Konjunktur der Verschwörungstheorien: Die nervöse Republik

Tausende demonstrieren gegen die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung. Man sollte sich von der Konjunktur des Irrsinns aber nicht irre machen lassen.

Zwei Demanstarten mit selbsgemalten Plakaten

Protest am Sonntag in Stralsund Foto: dpa

In Stuttgart jubeln ein paar Tausend einem einschlägig bekannten Verschwörungstheoretiker zu, der meint, Bill Gates habe Corona erfunden, um die Welt zu beherrschen. Ein Ex-Grüner hat kürzlich eine Partei mitinitiiert, die ohne Scheu vor Pathos „Widerstand 2020“ heißen soll – aber rekordverdächtig schon vor ihrer Gründung wieder zu zerfallen scheint. Die Republik wird jedenfalls nervös. Auch die Ränder des ex-alternativen Milieus, das schon immer wissenschaftsskeptisch gestimmt war, sind anfällig für schlichte Parolen.

Die machen das Schwierige einfach. Sie reduzieren die Komplexität der verwirrenden globalen Moderne auf ein praktisches Freund-Feind-Klischee. In dem Gewirr von Fachbegriffen der Epidemiologie, Statistiken und Ängsten vor dem eigenen wirtschaftlichen Absturz wächst die Neigung, Fake News zu glauben und einem archaischen Reflex zu folgen: Jemand muss schuld sein. Da bieten sich wahlweise Bill Gates, Angela Merkel, die Impflobby, die globalen Eliten oder die Medien an. Oder 5G-Funkmasten, die in Großbritannien abgefackelt werden.

Die Methode der Verschwörungstheoretiker erinnert an Trump. Auch dort verschwindet der Unterschied zwischen Fakten und Meinungen. Dass die AfD versucht, diese diffuse Bewegung für sich zu rekrutieren, passt ins Bild.

Warum jetzt? Es ist kein Zufall, dass die Paranoiker in dem Moment, in dem die Gesellschaft in eine fragile Normalität zurückkehrt, versuchen die Bühne zu entern. Der Konsens des Lockdowns löst sich auf. Gleichzeitig brechen stillgelegte soziale Kämpfe auf, welche Branche zuerst wieder öffnen darf. Beides ist nötig. Denn Demokratie heißt nicht Konsens von oben, sondern geregelter Kampf der Interessengruppen. Für manchen Restaurantbesitzer, der Angst vor dem Bankrott hat und sich benachteiligt fühlt, scheint die Idee, dass alles Lüge ist, anziehend zu sein.

Man sollte sich von der Konjunktur des Irrsinns aber nicht irre machen lassen. Denn all das ist auch ein flüchtiger Effekt der Aufmerksamkeitsökonomie. Selten war es leichter, die Scheinwerfer auf sich zu richten. Ein Autor von Kochbüchern hat es mit der Idee, als Samurai im Kampf gegen die Weltverschwörung zu sterben, zu einer gewissen Bekanntheit gebracht.

Diese neue Querfront ist nicht so einflussreich, wie sie es in ihren Filterblasen suggeriert. Weniger als 10 Prozent lehnen, laut einer ARD-Umfrage, das Krisenmanagement der Regierung rundheraus ab. Die Allianz von Impfgegnern bis zu Rechtsextremen ist laut und schrill – stabil schon weniger. Bislang haben wir es eher mit einem ästhetisch strapaziösen als demokratiegefährdenden Phänomen zu tun.

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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