Polen und der Holocaust: Das Recht auf Nationalstolz

Die Nichte eines Dorfschulzen verklagt zwei renommierte Holocaust-Forscher. Sie hätten den Ruf ihres Onkels und den Polens beschädigt.

Eine rot-gelb gestrichene historische Straßenbahn mit Daivstern inmittem dem Alltagsverkehrs von Warschu

Eine historische Straßenbahn mit Davidstern fährt leer zum Holocaust-Gedenktag durch Warschau Foto: picture alliance / Pawel Supernak/PAP/dpa / Pawel Supernak

Eigentlich geht es im Prozess vor dem Warschauer Bezirksgericht nur um die Ehre eines polnischen Dorfschulzen im Zweiten Weltkrieg. War er ein gefeierter Kriegsheld und Judenretter oder auch ein Nazi-Kollaborateur, der Juden an die deutschen Besatzer verriet?

Doch nun erklären weltweit immer mehr namhafte Holocaust-Forschungsinstitute, -Gedenkstätten und -Museen ihre Solidarität mit den angeklagten Historikern Barbara Engelking und Jan Grabowski. Denn auf dem Spiel steht viel mehr.

Mit dem Urteil am nächsten Dienstag werden die Richter entscheiden, ob in Polen künftig noch frei geforscht werden kann – auch zu bisher tabuisierten Themen wie der Nazi-Kollaboration und dem Judenverrat – oder ob die Zensur des „guten Rufs Polens“ dies verhindern wird.

Im Juni 2019, ein Jahr nachdem die renommierten Holocaust-Forscher Engelking und Grabowski das 1.600 Seiten starke Werk „Dalej jest noc. Losy Zydów w wybranych powiatach okupowanej Polski“ (Und immer noch ist Nacht. Die Schicksale von Juden in ausgewählten Landkreisen des besetzten Polens) zu jüdischen Überlebensstrategien in der ostpolnischen Provinz herausgegeben hatten, fanden sie in ihren Briefkästen eine Klageschrift.

Die heute 81-jährige Nichte des bereits verstorbenen Dorfschulzen Edward Malinowski aus Malinowo fühlte sich durch eine kurze Passage und zwei Fußnoten in ihrem guten Ruf beschädigt. Angeblich habe sich Engelking, die die Situation von Juden im Landkreis Bielski in der Wojewodschaft Podlachien erforschte, einen Teil der Biografie von Malinowski „erfunden“, wie es in der Klageschrift heißt, und zwar – so wörtlich – „für den Zweck der Buchpublikation ‚Und immer noch ist Nacht‘“.

Judenretter, nicht Judenverräter

Der Vorwurf: Ihr Onkel sei ein Judenretter gewesen, nicht aber ein Judenverräter und Nazi-Kollaborateur. Filomena Leszczynska fordert von Engelking und Grabowski nun eine vorformulierte öffentliche Entschuldigung mit dem Schuldeingeständnis der bewussten Lüge und umgerechnet rund 23.000 Euro Schadenersatz für den Angriff auf den guten Ruf als Familienangehörige von Edward Malinowski.

Durch die Verleumdung ihrer Onkels sei aber auch die polnische Nation als Ganzes beleidigt worden, heißt es in der Klageschrift weiter. Sie selbst, Filomena Leszczynska, wie auch die gesamte polnische Nation hätten ein „Recht auf ihre nationale Identität und ihren Nationalstolz“, die unter anderem darin bestünden, „Mitglied einer Nation zu sein, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet habe“.

Keine Skrupel, die beiden Forscher vorzuverurteilen, haben rechte Medien und Internetportale, das Staatsfernsehen TVP und Stiftungen wie die „Reduta – Festung des guten Namens“. Sie wie zahlreiche Internet-User hetzen seit Jahren gegen Wissenschaftler und Journalisten, die mit dem Holocaust-Forschungszentrum rund um die Soziologin Barbara Engelking in Warschau verbunden sind. Sie seien „Geschichtsfälscher“, „Volksverräter“, „linkes Lumpenpack“ und Befürworter einer „polnischen Schampädagogik“.

Was die Rechten so sehr ärgert, ist, dass die beiden gleich mehrere Geschichtsmythen zerstören. Die Aufteilung der Gesellschaft in „My i Oni„ (Wir, die Guten, und die, die Bösen), die noch aus dem 19. Jahrhundert stammt, als Polen preußische, russische und österreichische Staatsbürger waren, half der Nation zwar, die staatenlose Zeit der Teilungen des Landes zu überdauern, hatte aber mit den historischen Fakten nicht viel gemein.

Dazu gehören Mythen wie der vom polnischen „Christus der Nationen“, der angeblich eines Tages von den Toten auferstehen und anderen geknechteten Nationen die Freiheit zurückbringen würde, sowie der von vielen Polen über Jahrzehnte gepflegte Mythos von der eigenen Identität als „ewigen Helden und Opfern“ der Geschichte.

Niemand bestreitet die deutsche Verantwortung

Als besonders schmerzlich erwies sich für viele die durch historische Quellen belegte Tatsache, dass es unter den Polen auch Täter und sogar Nazi-Kollaborateure gab, ebenso wie unter den Ukrainern, Russen, Franzosen, Litauern, Letten und anderen Nationen. Die Pogrome, die katholische Polen 1941 an ihren jüdischen Nachbarn verübten, sind ein besonders schwarzes Kapitel in der Geschichte Polens. Zugleich bestreitet niemand, dass es Deutsche und Österreicher waren, die den Massenmord an sechs Millionen Juden Europas verübten.

