Philosophin über Verletzlichkeit: „Der Gewaltbegriff hat sich enorm erweitert“
Seit Traumatisierbarkeit und Verletzbarkeit den Diskurs prägen, wächst die Cancel Culture. Aber auch die fruchtbare Selbstermächtigung von Opfern.
taz: Frau Lotter, seit wann ist der Opferbegriff positiv besetzt?
Maria-Sibylla Lotter: Tatsächlich wurden Opfer historisch meist abgewertet. Insbesondere vergewaltigte Frauen waren stigmatisiert. Erst die öffentlichen Bekenntnisse der frühen Frauenbewegung machten Gewalt sichtbar: Frauen befragten in den USA Gewaltopfer und veröffentlichten die Ergebnisse in einem medizinischen Kontext, um die Situation Betroffener vor Gericht zu verbessern.
taz: Gelang das?
Lotter: Bis in die 1960er Jahre bedienten sich Verteidiger wirksamer Opferstereotype: Frauen, die nach einer Vergewaltigung ihren Alltag fortführten – der Regelfall –, galten als unglaubwürdig. Auf Grundlage der Studien von Ann Burgess und Lynda Holmstrom wurden diese Stereotype widerlegt. Jurys änderten ihre Bewertung, die Verurteilungsraten stiegen.
taz: Und weitere Opfergruppen gingen in die Öffentlichkeit.
Lotter: Ja, auch die Schwarze Bürgerrechtsbewegung und die Schwulenbewegung prangerten ungerechte Verhältnisse an. Dabei trat das Opfer als handelndes Subjekt in Erscheinung: Es macht sein individuelles Leid zum Ausgangspunkt, um für gesellschaftliche Veränderungen einzutreten.
taz: Welche Rolle spielten Holocaust-Überlebende?
Lotter: Unser Opferbild ist auch Folge der Neubewertung der Berichte von Holocaust-Überlebenden, die nach dem Krieg gegenüber Widerstandskämpfern wenig Anerkennung fanden. Elie Wiesel setzte sich bereits Ende der 1960er für ihre Aufwertung ein. Mit der breiten Rezeption ihrer Zeugnisse seit den späten 1980er Jahren verschob sich das Paradigma: Opfer gelten seither als traumatisiert, als Zeitzeugen mit besonderer moralischer Autorität, denen man therapeutisch begegnet. Dies steigerte zugleich die öffentliche Attraktivität der Opferrolle.
Philosophisches Café: Maria-Sibylla Lotter: „Opfer sein! – Über offene Wunden und neue Selbstbilder“: Mi, 22.4., 19 Uhr, Literaturhaus Hamburg
Das Buch: „Opfer – Über Verwundbarkeit als Selbstbild“. Hanser Verlag, 288 S., 25 Euro, E-Book 17,90 Euro
taz: Außerdem betrachten sich immer mehr Menschen als verletzt. Wie kann das sein?
Lotter: Seit den 1990er Jahren haben sich nicht nur psychiatrische Kategorien wie Trauma und Depression stark ausgeweitet, sondern auch die Definition dessen, was als verletzend gilt. So wurde der Gewaltbegriff von körperlicher über psychische hin zu verbaler und struktureller Gewalt erweitert.
taz: Das sensibilisiert das Umfeld, blockiert aber auch Resilienz. Wann begann die Aufwertung der Verletzlichkeit?
Lotter: Mit der 1980 eingeführten Posttraumatischen Belastungsstörung. Zuvor ging man davon aus, dass eine Minderheit nach extremen Ereignissen Traumafolgen entwickelt. In den 1980ern führten US-Psychiater die Probleme von Vietnam-Veteranen auf Kriegserfahrungen zurück, die jeden traumatisieren würden – auch, um Ansprüche auf Therapie und Renten zu begründen. So fand die Annahme allgemeiner Traumatisierbarkeit Eingang ins psychiatrische Handbuch. Sie ist längst empirisch widerlegt, wirkt aber fort: Wer Schlimmes erlebt oder davon hört, gilt als traumatisiert. Die Begriffe Trauma und Depression dehnen sich längst auf alltägliche Lebenslagen aus.
taz: Was unter anderem zu Triggerwarnungen führt.
Lotter: Ja. Triggerwarnungen entstanden nach 2000 auf feministischen Websites und wurden auf Initiative von Studierenden von progressiven US-Colleges übernommen. Dahinter stand die Idee: Menschen sind verletzlich, benachteiligte Gruppen besonders – und sollten geschützt werden. Heute wird der Glaube an die enorme psychische Verletzlichkeit durch Worte zunehmend zum Problem für die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit: Vorträge werden abgesagt, um vulnerable Gruppen vor Kritik zu bewahren. Aber geht so nicht die Fähigkeit zur Konfliktbewältigung verloren?
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