Origineller Ansatz in Frankreich: „Hast du deinen Drogentest bereits gemacht?“
Französische Regierungsmitglieder sowie Behördenvertreter sollen sich künftig testen lassen müssen. Zuvor gab es Medienberichte über Staatsdiener im Rausch.
Vor der langen Sommerpause ist es bereits das Konversationsthema Nummer eins – bis hin in die höchsten französischen Regierungskreise: „Hast du deinen Drogentest bereits gemacht?“
In den scherzenden Tonfall mischt sich hier und da etwas Unbehagen oder gar Verärgerung über die spontane Idee des Premierministers Sébastien Lecornu. Der hatte überraschend angekündigt, dass die Regierungsmitglieder, ihre BeraterInnen und AssistentInnen sowie eine ganze Reihe von Spitzenbeamten sowie BotschafterInnen, Polizeipräfekten und regionalen Erziehungsdirektoren sich künftig Speicheltests unterziehen müssen. Sie sollen Drogenkonsum entdecken. Die Tests sollen obligatorisch sein und ohne Vorankündigung erfolgen.
Da die Betroffenen unter anderem Zugang zu „wichtigen“ Informationen hätten, sei diese Überprüfung sicherheitsrelevant. Außerdem erfolge diese Maßnahme im Rahmen des verschärften staatlichen Kampfs gegen die Drogenkriminalität. Die weiße Weste der dabei involvierten höchsten Staatsvertreter sei eine Frage der Glaubwürdigkeit.
Kritik an Lecornu und viele offene Fragen
Lecornu reagiere damit keineswegs auf jüngste „Ereignisse“, erklärt dessen Pressestelle. Das wirkt wie ein präventives Dementi. Denn in den Medien wurden jüngst mehrere Vorfälle des Drogengebrauchs in hohen staatlichen Kreisen bekannt: Le Monde berichtete, dass Lecornu Mitte Februar seinen landwirtschaftspolitischen Berater entlassen musste, weil dieser bei einem festlichen Anlass angeblich nach Drogenkonsum zusammengebrochen war. Wenige Tage danach musste ein Finanzdirektor der Hauptstadtregion wegen einer Drogenaffäre zurücktreten.
Wie viele sind bisher einfach nicht aufgefallen? Dass Lecornu jetzt so umfassend und bis in die höchsten Reihen der Staatsführung Kontrollen durchführen will, legt den Schluss nahe: Die öffentlich gewordenen Fälle sind wohl keine isolierten Ausnahmen. Natürlich wurde in Frankreich seit Jahren schon über hochrangige Spitzenpolitiker getuschelt, die sich angeblich mit Kokain oder Amphetamin und neuen synthetischen Drogen aufputschten. Die gar bei privaten Festen damit auffielen. Darüber zu berichten war jedoch für die Medien bislang ein Tabu. Mit den Tests dürfte sich das ändern.
Dennoch gibt es bereits Kritik an Lecornus Idee: Sind die Tests überhaupt legal, wenn sie nicht freiwillig sind? Und wie und von wem sollen sie organisiert werden? Und wie aussagekräftig sind die Kontrollen, wenn die Speicheltests lediglich bei kurz zuvor erfolgtem Konsum anschlagen? Ist der ganze Wirbel also vielleicht nur eine „Alibiübung“ einer Regierung, die im Kampf gegen die Drogenkriminalität wenig spektakuläre Resultate vorweisen kann?
Allerdings könnte die Aussicht, sich solchen Tests unterziehen zu müssen, für die Zukunft eine gewisse abschreckende Wirkung erzielen. Und einige französische Staatsdiener zu einer gesünderen und „beispielhaften“ Lebenshaltung bewegen – ganz nach Lecornus Wunsch.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert