ÖR-Sender vs. Tech-Plattformen: Zurück zur aufgeklärten Öffentlichkeit
Die öffentlich-rechtlichen Sender tun sich schwer dabei, gegen die Algorithmen der Plattformen und ihre kommerzielle Logik zu bestehen. Doch es gibt Auswege.
E in Zufallsfund in der Encyclopædia Britannica: Am Ende eines langen Artikels über das Wort Zensur steht die Frage, „Wenn eine Gesellschaft glaubt, dass Fernsehen die Jugend verdirbt und ganz allgemein verheerende Auswirkungen auf Erziehung und Gemeinsinn hat: Ist diese Gesellschaft wirklich hilflos, hier etwas zu tun? Wäre es Zensur, solchen verderblichen Einfluss abzuschaffen? Und wenn die Abschaffung des Fernsehens Zensur wäre, wäre das nicht ein Hinweis darauf, dass Zensur nicht unter allen Umständen schlecht ist?“
Kurz gesagt: Welche bürgerschaftlichen Eigenschaften sind für eine wirksame Selbstverwaltung erforderlich, und wie lassen sich diese Eigenschaften angemessen entwickeln und bewahren?
In einer neueren Auflage ist „Fernsehen“ durch „Videogames“ ersetzt worden. Heute müsste es wohl heißen: „soziale Medien“, aber die Frage nach Abschaffung ist vorbei. Die Partie ist gelaufen. Die Politik hat flächendeckend resigniert, findet bislang nicht einmal für kleinteilige, kinder-, kultur- und demokratiefreundliche Regulierungen die Kraft.
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Und die öffentlich-rechtlichen Sender, die schwankenden Garanten relativer Zuverlässigkeit und Vernunft, tun sich schwer, gegen die Algorithmen der Plattformen zu bestehen. Kommerzpresse und Populismus haben sie im Zangengriff. Keine guten Aussichten.
Das Publikum im kantianischen Sinne
Vor einiger Zeit hat die Rundfunkkommission der Länder deshalb einen „Rat für die zukünftige Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ berufen. Dessen im Untergrund der grauen Papiere verschwundene Empfehlungen zielen auf Verbilligung und Zentralisierung, einiges davon ist plausibel. Bedenklicher ist die Anregung einer jährlichen Evaluierung der „Auftragserfüllung“ durch politische Gremien, verbunden mit finanziellen Sanktionen.
Und neben den klassischen Aufgaben sollen die Anstalten angesichts „einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft und verhärteter Konfliktlinien“ in einer „überfordernden“ Welt für sozialen „Zusammenhalt“ sorgen, einen common ground legen, auf dem sich „möglichst alle wiederfinden können“, des Weiteren „Angebote und Gelegenheiten bieten, die Menschen zusammenbringen“.
Der Hessische Rundfunk hat das getan, unter dem Titel „Was bewegt Dich, Hessen?“ vor zwei Jahren 39 repräsentativ ausgewählte Bürger ein ganzes Wochenende lang in einem Studio über Themen wie Migration, Pflegekrise, soziale Härten diskutieren lassen. Es war beeindruckend, mit welchem Ausmaß an Informiertheit und Reflektiertheit diese Zufallsbürger argumentierten, aber auch einen durchgehenden „Zweifel an der politischen Gestaltungskraft“ der Eliten äußerten.
Für zwei Tage waren sie ein Publikum – im kantianischen Sinne. Denn für den Philosophen Immanuel Kant ist Publikum nicht eine Menge von Konzertbesuchern und schon gar nicht von einzelnen Fernsehguckern oder Radiohörern. „Es ist (…) für jeden einzelnen Menschen schwer, sich aus der ihm beinahe zu Natur gewordenen Unmündigkeit herauszuarbeiten. (…) Dass aber ein Publikum sich selbst aufkläre, ist eher möglich; ja, es ist, wenn man ihm nur Freiheit lässt, beinahe unausbleiblich. Denn da werden immer einige Selbstdenkende, […] welche, nachdem sie das Joch der Unmündigkeit selbst abgeworfen haben, den Geist einer vernünftigen Schätzung des eigenen Wertes und des Berufs, jedes Menschen, selbst zu denken, um sich verbreiten.“
Augenkontakt und Kontinuität
Diese kantianische Aufklärung funktioniert durch Ansteckung, im Reden am Tisch oder an der Haustür. Sie ist ein analoger Vorgang. Einer, der auf Augenkontakt setzt und auf Kontinuität: Am Ende des Experiments tauschten die Teilnehmer Adressen aus, um das Gespräch fortzusetzen. Zunächst einmal das Gespräch, hoffentlich auch mehr. Wenn Menschen zusammen sind, kann immer etwas Unerwartetes dabei herauskommen.
Solche analogen Situationen auch außerhalb der experimentellen Situation, nicht nur punktuell und als Ausnahme, darin läge vielleicht eine Zukunft öffentlich-rechtlicher Anstalten, die sich als „Institution zur Stärkung der Volkssouveränität“ verstünden. Es erforderte allerdings ein erweitertes Berufsbild des Journalisten: Er müsste sich als Öffentlichkeitsarbeiter verstehen und einen partiellen Exodus aus den vielleicht zu groß gewachsenen Funkhäusern, in Pop-up-Redaktionen in einem Landkreis etwa, in der Kuration von „dritten Orten“. Vielleicht auch in spektakulären Begegnungen der Bürger mit sich selbst.
In den frühen Jahre von „Wetten, dass..?“ wurden ja nicht nur aberwitzige Höchstleistungen prämiert, sondern Stadtgesellschaften traten zu Wettbewerben an. Das konnte schon in seiner harmlosen Form gemeinschaftsbildend sein, umso mehr könnte es das, wenn man etwa Freiburg gegen Göttingen im Stromsparen kämpfen ließe. Es lässt sich da vieles denken.
Aber solche soziotechnischen Versuche, „Menschen zusammenzubringen“, also – gegen das Dogma there is no such thing as society – Gesellschaft (wieder) herzustellen, haben auch etwas Gruseliges. Präventive Paranoia ist geboten, angesichts von Formulierungen, in den öffentlichen Medien sollten „sich alle wiederfinden können (…) Hauptadressat bleibt die Mitte der Gesellschaft“.
Generalüberholung auf die Tagesordnung
Denn es gibt genug Gründe, genau diese wachstumsgläubige „Mitte der Gesellschaft“ für das Problem zu halten und den fehlenden „Zusammenhalt“ nicht für ein Resultat verzerrter Kommunikation, sondern für die Folge einer umfassenden Systemkrise. Nicht die Begradigung der Systemränder, sondern Generalrevision und Umbau auf die Tagesordnung zu setzen. Auch dafür brauchte es freilich eine gemeinsame Basis und „bürgerschaftliche Eigenschaften“. Wo sollen die herkommen?
In den sechziger Jahren, als sich nichts bewegte und CDU und SPD den Status quo zementiert hatten, gründeten sich, als der Überdruss zu groß wurde, an einigen Orten der Bundesrepublik spontan Republikanische Clubs. Das blieb nicht ganz ohne Folgen. Wenn Menschen ins analoge Reden und kollektive Denken kommen, kann das überraschende Konsequenzen haben. So oder so. Wenn es links still bleibt, muss man sich nicht wundern, wenn demnächst in den Rundfunkräten und der Rundfunkkommission der Länder die blaue Partei Rederecht und mehr bekommt.
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