piwik no script img

Pannenserie bei E-FähreThe Ferry Tale goes on

Aus für die Missunde III: Die ständig kaputte E-Fähre am Meeresarm Schlei in Schleswig-Holstein soll ersetzt werden – durch ihre Vorgängerin.

Urlaubszeit an der Schlei: Autos und Menschen mit Fahrrädern stehen von dem Anleger der Fähre Missunde III, die den Ostseearm an einer Schmalstelle zwischen den Orten Missunde und Brodersby quert. Dass die Fähre fährt, ist eine Nachricht. Denn das erst wenige Jahre alte Schiff musste aus unterschiedlichen Gründen immer wieder pausieren, zum Ärger von Einheimischen und der Tourismusbranche.

Trotz aller Kritik hielt die Landesregierung lange an der Missunde III fest. Nun teilte das Verkehrsministerium mit: Am Ende der Sommersaison ist Schluss. Anstelle des neuen Schiffs kommt die Vorgängerin Missunde II zurück. Die soll mittelfristig durch einen Neubau ersetzt werden. Die Kosten liegen in Millionenhöhe. Das Land prüft Schadensersatz-Klagen.

Stephan Titze, der an diesem Tag im Ruderhaus der Missunde III steht, ist kein Freund der neuen Fähre. Sie sei zu groß und zu schwerfällig für die Schmalstelle der Schlei, jedes Anlegermanöver sei mühsam, erzählte er bei einem Pressetermin vor wenigen Wochen. Sein Chef, Fährpächter Rüdiger Jöns, berichtete, er habe bereits frühzeitig darauf hingewiesen.

Aber die Missunde III sollte ein echtes Prunkstück sein. Mit ihrem längeren Deck und mehr Tiefgang fasst sie Reisebusse und größere Landmaschinen. Durch ihren Solar-Antrieb ist sie zugleich besonders leise und umweltfreundlich unterwegs – und soll so einen Beitrag zur Verkehrswende in der Region leisten.

Unzuverlässige Fähre verursacht Millionenkosten

Aber die Probleme begannen fast noch vor der Inbetriebnahme. Das Schiff, das 2021 für rund 3,3 Millionen Euro in einer Werft in Sachsen-Anhalt gebaut wurde, sollte 2022 fertig sein, bevor die marode Vorgängerin Missunde II ihre Betriebserlaubnis verlor.

Doch das Land musste erst neue Anleger bauen, da die alten zu niedrig waren. Dann konnte die Missunde III wegen Niedrigwasser nicht überführt werden. Im Januar 2024 fand zwar die feierliche Schiffstaufe statt, aber wegen Problemen im Testbetrieb lag die Missunde III weiter still. Es folgen weitere Umbauten und Reparaturen, die Kosten stiegen auf inzwischen rund 6,5 Millionen Euro. Auch in der Saison 2026 gab es immer wieder Ausfälle: Mal war ein Antriebsriemen beschädigt, mal hakte ein Sicherungshaken nicht ein.

„Eine Fähre muss vor allem eines: verlässlich fahren“, sagte Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen, als er das Aus für die Fähre mitteilte. Die Missunde III habe das trotz aller Reparaturen und Nachbesserungen bisher nicht geschafft.

Noch vor wenigen Monaten hatten er und Ministerpräsident Daniel Günther (beide CDU) sich bei einem Treffen mit Kom­mu­nal­po­li­ti­ke­r:in­nen für die Probleme entschuldigt, aber versichert, die Regierung setze alles daran, dass der Betrieb erfolgreich laufe. Aber „mit dem Prinzip Hoffnung lässt sich keine Fähre betreiben“, sagte Madsen nun. Also kommt die alte Missunde II – die das Land erst verkauft und dann weit teurer zurückgekauft hatte – in die Werft und soll ab Herbst einsatzbereit sein.

Land prüft Schadensersatzklage gegen Planungsbüro

Für Joschka Buhmann, Bürgermeister von Brodersby-Goltorf, ist diese Entscheidung ein Erfolg: „Unsere beharrliche und teilweise auch sehr deutliche Kommunikation mit dem Minister und dem Ministerpräsidenten hat dazu geführt, dass wir jetzt gemeinsam an einer tragfähigen Lösung für die Menschen in der Region arbeiten“, sagte er der taz. In dem langjährigen Verfahren hätten die Ortsansässigen aber immer „deutlich gemacht, dass sie nicht nur Kritik äußern, sondern mit ihrer Erfahrung und ihrer Kompetenz Teil der Lösung sein wollen“. Auch die jetzige Übergangslösung sei von Menschen aus der Region entwickelt worden.

Dass die Regierung diesen Weg mitgeht, hält er „gerade in der heutigen politischen Debatte für besonders wichtig: Einen Fehler anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen und anschließend gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern nach einer besseren Lösung zu suchen, ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil – es ist ein wichtiger Schritt, um verloren gegangenes Vertrauen in politische Entscheidungen zurückzugewinnen.“

Wie es künftig weitergeht, ist unklar. Das Land prüft den Neubau einer Fähre, es wäre wohl die Missunde IV. Details stünden noch nicht fest, sagt Ministeriumssprecherin Karen Sieksmeyer. Sie könne sich aber gut vorstellen, dass es erneut eine E- oder Solar-Fähre wird: „Wir hatten viele Probleme, aber der Antrieb zählte nicht dazu.“ Ebenfalls geprüft wird eine Schadensersatzklage gegen das Konstruktionsbüro, das die Missunde III geplant hatte.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare