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Programmreform beim DeutschlandfunkFunken für die neue Medienwelt

Der DLF will tägliche Fachsendungen streichen und dafür mehr auf Informationsstrecken und Hintergründe setzen. Nicht allen gefällt diese Programmreform.

Der Reformdruck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk kommt von außen. Seit Jahren wird medienpolitisch darüber diskutiert, wie ARD, ZDF und Deutschlandradio auf eine veränderte Mediennutzung reagieren sollten. Das Publikum altert, jüngere Zielgruppen informieren sich zunehmend digital, gleichzeitig wächst der finanzielle Druck auf die Sender. Zusätzlich fordert der neue Medienänderungsstaatsvertrag mehr Kooperation zwischen Formaten und Sendern, mehr digitale Angebote und einen stärkeren Dialog mit dem Publikum.

Vor diesem Hintergrund stellt sich auch beim Deutschlandfunk (DLF) die Frage: Was will der Sender in Zukunft eigentlich sein? „Wir glauben an das Radio“, sagt Matthias Gierth, Leiter der Hauptabteilung Kultur im DLF, der taz. „Gleichzeitig müssen wir auch schauen, wie wir unsere Programme zukunftsfähig machen und ins Digitale investieren.“ Dafür hat der DLF eine umfassende Programmreform geplant, die ab 30. November dieses Jahres umgesetzt werden soll.

Und sie will so einiges: Künftig entfallen die meisten täglichen Fachmagazine in ihrer bisherigen Form. Das betrifft unter anderem „Wirtschaft am Mittag“, „Campus und Karriere“, „Forschung aktuell“, „Deutschland heute“, „Mediasres“ sowie den „Büchermarkt“. Statt fester täglicher Sendungen erhalten die Fachredaktionen künftig Sendeplätze innerhalb größerer Informationsstrecken. Ergänzend sollen mehr monothematische halbstündige Hintergrundsendungen entstehen, die auch als Podcast veröffentlicht werden.

Auch Sendezeiten werden angepasst. Die Informationssendungen am Morgen beginnen künftig erst um 6 Uhr statt um 5 Uhr. Die Informationen am Abend starten bereits um 17 Uhr. Außerdem soll mit dem Format „Im Dialog“ der Austausch mit dem Publikum gestärkt werden. Redaktionelle Entscheidungen sollen künftig stärker gemeinsam für lineare Programme und digitale Angebote getroffen werden.

„Keine Alternative“

„Es gibt keine Alternative zu Reformen“, sagt Gierth. Und sie kommen auch in anderen Sendern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vor. Erst 2023 reformierte etwa der Bayerische Rundfunk seine Programme. „Beim DLF hat es aber für eine lange Zeit keine größeren Reformen gegeben“, sagt Gierth. Er könne deshalb verstehen, dass es in Teilen der Belegschaft auch Bedenken gebe.

Manche sehen es so, dass im linearen Programm nun mit der Reform eine große Veränderung anstehe, und das ganz ohne Zwang. Denn der DLF erreicht laut Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Media-Analyse e. V. (agma) täglich von Montag bis Freitag 2,25 Millionen Hö­re­r*in­nen und ist damit auf dem 10. Platz der meistgehörten Hörfunkprogramme deutschlandweit. Wozu ein funktionierendes System so stark ändern?

„Wir haben den demokratischen Auftrag, auch eine jüngere Zielgruppe zu erreichen“, sagt der DLF-Intendant Stefan Raue im „Medienhölle“-Podcast mit Medienjournalist Jörg Wagner. Mit Jüngeren sind wohlgemerkt nicht unter 18-Jährige, sondern auch 40-Jährige gemeint. Für diese Jüngeren brauche es doch aber eigentlich eine konkrete Digitalstrategie und keine Änderung des linearen Programms, findet ein Mitarbeiter des DLF.

„Wir machen das ja bereits, dass wir Podcasts stärken und in Zukunft eben die Themen besser für unsere digitalen Kanäle aufbereiten“, sagt Christiane Florin, Leiterin der Abteilung „Kultur aktuell“, der taz. „Wir merken an Reichweiten und Verweildauer, dass etwa Podcast wie die ‚Peter Thiel Story‘ oder ‚Tech Bro Topia‘ über das Silicon Valley eine große publizistische Schlagkraft haben, solche tiefer gehenden Recherchen wollen wir dann natürlich in Zukunft ausweiten“, sagt sie weiter.

