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ÖPNV in Schweden50 Prozent Rabatt auf Monatstickets

Die rechte Regierung in Stockholm setzt auf ein traditionell linkes Thema – und verbilligt das Pendeln mit Bus und Bahn. Muss einen das ärgern?

6,5 Milliarden Kronen (rund 600 Millionen Euro) will die Regierung zur Entlastung beim Pendeln mit Bus und Bahn bereitstellen Foto: Matias Basualdo/picture alliance
Anne Diekhoff

Aus Härnösand

Anne Diekhoff

Monatskarten zum halben Preis: Wer in Schweden den öffentlichen Nahverkehr seiner Region nutzt, kann ab Juli von einer Rabattaktion der Regierung profitieren. Vorübergehend bis Ende Dezember bekommen regionale Verkehrsverbände eine entsprechende Förderung, wenn sie ihre Monatstickets 50 Prozent billiger machen.

Das teilten die liberal-konservative Regierung von Ministerpräsident Ulf Kristersson und ihr Kooperationspartner, die rechten Schwedendemokraten, am Dienstag mit. Sie begründeten die Maßnahme mit der durch den Krieg im Nahen Osten entstandenen Treibstoffkrise. 6,5 Milliarden Kronen (rund 600 Millionen Euro) will die Regierung zur Entlastung beim Pendeln mit Bus und Bahn bereitstellen.

Bislang hatte sie vor allem den Autoverkehr gefördert. Benzin und Diesel waren in Schweden schon vorher durch politische Maßnahmen vergleichsweise günstig, in der aktuellen Krise werden die Preissteigerungen mit zusätzlichen vorübergehenden Abgabesenkungen in Schach gehalten. „Wir versuchen, das schwedische Volk durch eine sicherheitsmäßig und ökonomisch ziemlich komplizierte Zeit zu bringen“, sagte Kristersson bei der Vorstellung der neuen ÖPNV-Maßnahme.

Zielgruppe seien nun Pendler im öffentlichen Nahverkehr in ganz Schweden, als Gegenstück zur bisherigen Unterstützung für diejenigen, die mit dem Auto zur Arbeit führen. Mehr ÖPNV-Nutzung senke auch den Druck auf den Benzinverbrauch, so Kristersson. Zahlen dazu nannte er nicht.

Strohfeuer für den ÖPNV

Experten sagten schwedischen Medien, die Zahl der auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigenden Pendler dürfte sich, Erfahrungen aus anderen Ländern zufolge, in Grenzen halten.

Der Verband der Busunternehmer reagierte mit eingeschränktem Lob: Dass die Regierung durch eine gezielte Aktion die Bedeutung des ÖPNV anerkenne, nannte die Branchenvertretung einen positiven ersten Schritt, „dem natürlich langfristige Maßnahmen folgen müssen“.

Punktuelle Einsätze in Wahlkampfzeiten mache das System nicht robust für die Zukunft. Unklar sei außerdem, wer für mögliche Kostensteigerungen durch mehr Fahrgäste aufkäme.

Linkes Thema besetzt

In Schweden ist der Wahlkampf längst im Gange, gewählt wird im September. Dass diese Regierung sich plötzlich einem traditionell eher linken Thema wie bezahlbarem ÖPNV widmet, sorgte auch deshalb für starke Reaktionen aus der Opposition.

Die Sozialdemokraten sprachen der Regierung die Glaubwürdigkeit ab, sie habe gegen alle sozialdemokratischen Vorschläge zu einem besseren und günstigeren ÖPNV gestimmt. Jetzt kämen sie mit einer vorübergehenden Preissenkung, „desperat angesichts der Unzufriedenheit in der Bevölkerung“, sagte Generalsekretär Tobias Baudin dem Sender TV4.

Auch die schwedischen Grünen und die Linkspartei nennen die Maßnahme ein „Wahlkampfmanöver“ und kritisieren, dass die rechte Regierung den ÖPNV-Sektor bislang ignoriert habe. Sie loben dennoch die Maßnahme an sich – und betonten dabei, ihre Parteien seien dafür, die Preise für Monatskarten dauerhaft zu senken. Ein Schwedenticket nach Vorbild des Deutschlandtickets gehört längst zu den Maßnahmen im Parteiprogramm, mit denen die Grünen den ÖPNV stärken wollen.

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12 Kommentare

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  • Noch ein schwedischer Sonderweg?

    Zahlreiche europäische Städte haben (bei unterschiedlichen Finanzierungsmodellen) mit der Gratisnutzung des ÖPNV gute Erfahrungen gemacht, ohne daß die Kommunalhaushalte darüber eingebrochen wären. 2008 betrugen die ÖPNV-Kosten hierzulande grosso modo insgesamt 26 Mrd. €. Die Nutzerfinanzierung trug dazu lediglich mit knapp 9 Mrd. € bei. Der Rest kam also ohnehin aus unterschiedlichen Töpfen der Öffentlichen Hand, also warum nicht gleich komplett gebührenfrei?

