Nazi-Demo Tag der Deutschen Zukunft: Rechte Blamage in Worms

30 selbsternannte Patriot*innen wollen in Worms den sogenannten „Tag der deutschen Zukunft“ begehen. Doch die Bevölkerung hält dagegen.

Eine Gruppe von Gegendemonstrantinnen. Eine hält ein Schild in die Luft, auf dem "Fuck Nazis" steht. Sie hält ihre Mittelfinger in die Luft. Hinter hier eine Regenbogenfahne.

„Nazis raus“ Foto: Marine Clément-Colson

WORMS taz | Mit einem großen Banner begrüßten die Wormser*innen alle Demonstrant*innen in der Rheinstadt. „Unsere Stadt bleibt bunt, wir pfeifen auf Nazis“ prangte an einer Hauswand am Bahnhofsvorplatz. Der sollte im Verlauf des Tages zum Schauplatz der Neonazi-Demo „Tag der deutschen Zukunft“ (TddZ) werden. Schnell war klar: Dieser Tag würde jedoch zur Blamage für die vermeintlichen Patrioten werden. Nur gut 30 Menschen aus der Neonazi-Szene kamen nach Worms, um „ihr“ Land vor „Überfremdung“ zu bewahren.

Bereits am Morgen hatten sich hunderte Menschen in der Innenstadt versammelt und zeigten deutlich, dass der rechtsextreme Aufmarsch in Worms nicht willkommen war. Im Laufe des Vormittags trafen immer mehr Gegendemonstrant*innen mit dem Zug in Worms an. Überall in der Region mobilisierten sich Menschen und reisten aus den großen Städten Frankfurt, Mainz, Kaiserslautern, Mannheim oder Karlsruhe in die historische Kleinstadt am Rhein. Am Ende zeigte eine bunte Mischung aus Antifa-Gruppen, Gewerkschaften, Politikjugenden, sozialen Vereinen und Verbänden, wie auch viele Familien und Anwohner*innen der Gruppe Neonazis, dass sie für eine bunte und offene Gesellschaft einstehen.

Nur knapp genehmigt

Seit 2009 findet der TddZ jährlich in wechselnden deutschen Städten statt. 2016 kamen in Dortmund rund 1.000 Rechtsextreme zusammen, verbreiteten dort Hass und zogen mit Schwarz-Weiß-Roten Fahren durch die Straßen. In den folgenden Jahren nahm die Teilnehmer*innenzahl kontinuierlich ab. Im vergangenen Jahr in Chemnitz kamen nur gut 250 Menschen zusammen und das sinkende Interesse am TddZ in der rechtsextremen Szene fand in Worms mit 30 Teilnehmer seinen Tiefpunkt. So war schon vor der Demo klar, dass dies der letzte TddZ werden soll.

Doch bis kurz vor Beginn des vermeintlichen deutschen Zukunftstag war nicht einmal klar, ob die Demo überhaupt stattfinden würde. Aufgrund der aktuellen Lage und im Sinne des Infektionsschutzes untersagte die Stadt Worms die Demo zunächst. Die rechtsextremen Veranstalter*innen aus dem Umfeld der Parteien die Rechte und NPD, klagten bis vor das Oberverwaltungsgericht Koblenz. Erst am Freitag gab das Gericht der Beschwerde recht.

Glockengeläut gegen rechtes Geschwurbel

Der Wormser Oberbürgermeister Adolf Kessel kritisierte diese Entscheidung des Gerichts am Mittag vor den Gegendemonstrant*innen. Er bedauerte, dass die Stadt die Nazi-Demo unter Auflagen genehmigen musste. „Wir haben alles versucht, dass diese Versammlung der Rechtsextremen nicht stattfindet.“ Der OB zeigte sich erfreut über die große Anzahl an Gegendemonstrant*innen: „Wir stehen zusammen und wir halten zusammen.“

Gut eine Stunde verspätet, gegen 13 Uhr, trafen die Neonazis am Vorplatz ein, wo sich zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Hunderte Menschen lautstark gegen die unerwünschten Besucher*innen aussprachen. Mit Sprechchören und Trillerpfeifen übertönten sie die Parolen der nur gut 30 Rechtsextremen. Vor einem blauen Van hielten diese Reden, im Hintergrund stets stimmungsvoller Widerstand. Von einem Balkon ertönte aus einer kraftvollen Lautsprecheranlage Glockengeläut, dass die Ansprache der Redner deutlich übertönte.

Vor Ort waren auch zahlreiche Familien und Anwohner*innen, Schüler*innen von Fridays For Future und Gewerkschaftler*innen von Ver.di und IG Metall. „Wir sind froh, den Nazis den Weg durch die Stadt zu erschweren. Wir Wormser sind gegen die Vereinnahmung unserer Stadt“, sagte Mela Hanisch, die mit ihrer Familie demonstrierte. „Es ist schön zu sehen, dass auch eine recht kleine Demo, wie unsere hier, viel Erfolg hat.“

Straßenblockade und Handgreiflichkeiten

Weit im Vorfeld hatte das Bündnis „Block TddZ Worms“ in der Region mobilisiert. Über 50 antifaschistische Organisationen unterstützten die Pläne, die geplante Marschroute der Neonazis zu blockieren. Während in den Straßen um den Bahnhof friedlich demonstriert wurde, lieferten sich hunderte Demonstrant*innen über Stunden ein teils wildes Katz und Maus Spiel mit der Polizei. Die war vor Ort mit rund 1.000 Beamt*innen vertreten und versuchte vehement beide Gruppen voneinander getrennt zu halten.

Schon vor der eigentlichen Demonstration wurden mehrere Demonstrant*innen in der Fußgängerzone festgesetzt und ihre Personalien aufgenommen. Der Zwist zwischen Polizei und den Demonstrierenden setzte sich dann auch in den Teils engen Straßen fort. Immer wieder blockierten die zahlreichen Einsatzkräfte Wege, Demonstrant*innen versuchten diese zu durchbrechen. Stellenweise kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Ordnungshüter*innen und Demonstrant*innen. Dennoch konnten verschieden Gruppen von Demonstrant*innen die Straßen blockieren, weshalb der Nazi-Marsch nur einige Minuten andauerte.

Die Rückkehr der Rechten zum Bahnhof wurde mit lautstarkem Jubel gefeiert, der gemischt mit Glockengeläut und Pfiffen die Reden übertönte, bis die letzten „Patriot*innen“ den Vorplatz verließen.

Derweil saßen in den Wormser Straßen zahlreiche Demonstrant*innen fest. Eine Sprecherin des Bündnisses „Block TddZ Worms“ teilte mit, die Polizei habe zwei große Demogruppen mit jeweils über 200 Menschen eingekesselt. Ein Polizeisprecher verwies auf Verstöße gegen die Corona-Regeln – der Mindestabstand von zwei Metern und das Tragen eines Mundschutzes sei von etlichen Demonstrant*innen nicht eingehalten worden. Ferner seien zwei Demonstrationen nicht angemeldet gewesen. Die Bündnis-Sprecherin betonte: „Wir konnten den Mindestabstand nicht einhalten.“

Das turbulente Ende des Demotages in Worms überschattet allerdings nicht die weitestgehend friedliche Stimmung. Verschiedenen Schätzungen zufolge sollen weit über 1.000 Menschen an den Gegendemos teilgenommen und auf die Nazis gepfiffen haben.

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