Keine Einsparungen

„Wir wollen hintergründige Recherchen auch digital nach vorne stellen“, sagt auch Gierth und betont, dass es sich bei der Programmreform nicht um ein Sparprogramm handele. „Teilweise schichten wir um, damit wir mehr Geld für eigene Recherchen ausgeben können.“ Werde Geld an einer Stelle gespart, fließe es an anderer Stelle wieder ins Programm. Damit das gut funktioniert, sei im DLF seit zwei Jahren an der Reform gearbeitet worden. Es sei auch bewusst kein „Top-down“-Ansatz gewählt worden, sagt Gierth.

Stattdessen seien Arbeitsgruppen mit inzwischen über 150 Mitarbeitenden aus unterschiedlichen Bereichen und Fachredaktionen eingerichtet worden, die die Formate entwickelten. Beispielsweise hätten sich zwei Arbeitsgruppen mit der Entwicklung des neuen Fachformats „Hintergrund“ beschäftigt. Monothematische Hintergründe mit einer übergeordneten Frage zum Beispiel zum Thema Religion funktionierten im Digitalen, weil Nutzer im Netz eher nach Themen und nicht nach Magazinsendungen mit verschiedenen Themen suchten.

Wegen der Kürze der Zeit und weil in vielen Bereichen noch nicht ganz klar ist, wie die Inhalte und Arbeitsweisen in Zukunft aussehen sollen, herrsche Verängstigung in der Belegschaft, heißt es aus einer Deutschlandfunk-Redaktion. Der Prozess sei zu intransparent, Entscheidungsgrundlagen blieben unklar, viele praktische Folgen für Redaktionen und freie Mitarbeitende seien bislang nicht ausreichend erklärt worden.

Eine Sorge ist, dass der Konkurrenzdruck unter den Redaktionen in Zukunft größer werden könnte. Denn im neuen Modell haben nur noch manche Fachredaktionen feste Plätze, andere müssen sich mit Themenvorschlägen auf freie Sendeplätze bewerben. Gerade spezialisierte Redaktionen befürchten dadurch weniger Planungssicherheit und eine Abflachung des Programms. „Was passiert zum Beispiel mit nischigen Themen und Programmen aus Lokalredaktionen, die es nicht in die besten Sendezeiten schaffen?“, fragt ein Mitglied der Belegschaft.

Sorge um Spezialthemen

Auch außerhalb des Senders werden die Pläne beobachtet. Der Deutsche Journalisten-Verband hat gemeinsam mit Umwelt- und Wissenschaftsorganisationen davor gewarnt, dass durch die stärkere Bündelung von Themen in allgemeinen Informationsformaten publizistische Vielfalt und fachliche Tiefe verloren gehen könnten. Gerade spezialisierte Themen wie Wissenschaft, Umwelt oder Religion lebten bislang von festen redaktionellen Räumen. Und der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist schließlich laut Medienstaatsvertrag auch einer Themenvielfalt verpflichtet.

Die Freien fürchten, dass man ihnen das Geschäftsmodell nimmt

Rainer Brandes, stellvertretender Vorsitzender der Freienvertretung

Hinzu kommt Unsicherheit über die künftige Arbeit sogenannter fester freier Mitarbeitender. Besonders dort, wo bislang viele kürzere Fachbeiträge produziert wurden, stellt sich die Frage, wie sich der veränderte Programmaufbau auf Honorare und Beschäftigung auswirkt. Die Programmdirektion betont zwar, das Honorarvolumen solle insgesamt nicht sinken und der Rechercheaufwand werde eher steigen.

In Teilen der Belegschaft bleibt dennoch Skepsis. „Die größte Befürchtung der freien Mitarbeitenden ist, dass ihnen das Geschäftsmodell genommen wird. Aber auch, dass sie ihre Fachexpertise nicht mehr einbringen können, sowohl als Au­to­r*in­nen als auch als Moderator*innen. Und dass damit Vielfalt verloren geht“, sagt Rainer Brandes, stellvertretender Vorsitzender der Freienvertretung des Deutschlandradios, der taz. Freie leben bisher davon, dass sie etwa Sendungen moderieren und kurze Beiträge erstellen. Beides wird in Zukunft weniger vorkommen.