Im Buch „Dalej jest noc“ schildern die Historiker am Beispiel von neun Landkreisen und Zehntausenden Einzelschicksalen, welche Überlebenschancen Juden und Jüdinnen hatten, denen es gelungen war, aus Gettos und KZs zu fliehen.

Manche katholisch-polnische Bauernfamilie bot Schutz und Hilfe an, doch viele Landsleute der polnischen Juden lehnten jegliche Hilfe aus Angst vor den deutschen Besatzern und polnischen „Schmalzowniks“ ab. Und diejenigen, die Juden (und ihre Beschützer) nur gegen Schutzgeld nicht an die Gestapo oder SS verrieten, taten dies dann doch, sobald kein Geld mehr floss.

Die Textstelle im Buch „Dalej jest noc“, über dessen Wahrheitsgehalt nun das Warschauer Bezirksgericht entscheiden soll, lautet: „Estera Drogicka (aus dem Haus Siemiatycka), die Papiere von einer Belarussin gekauft hatte, entschied sich nach dem Verlust ihrer Familie (Fußnote 396), nach Preußen zu fahren, um dort zu arbeiten.

Dabei half ihr der Dorfschulze von Malinowo, Edward Malinowski (der sie bei der Gelegenheit bestahl). Im Dezember 1942 kam sie nach Rastenburg (heute Kętrzyn), wo sie bei der deutschen Familie Fittkau als Haushaltshilfe arbeitete. In Rastenburg lernte sie nicht nur ihren zweiten Mann kennen (einen Polen, der dort ebenfalls arbeitete), sondern begann auch, mit Waren zu handeln. Sie schickte Malinowski Pakete mit Waren, die dieser verkaufen sollte.

Es gab einen weiteren Edward Malinowski

Als sie Urlaub hatte und „nach Hause“ fuhr, besuchte sie Malinowski. Obwohl sie sich darüber im Klaren war, dass er mitschuldig am Tod von über 20 im Wald versteckten Juden war, die den Deutschen ausgehändigt worden waren, machte sie im Nachkriegsprozess gegen ihn eine Falschaussage und sprach sich zu seinen Gunsten aus (Fußnote 397).“

Das Problem: Im Dorf Malinowo gab es mehrere Malinowskis und auch mindestens einen weiteren Edward Malinowski. In einer zehnseitigen Erklärung, die Engelking vor gut zehn Tagen im Internet publizierte, bekannte sie, die beiden Malinowskis irrtümlich für eine Person gehalten zu haben. Denn der Malinowski, mit dem die Jüdin und Zwangsarbeiterin Estera Drogicka korrespondierte und handelte, war der andere Malinowski, also nicht derjenige, der ihr das Leben gerettet, aber auch, so Drogicka, über 20 Juden an die Deutschen verraten hatte.

Ein 1.600 Seiten starkes Werk zu jüdischen Über­­lebensstrategien in der ostpol­­nischen Provinz

Nicht die Ineinssetzung der beiden Malinowskis hatte demnach zu der beanstandeten, vermeintlichen Rufschädigung des Dorfschulzen geführt. Genau dies aber behauptet die betagte Klägerin, die finanziell und medial von der rechtsnationalen Stiftung „Reduta – Festung des guten Namens“ unterstützt wird.

Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass Engelking nicht nur die Gerichtsakten des Nachkriegsprozesses gegen den Dorfschulzen kannte, sondern auch ein mehrstündiges Interview, das die gerettete Jüdin im Jahr 1996 der Schoah-Stiftung in den USA gab. Dort schilderte sie, dass sie während des Krieges mit zwei Edward Malinowskis in Kontakt stand, bekannte aber auch, dass ihre Aussage vor Gericht im Jahr 1950 eine Falschaussage gewesen sei.

Die historischen Hintergründe des damaligen Freispruchs von Malinowski beschrieb dieser Tage das Portal für investigativen Journalismus Oko.Press: „Im Jahr 1949 wurde der Dorfschulze Malinowski von mehreren Dorfbewohnern verschiedener Verbrechen bezichtigt, darunter auch des Verrats von Juden im Jahr 1943 sowie der Zusammenarbeit mit der Partisanengruppe der ‚Schwalbe‘.“

Einschüchterung der Zeugen

Zwei Tage nachdem der Termin für die nächste Verhandlung festgelegt wurde, sei die „Schwalbe“-Gruppe ins Dorf gekommen. Der Dorfschulze saß damals im Untersuchungsgefängnis, wie Oko.Press schreibt, aber seine Frau und sein Sohn hätten die Namen derjenigen preisgegeben, die den Dorfschulzen angezeigt hatten: „Unter ihnen war auch der andere Edward Malinowski. Er wie auch einige Nachbarn wurden schwer verprügelt, der Feldscher aber, der ihre Wunden versorgt hatte, wurde am Tag darauf ermordet.“

Man müsse sich daher nicht wundern, so fasst Oko.Press zusammen, „dass die Zeugen der Anklage ihre vorherigen Aussagen im Prozess nicht aufrechterhielten“. Auch Drogicka machte eine positive Aussage. So wurde der Dorfschulze Malinowski freigesprochen.

Inzwischen haben die Historiker-Gesellschaft Israels, die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die Gesellschaft des Jüdischen Historischen Instituts in Warschau, das Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN und viele andere Institutionen weltweit Solidaritätserklärungen für Barbara Engelking und Jan Grabowski abgegeben. Historische Fehler seien im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs zu benennen und auszuräumen, nicht aber vor Gericht. Dies gefährde jede weitere Forschung.

Grabowski selbst schrieb auf Facebook: „Sollten wir schuldig gesprochen werden, hätte dies enorme Auswirkungen darauf, wie Historiker künftig über ‚schwierige‘ Themen schreiben werden.“

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