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Buckelwal Hartwin Keine Möwe kräht nach ihm

Eiken Bruhn

Kommentar von

Eiken Bruhn

Der Buckelwal Timmy hatte im April die Schlagzeilen beherrscht, aber für seinen Nachfolger gibt es weder Liveblogs noch Demos. Liegt es am Namen?

H artwin. So soll der Buckelwal heißen, der vergangene Woche im Wismarer Hafen und zwei Tage später bei Wustrow gesichtet wurde. Als er den Namen bekam, hatte er schon verloren. Oder gewonnen, je nach Perspektive.

Jedenfalls kräht keine Möwe nach ihm, obwohl ihn dasselbe „Schicksal ereilen“ könnte wie „Timmy Hope“, wie die Bild raunt. Die Berichterstattung über diesen in der Wismarer Bucht gestrandeten Buckelwal hatte die Schlagzeilen im April beherrscht. Was sie mit „Schicksal“ meint, lässt die Bild-Zeitung offen. Dass Timmy von selbsternannten Retter:innen mit schwerem Gerät drangsaliert und am Ende todkrank in den Skagerrak geschleppt wurde, wo er vermutlich ertrunken ist? Oder das, worauf alles Leben hinausläuft: den Tod?

Möglicherweise hat sich diese bittere Wahrheit bis in die Redaktion der Bild-Zeitung herumgesprochen, denn sie berichtet wie alle Medien auffällig zurückhaltend. Kein Reporter fährt dem Wal im Motorboot hinterher, Updates gibt es nur alle paar Tage oder Wochen, wenn er in Küstennähe aufgetaucht ist. Zum ersten Mal Anfang Juli in der Flensburger Förde, dann drehte er ein paar Runden durch dänische Gewässer und ist seit Mitte Juli überwiegend in deutschem Hoheitsgebiet unterwegs.

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Anders als für Timmy gibt es über Hartwin keinen Liveblog, auch bei der Rheinischen Post nicht, die ihre Leser:innen sogar noch Wochen nach dem Fund von Timmys Kadaver vor der dänischen Küste weiter mit Informationen über ihn versorgte. Demonstrationen für Hartwins Rettung bleiben aus, obwohl Medien ihm Orientierungsverlust und „besorgniserregende Verletzungen“ attestieren. Nimmt man die Aufregung um Timmy zum Maßstab, müssten besorgte Bürger:innen längst Suchtrupps fordern, allen voran Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus.

Was ist da los? Gab es einen Lerneffekt und Wale dürfen hierzulande in Zukunft in Ruhe sterben, so wie in Dänemark? Verursacht ein sterbender Wal nur emotionalen Stress, wenn Menschen ihm dabei zugucken müssen? So wie Timmy, der sich immer wieder nahe am Ufer im seichten Wasser ablegte, während Hartwin mobil ist.

Herzloser Name: „Hartwin“

Oder liegt es am Namen? Den soll Stranded No More verbreitet haben, eine nach eigener Darstellung „anonyme Watchdog-Gruppe von Strandungsfachleuten“, die sich offenbar im Rahmen der „Rettung“ von Timmy gegründet hat. Auf der Website gibt es weder Informationen über die fachliche Expertise noch Impressum oder eine Gründungsgeschichte. Auf Anfrage der taz reagiert die Gruppe nicht. Nach Angaben des Berliner Kuriers geht der Name des Wals auf seine geschädigte Rückenhaut zurück. Eine Stelle erinnere an die Form eines Herzens („Heart“).

Wie herzlos! Wer soll denn Mitgefühl für einen Hartwin entwickeln?! „Harty“ wäre das Minimum an Verniedlichung gewesen und einigermaßen genderneutral, denn Timmy stellte sich nach seinem, also ihrem Tod als Weibchen heraus. Die Wal-Watchdogs sind folgerichtig die Einzigen, die „die fortgesetzte Vernachlässigung Hartwins“ beklagen und einen „Aktionsplan“ fordern. Der beinhaltet die Entnahme von Proben aus Hartwins Atemluftfontäne und den Beschuss des Wals mit Medikamentenpfeilen, um ihn dann mit unter Wasser abgespielten Walgesängen ins offene Meer zu locken, begleitet von einer Bootsflotte.

Es ist nur leider nicht so lustig, wie es klingt. Denn der Hass, den Menschen über andere ausgekippt haben, weil sie sie bezichtigten, Timmy zu schaden, der schwelt weiter.

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Eiken Bruhn

Eiken Bruhn Redakteurin

Seit 2003 bei der taz als Redakteurin. Themenschwerpunkte: Soziales, Gender, Gesundheit. M.A. Kulturwissenschaft (Univ. Bremen), MSc Women's Studies (Univ. of Bristol); Alumna Heinrich-Böll-Stiftung; Ausbildung an der Evangelischen Journalistenschule in Berlin; Lehrbeauftragte an der Univ. Bremen; SG-zertifizierte Systemische Beraterin; in Weiterbildung zur systemischen Therapeutin.
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