„Der DLF lebt auch besonders von seinen freien Mitarbeitern und der Expertise, die sie ins Programm einbringen“, sagt der DLF-Kulturleiter Gierth. Allen im Haus sei es daher ein Anliegen, dass möglichst alle bei der Programmreform mitgenommen würden, aber am Ende liege es natürlich auch in der Entscheidung der freien Mitarbeitenden, wo und wie sie sich im neuen Programmschema einbringen möchten. „Wir sparen nicht an Programmmitteln“, so Gierth. Es gebe bereits Gespräche, wo die Expertise der Freien, deren bisherige Sendung etwa nicht fortgeführt würden, in Zukunft eingesetzt werden könnten.

Generationenunterschiede

Die Diskussion verläuft dabei auch entlang unterschiedlicher Generationen. Ältere Mitarbeitende sorgen sich teilweise, dass ihre bisherige Arbeitsweise künftig weniger gefragt sein könnte und dass sie nach der Programmreform beispielsweise gezwungen seien, andere Aufgaben zu übernehmen.

Besonders fragwürdig sei es, dass die festen Freien keine Idee hätten, was mit ihnen nach dem 30. November passiert, und dass der Termin so nah in der Zukunft sei, heißt es aus der Belegschaft. Gleichzeitig verbinden vorrangig jüngere Mitarbeitende mit der Reform die Hoffnung auf mehr digitale Entwicklungsmöglichkeiten und die Gelegenheit, sich auch mal in neuen Dingen auszuprobieren.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Reformprozess selbst. Mehrere Mitarbeitende berichten, viele Entscheidungen seien bislang nicht ausreichend begründet worden. Besonders häufig ist dabei die Frage nach der Evaluation. Ein Redaktionsmitglied formuliert es so: „Warum entscheidet man sich genau für halbstündige monothematische Sendungen? Wer sagt uns, dass wir damit digital tatsächlich jüngere Menschen erreichen?“

Gierth sagt: „Die Formate sind auch unter Berücksichtigung von quantitativer wie qualitativer Hörerforschung entwickelt worden. Wichtige Hinweise zu den Nutzungsinteressen der Hörerinnen und Hörer hat auch noch mal eine eigens von Deutschlandradio beauftragte Befragung geliefert, deren Ergebnisse im November 2025 vorlagen.“ Also als der Reformprozess bereits lief.

Ein Ergebnis sei: „Die meisten Menschen hören Radio, wenn sie Zeit haben, und weniger, weil sie eine spezifische Sendung einschalten“, sagt Gierth. Daher müsse der DLF gerade in den Zeiten, in denen besonders viel gehört werde, also in den Informationssendungen, die eigenen Recherchen seiner Fachredaktionen senden.

Es kann nachjustiert werden

„Die Reformen verfolgen klare Ziele, aber nichts davon ist in Stein gemeißelt“, fügt Gierth an. Wenn sich zeige, dass bestimmte Formate nicht funktionierten, müsse nachjustiert werden. Dass es tatsächlich noch einmal einen Rückbau geben wird, wenn bereits Formate eingekürzt und Mit­ar­bei­te­r*in­nen umgeschult werden, bezweifeln einige DLF-Mitarbeitende.

Viele Beschäftigte wünschen sich weniger fertige Konzepte und mehr nachvollziehbare Begründungen, weniger Unsicherheit über künftige Arbeitsbedingungen und vor allem einen transparenten Prozess, der Entscheidungen nicht nur trifft, sondern auch erklärt – und später überprüfbar macht.

Auch Katrin Hatzinger, die Vorsitzende des Hörfunkrats, der die Interessen der Hö­re­r*in­nen vertritt, betonte auf der Sitzung des Rats am 19. Juni, dass nachvollziehbare und messbare Kriterien festgelegt werden müssten, damit die Programmreform transparent evaluiert werden könne. „Als beratendes Aufsichtsgremium ist uns wichtig, dass bei den teilweise sehr grundlegenden Veränderungen im Programm die programmliche und von den Nutzenden sehr geschätzte, einzigartige DNA des DLF – insbesondere bezüglich Qualität, Fachlichkeit und Vielfalt – erhalten bleibt“, so Hatzinger auf der Sitzung des Hörfunkrats.

Ob die Reform tatsächlich mehr publizistische Tiefe, größere Reichweite und ein jüngeres Publikum zeitigt oder ob sie am Ende vor allem bestehende Strukturen auflöst, das wird sich erst zeigen.

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