als einen teuren „load of bullshit“.
Ein Pressesprecher des Humboldt Forums betont, dass die Auseinandersetzung mit Kolonialismus in Zusammenarbeit mit Betroffenen seit der Eröffnung ein zentraler Bestandteil ihrer Arbeit sei. „Aktuell thematisiert die Ausstellung ‚Ansichtssache(n)‘ deutsche Kolonialherrschaft umfassend, darunter auch die Gewaltgeschichte in Namibia.“ Man sei offen für weitere Gespräche.
Grüner Export, lokaler Notstand
Angekommen an der letzten Etappe vor dem Enertrag-Bürogebäude in der Rosenthaler Straße erinnert Tsafrir Cohen, Geschäftsführer der Stiftung Medico International, in seiner Rede an die historische Brutalität der Kolonialzeit. Er zitiert aus dem damaligen Vernichtungsbefehl des Generals Lothar von Trotha: „Jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh wird erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zurück zu ihrem Volk oder lasse auch auf sie schießen.“ Gefangene in Shark Island seien damals gezwungen worden, die Schädel ihrer eigenen Verwandten zu kochen und mit Glasscherben von Fleischresten zu befreien, um sie für sogenannte „Rassenforschung“ nach Deutschland zu schicken.
Heute leide Namibia unter extremer Wassernot, die Regierung habe sogar den nationalen Wassernotstand ausgerufen. Doch die deutsche Industrie plane mit an Projekten in Namibia, die vor allem dem Export dienen. „Das ist verbrecherisch“, so Cohen. „Dieser Wasserstoff wird niemals grün sein, sondern blutrot.“
Tsafrir Cohen, Geschäftsführer der Stiftung Medico International
Aaron Alexandre Cuyugan von der Initiative „Neue Ökonomie“ mahnt, dass Profit nicht auf Land entstehen dürfe, das den Nama geraubt worden sei. Das Wasserstoffprojekt sei lediglich eine Fortsetzung kolonialer Strukturen. Während Enertrag von „lokaler Wertschöpfung“ spricht, warnt auch Henn vom Bündnis „Völkermord verjährt nicht“ vor den wirtschaftlichen Folgen. Namibia sei mit 24 Prozent am Projekt beteiligt und bereits massiv überschuldet. Wenn „Hyphen“ schieflaufe, drohe ein Fiasko für den Staatshaushalt. Bei den Jobs, die für Einheimische entstehen könnten, sei zudem zweifelhaft, wie langfristig und gut bezahlt diese tatsächlich sein würden.
Zum Abschluss formen die Demonstrierenden mit einer Menschenkette einen Kreis. Es wird still. Auf Aufforderung von Ballé Moudoumbou legen die Teilnehmenden ihre Hände auf den Boden. Eine Geste der Verbundenheit mit der Erde, die auch in Lüderitz stattfinden soll. Die Demonstrierenden halten kurz inne, dann springen sie gleichzeitig auf und reißen die Arme in die Luft. Immer wieder rufen sie: „Hands off Shark Island!“
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