Proteste gegen Corona-Regeln: Wie man Nazis auf Abstand hält

In Frankfurt hat am Wochenende erstmals ein breites Bündnis gegen die „Hygienedemos“ mobilisiert. Der Protest war bunt und vielfältig.

Auf einem Balkon hängt ein Schild mit der Aufschrift "2m Anstand".

Kreativer Protest gegen „Hygienedemos“ geht auch vom Balkon Foto: Fabian Sommer/dpa

FRANKFURT taz | Noch bevor die ersten Ufos auf dem Römerberg landen oder Verschwörungsfans ihre Computer verlassen können, erlebten sie in Frankfurt eine empfindliche Niederlage. Ein breites Bündnis hat sich gegen die „Hygienedemos“ gestellt. Doch wie funktionieren eigentlich Nazi-Blockaden mit Abstand? Und was haben die Gegenproteste vom Samstag bewirkt?

Insgesamt 14 Kundgebungen sind laut Ordnungsamt angemeldet, davon aber nur zwei, die die Gefahr des Corona-Virus infrage stellen. Ein Teil der Strategie ist es, Verschwörungsideologien im wahrsten Sinne des Wortes kaum einen Platz in der Stadt zu überlassen. Überall sind Kundgebungen von Fridays For Future, Parteien wie der DKP, der Linken und ÖkoLinX, der Jugendgruppe SDAJ, Migrantifa Hessen, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BDA), Solidarisch Unaufgefordert Queer und vielen weiteren. Diese Vielfalt kommt schon in den Tagen zuvor bei vielen gut an.

Ab 13 Uhr finden sich die ersten Linken an der Hauptwache ein. Sie setzen die Auflage der Polizei, sich mit Mund-Nasen-Schutz zu vermummen, bereitwillig um. „Es ist ganz klar unser Anspruch, die Corona-Maßnahmen einzuhalten“, betont Magda Nussbaum, die ihren Klarnamen nicht in der Zeitung lesen will, von der neuen Antifa-Initiative „Aufklärung statt Verschwörungsideologien“. Doch der Abstand, den Kreuze auf dem Asphalt markieren, lässt sich schon nach kurzer Zeit nicht mehr einhalten, so voll ist es.

Die Polizei scheint das nicht zu stören. Sie schätzt, dass an der Alten Oper, am Goetheplatz und an der Hauptwache rund 1500 Personen demonstrieren, doch verlässliche Zahlen wird es von diesem Tag wohl nicht geben. Immer wieder schleichen Verwirrte und Rechte in die Menge der Linken. „Ihr seid auf der falschen Party“ rufen Antifas einem Mann im Militär-Outfit zu und bauen sich – mit Abstand – vor ihm auf. Das scheint nichts zu bewirken. Der Militär-Mann kommt jetzt erst so richtig in Fahrt. Irgendwann schleppen Polizisten ihn weg.

Dynamisch bleiben als Gebot der Stunde

Ein Polizeisprecher beschreibt die Lage auf Nachfrage als friedlich, aber „sehr dynamisch“. Ebenso gut könnte man von absolutem Chaos sprechen. Für die Antifaschist*innen ist das ein Vorteil. Sie haken sich nicht wie sonst statisch beieinander unter, sondern fließen in Kleingruppen von Ort zu Ort. Am Roßmarkt bleiben einige dann länger stehen. Hier befinden sich Neonazis auf einer Kundgebung, die mit Hajo Köhn ein ehemaliger Occupy-Aktivist angemeldet hat.

Einer zeigt den Hitlergruß, ein anderer trägt eine Kappe mit den Ziffern „13“, die auf den neonazistischen „Aryan Circle“ hindeuten. Ein weiterer einen Davidstern mit dem Wort „ungeimpft“ auf dem rechten Arm. Ungefähr zehn Meter entfernt spannen Antifas plötzlich mehrere Banner mit Aufschriften wie „Wer mit Nazis marschiert, hat nichts kapiert“ und rufen die üblichen Parolen.

