Performance für Rollstühle und andere: Rasende Interaktion
Bei der „Wheelie Show“ fahren Menschen im Rollstuhl und auf Rollschuhen gemeinsam über die Bühne. Eine Performance, die man so noch nicht gesehen hat.
Gelbe Scheinwerfer tauchen die Bühne in sonniges Licht, da schießt der schrille Ton einer Trillerpfeife durch den Saal: Anpfiff für die Wheelie Show. Zunächst rollt allerdings nur ein einzelner Rollschuh zwischen den Vorhängen hervor und bleibt mitten im Raum stehen. Ein Fahrradreifen versucht es ihm gleichzutun, schafft es jedoch nicht ganz und bleibt wenige Meter neben dem Bühneneingang liegen.
Immer mehr Gegenstände fahren, fliegen und rollen nun auf die Bühne: ein Rollstuhl, ein metallener Koffer und ein Longboard. Ein kleines ferngesteuertes Auto dreht eine halbe Ewigkeit lang seine Runden. Als die Bühne einem unaufgeräumten Kinderzimmer ähnelt, gleitet die erste Tänzerin auf Rollschuhen in den Saal.
Die Wheelie Show ist eine „Mixed-abled“-Performance für Tänzer:innen mit und ohne Behinderung. Die Hälfte der sechs Mitwirkenden bewegt sich auf Rollschuhen über die Bühne, die andere in Rollstühlen. Zurück geht der Abend auf eine Idee der Choreografin Eng Kai Er und ihrer Kollegin Jana Mahn: Im vergangenen Sommer hatten die beiden mit dem Projekt „Rolling Good Times“ einen Tanzkurs für Rollstuhltänzer:innen und Rollschuhfahrer:innen angeboten. Und das im öffentlichen Raum, auf der Rollschuhbahn im Hamburger Park Planten un Blomen. Ihnen seien keine anderen Projekte mit dieser künstlerischen Kombination bekannt, erzählen sie.
Schaut man die Wheelie Show, kann man das kaum glauben – so perfekt interagieren die Teilnehmenden. Und so perfekt passen auch die beiden Arten des Rollens zueinander. Immer wieder sind Duette eingeflochten, so grazil in ihrer Ausführung, dass sie fast an Eiskunstlauf erinnern. Inklusive innovativer Hebefiguren, bei denen die Rollschuhfahrerin bei voller Fahrt mit auf dem Rollstuhl balanciert, und die Aufmerksamkeit des Publikums ganz auf dem Tänzer:innen-Paar liegt.
Premiere: Do, 7.5., 19 Uhr, Hamburg, Kampnagel. Um 20 Uhr Publikumsgespräch mit Eng Kai Er, Tänzer*innen und Luise März;
weitere Vorstellungen: Fr 8.5., 20.30 Uhr; Sa, 9.5., 19 Uhr; So, 10.5., 18 Uhr
In anderen Momenten wieder weiß man gar nicht, wohin man zuerst schauen soll, denn in jeder Ecke der Bühne passiert etwas anderes. Hier geht eine Tänzerin neben ihrem Rollstuhl in den Spagat über, dort werfen sich zwei andere glitzernde Pompons zu, und rundherum rast in atemberaubender Geschwindigkeit eine Skaterin. Der Name ist bei der Wheelie Show Programm: Koffer, Tretroller, Skateboards – alles, was Räder hat, wird in den unterschiedlichsten Konstellationen über die Bühne bewegt.
Pompons zu Boxhandschuhen
Dabei verfolgt das Stück eine Dramaturgie, die ruhige und hektische, künstlerische und unterhaltsame Momente geschickt aneinanderreiht. Die Performance bekommt dadurch den Charakter einer Varietéshow. Sie ist durchzogen von Anspielungen auf diverse Sportarten: Mit einem Besen und Rollschuhen wird Eishockey gemimt. Nach etwas augenscheinlich vom Cheerleading Inspiriertem werden Pompons als Boxhandschuhe zweckentfremdet. Am offensichtlichsten ist jedoch der Bezug zum Rennsport.
Zwar weiß das Programmheft, die Kostüme seien vom Radsport inspiriert. Mit ihrem Karomuster und den Sponsorenaufdrucken erinnern die bunten Overalls der Tänzer:innen jedoch mindestens so sehr an Motocross und Formel 1. Sie greifen damit das Hauptthema der Performance auf: Geschwindigkeit. Die behandeln die Tänzer:innen nicht nur im wörtlichen Sinne, vorbeirauschend auf ihren Rädern. Die Performance setzt sich auch mit Fragen des Tempos im Alltag auseinander.
Problem Beschleunigung
Wann kommen wir in unserer scheinbar immer schneller sich drehenden Welt noch wirklich zur Ruhe? Wo dürfen wir langsam sein? Suchen wir uns diese Momente aktiv selbst – oder suchen sie uns heim? Zum Beispiel, wenn die Welt nach einem Schicksalsschlag kurz stillsteht? Die Tänzer:innen kommen zu unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen. Wer sie hören möchte, muss schon vor Beginn der Vorstellung die Ohren spitzen: Während das Publikum eingelassen wird, spielen die Boxen Textschnipsel, in denen die Tänzer:innen selbst versuchen diese Tempo-Fragen zu beantworten.
Richtig Form angenommen hat das Stück erst während eines halben Jahres Probenarbeit. „Wir haben dabei auch einfach ganz viel Quatsch gemacht“, sagt Jonah Onnen, ein:e der Tänzer:innen. „Wir haben unsere schlechten Ideen geteilt, wodurch dann manchmal gute Ideen entstanden sind.“ Was soll das Publikum aus ihrer Performance mitnehmen? Geht es nach Onnen, dann vor allem Spaß und „vielleicht ein bisschen weniger Vorurteile“.
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