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Posthume Ausstellung von Günther UeckerEr hämmerte die Essenz des Seins ins Holz

„Die Verletzlichkeit der Welt“ ist im Arp Museum Rolandseck in Remagen, zu sehen. Ueckers aktionistische Kunst kehrt zurück an eine alte Wirkungsstätte.

Uecker’scher Ritus zur Einweihung am Rolandseck: Still aus „Die Treppe“ von 1964 Foto: Uecker-Archiv, VG-Bild-Kunst, Bonn 2026

Das Arp Museum Bahnhof Rolandseck in Remagen ist heute ein architektonisches Juwel, das Alt mit Neu auf besonders clevere Weise verbindet. Am noch betriebenen Bahnhof in Sichtweite des Rheins erhebt sich das spätklassizistische Bahnhofsgebäude, an den dahinter aufsteigenden Berg schmiegt sich elegant der verglaste Neubau des US-amerikanischen Architekten Richard Meier.

Von solcher Gediegenheit konnte 1964 noch keine Rede sein. Damals verfiel das Bahnhofsgebäude trotz seiner malerischen Lage, bevor der Galerist und Kunstsammler Johannes Wasmuth den auratischen Ort entdeckte und ihn nach und nach zum Künstlerbahnhof Rolandseck umfunktionierte. In Düsseldorf hatte Wasmuth bereits 1959 den damals noch gänzlich unbekannten Günther Uecker kennengelernt, der ihm 1964 nach Remagen folgte und den Bahnhof durch das Setzen einer Nagelspur vom Vorplatz bis ins Treppenhaus und mit seinen lautstarken Hammerschlägen gleichsam in Besitz der aktionistischen Kunst nahm.

Der diese Aktion dokumentierende Film „Die Treppe“ begrüßt das Publikum im Tunnel zu den Aufzügen zwischen Bahnhofsebene und Meier-Bau als erstes Objekt der Ausstellung, die sich oben in den lichten Räumen in dicht gedrängter Intensität versammelt. Auch das zweiteilige Nagelrelief „Bett zum Aufwachen“ von 1965 war ein Geschenk Ueckers an Johannes Wasmuth. Es befindet sich heute in der Sammlung des Museums, in der Schau wird es an prominenter Stelle präsentiert. Das imposante, doch karge Möbelstück aus Holz mit seiner 260 cm hohen Rückwand ist mit wogenden Feldern aus Nägeln bedeckt.

Die Ausstellung

Günther Uecker: „Die Verletzlichkeit der Welt“. Arp Museum Bahnhof Rolandseck, Remagen, bis 14. Juni. Katalog (Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König): 39,80 Euro

Anhand von ausgestellten handschriftlichen Briefen Ueckers in energisch gezackter Handschrift entsteht ein plastisches Bild der verrückten Zeit des Künstlerbahnhofs. Hier wurde offenbar ausufernd gefeiert und allerhand zertrümmert. Mit von der Partie waren damals neben Uecker auch Gerhard Richter, Sigmar Polke, Yves Klein oder Gotthard Graubner. Zu den Partys schaute wohl auch gelegentlich die große Pianistin Martha Argerich vorbei. Sie ist auf einem der dokumentierenden Fotos zu sehen, die die Ausstellung begleiten.

Im Namen der Politik

„Die Quellen der Kunst liegen außerhalb der Kunst“, stellte Uecker anlässlich der großen Werkschau im Düsseldorfer K20 vor elf Jahren mit großer Entschiedenheit klar. Er hat sich also nie als Künstler gesehen, der formal-ästhetische Fragenstellungen ins Zentrum stellt, oder mit Materialien um ihrer selbst willen experimentiert. Ihm ging es immer um Bewältigung des Lebens, des Leidens, der Verletzungen, die Menschen einander antun, auch und vor allem im Namen der Politik.

Günther Uecker: „TV auf Tisch“ von 1963, Privatsammlung Foto: David Ert, VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Dennoch oder gerade deshalb fühlte er sich vor allem in der Abstraktion zu Hause und nicht in ausformulierten politischen Statements. Eine Ausnahme bildet der Zyklus „Brief an Peking“, der aus 19 großformatigen Tüchern besteht und unter dem Eindruck einer China-Reise entstand. In Remagen ist einer dieser Briefe zu sehen, mit dem Uecker halb unter Farbe verborgen die Menschenrechtserklärung aufpinselte und unentziffert nach China schmuggelte.

Ansonsten hämmere er „bewusstlos die Essenz des Seins“ in das Holz: „Die Felder sind meine Autobiografie“, sagte er damals. Die Nagelfelder, für die er berühmt wurde, sind auch in Rolandseck zu sehen. Auch hier erzeugen diese genagelten Tagebücher auf frappierende Weise starke Energien. Die so widerständigen Nägel wirbeln mal in sogartig sich verdichtenden Strukturen, die magnetische Kraftfelder zu erzeugen scheinen, dann wieder formieren sie sich zu federleichten, luftigen Ordnungen, die sich wie Pflanzenhalme in einem leichten Windhauch biegen.

Der Uecker’sche Furor

Die rohen Nägel wirken entmaterialisiert und der Uecker’sche Furor befriedet in überraschender Zärtlichkeit. Geradezu magisch scheint die nur 800 Gramm leichte, mit Nägeln bestückte und in weiße Farbe getauchte Kugel zu sein. In der entdeckt Ueckers Sohn Jacob, der an der Ausstellung mitarbeitete, einen „kosmischen Zusammenhang“.

Die tanzende Nadel für Pina Bausch von 2019 ist erstmals überhaupt zu sehen

Insgesamt sind 45 Arbeiten zu sehen aus den Jahren 1957 bis 2020, also Werke aus sieben Jahrzehnten. Neben den bekannten Nagelobjekten auch kinetische Arbeiten, wie etwa „Die tanzende Nadel für Pina Bausch“ von 2019, die erstmals überhaupt zu sehen ist und eine historische Nähmaschine aus dem Kostümfundus von Pina Bausch benutzt, die Uecker in eine tanzende, nagelbestückte Maschine verwandelt hat. Oder die „Sandmühle“, eine meditativ-rotierende Installation mit Memento-mori-Charakter, in der unzählige geknotete Schnüre leise im Kreis schnarren.

Eine eindringliche Ausstellung, die Günther Ueckers Werk in seiner erstaunlichen Vielfalt würdigt und ihn als hellwachen, auf gesellschaftliche Prozesse sensibel reagierenden Weltbürger zeigt. Gerade in der Rückkehr seiner Arbeiten an die einstige Wirkungsstätte früher Aktionen im Geiste der widerständigen Anarchie der frühen 1960er Jahre zeigen sie eine berührende Dringlichkeit.

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