Sofort zieht eine Polizeikette dazwischen, dann noch eine. Anderen gelingt es derweil, mit einem Transparent von „Aufstehen gegen Rassismus“ auf die Statue zu klettern, von der aus die Redner*innen Lügen, Hass und Verschwörungswahn verbreiten.

Wie wirkt all das auf Unbeteiligte? Die 20-jährige Gizem findet die Transparente „gut“. Sie hätte sich allerdings über einen Flyer gefreut, auf dem steht, was die Gegenproteste selbst erreichen wollen. Ann-Christin und ihre Mutter, die nur zufällig vorbeikommen, nennen die Gegenproteste „unnötig“. Schließlich sei doch längst allen klar, „was das für Spinner sind“.

Dieser Weg wird kein leichter sein…

Ein paar Schritte weiter tanzt und trommelt die Gruppe Rhythms of Resistance vergnügt um einen Mann mit „Gib Gates keine Chance“-Hut herum. Der lacht und tanzt mit, sein Schild sieht man kaum noch. Nicht alle nehmen die Kritik so hin. Eine der Trommlerinnen schildert, dass sie nahe des Goetheplatz von rechten Frauen angegriffen worden sei.

Ihr sei zum Glück nichts passiert, durch den Tumult sei sie sogar näher an die Pegida-Aktivistin Heidi Mund herangekommen und habe deren Hetze noch besser mit Getrommel übertönen können. Mund konnte sich zwar teilweise bewegen, doch wurde dabei immer doppelt abgeschirmt: innen von der Polizei, außen von Linken.

Die vielen Gegenproteste störten sie nicht, sagt eine der Rechten. „Aber ich hätte mir mehr Distanz durch die Polizei gewünscht“. Das verwirrt nun selbst die Reporterin. Kritisiert die Frau ohne Mundschutz gerade, dass die Polizei die Abstandsregeln nicht einhält? Dann stellt sich heraus, dass sie sich mehr Abstand zwischen den beiden Protest-Lagern gewünscht hätte. Sie ist nur schwer zu verstehen, da einer ihrer Begleiter ständig „Lügenpresse“ dazwischenruft. Jedenfalls hätten die Linken zu viel Lärm gemacht, schimpft sie. Auch ihr Mann Lothar nennt das „unredlich“.

„Die waren schon sehr mächtig“, resümiert ein Mann mit gelber Sonnenbrille. Sein Kumpel bezeichnet die Antifa als „SA“. Wird er wieder kommen? „Ich werde mich diesen Leuten nicht mehr aussetzen“, behauptet er.

Linke und Polizei zufrieden

Derartige Aussagen und den Tag insgesamt verbuchen Antifaschist*innen als Etappensieg. Ein heimlicher Höhepunkt ist für viele der Moment, als Pegida-Frau Mund das Megafon geklaut wird. Eine andere Strategie wählt der Grüne Ortsbeirat Jörg Harraschain. Er nimmt das Antifa-Motto „Aufklärung statt Verschwörungsideologien“ wörtlich und spricht mit der Gegenseite.

Darunter ist eine Frau, auf deren Plakat „Freiheit für die Gefangenen in den Altenheimen“ steht. „Die Schwierigkeit ist, mit denen noch eine gemeinsame Ebene zu finden“, bemerkt er danach. Er wirkt erschöpft. „Aber steter Tropfen höhlt den Stein und vielleicht wird das ein oder andere meiner Argumente ihnen zu denken geben“, zeigt sich der 77-Jährige zufrieden.

Dass von vielen der „kontroverse, aber friedliche Dialog“ gesucht wurde, erfreut laut Twitter auch die Polizei. Sie hatte vorab versprochen: „Die Polizei betont, dass die Teilnahme an Versammlungen oder Demonstrationen ein Grundrecht darstellt.“ Was wie eine Selbstverständlichkeit klingt, galt in Frankfurt zuletzt nicht für alle. Erst Anfang April hatte die Polizei – mutmaßlich rechtswidrig – eine Demonstration der Seebrücke aufgelöst.

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