    Zum Ausgleich der Finanzierungslücke nach Wegfall des Nutzerbeitrages sollten sich leicht Quellen finden lassen, etwa durch Streichung der anachronistischen Steuerprivilegien für Dieselkraftstoff und Kerosin (ça 16 Mrd.€), durch Maut- und höhere Parkgebühren in City-Bereichen, mit der Einsparung der Overhaedkosten bei Ticketverkauf, bei Bau und



    Unterhalt der autobezogenen Infrastruktur usw. (Vgl. „Zukunft Mobilität“, 2.7.2019)

    Es auch ohne Energiekrise gute Gründe, den ÖPNV ebenso zu den schützenswerten gemeinschaftlich genutzte und finanzierten Gütern zu zählen wie Allgemeine Schulbildung, Öffentliche Sicherheit oder die Armee.

    Wieder ein nachahmenswerter schwedischer Sonderweg...

  • Wäre ÖPNV außerhalb von Städten nutzbar, dann würde der Preis überhaupt keine Rolle spielen

  • Das ist natürlich ein sehr gut durchdachter Schachzug, der aber auch viel Geld kostet. Ich würde aber sagen, dass zeigt weder besonders eine konservative, noch rechts-extreme Linie, ist eher pragmatisch, die wollen die Wähler positiv stimmen.

    • @Andreas_2020:

      Wollen Sie uns etwa einreden, dass die ein Herz für den kleinen Mann haben. Pustekuchen.

  • Zeitlich begrenzte Aktionen - wie auch das 9 Euro-Ticket - können logischerweise nicht zur Verhaltensänderung - Verzicht auf Auto - führen. Erst wenn ein Ticket dauerhaft günstig angeboten wird, kann es Wirkung zeigen.

    • @sujall:

      Wäre der ÖPNV besser als das Auto, dann müsste man nicht monetäre Anreize schaffen

  • "Die Einführung des 9-Euro-Tickets hat n i c h t zu einer signifikanten Verzichtsrate auf das Auto bei Pendlern geführt."



    Das sagt mir jedenfalls meine KI, die einfach alles weiß oder behauptet, alles zu wissen.



    Wenn mir die AfD mein Ticket bezahlen wollte, würde ich es ihr vor die Füße werfen.

    • @Il_Leopardo:

      Also ich würde das Ticket dankend annehmen und sie dann trotzdem nicht wählen :D

      Dass das neun-Euro-Ticket nicht zu einer sigifikanten Veränderung geführt hat liegt auch daran, dass dieses zeitlich Begrenzt war (neben den bekannten Problemen der DB, die auch ein Neun-Euro-Ticket nicht verschwinden lässt).....

      • @PartyChampignons:

        Wenn die Ihnen eines "schenken", dann sind die schon gewählt. Mit dem 2. Absatz haben Sie sicher recht.

  • Die Leistung zu verbilligen, um mehr Nutzung zu erzeugen, funktioniert nur dann, wenn die Leistung auch objektiv in Ordnung ist.

    Wenn ich einen Arbeitnehmer einstellen soll, bei dem der Grundsatz "Wenn der mit anpackt, dann ist das so wie wenn zwei andere loslassen!", fällt mir dazu nur der weitere Grundsatz ein: "Geschenkt ist noch zu teuer!".

    So kann es auch mit dem ÖPNV sein. In Hessen fahren Landesbedienstete seit einigen Jahren umsonst mit dem Regionalverkehr. Aber es gibt gleichwohl Menschen, die von diesem "Landesticket" nicht, bzw. lediglich sporadisch Gebrauch machen, weil die Dauer ihres Arbeitswegs sich durch den ÖPNV verdoppelt bis verdreifacht!

    Im Ballungsraum Stockholm und in großen Städten funktioniert das bestimmt. Bummelig 87,7% der 10,7 Mio. Schweden leben in Städten. Das bedeutet aber auch, dass die 12,3%, die auf dem Land leben, vermutlich im Alltag weiter mit dem Auto fahren müssen, weil das ÖPNV-Angebot vor Ort ihren Lebensalltag einfach nicht rentabel abdeckt.

    • @Metallkopf:

      Dann leben die aber in sehr abgelegenen Weilern. Ich habe ein Hessenticket und fahre regelmäßig raus ins Umland. Darmstadt und alle Ort auf der Strecke, wie z.B. Wichshausen, Gießen und alle Ort auf der Strecke, wie Bad Nauheim, Friedberg, nach Wiesbaden oder Mainz, nach Fulda und alle Orte auf der Strecke, wie Gelnhausen, Bad Hersfeld, Kassel und Marburg sind überhaupt kein Problem. Da würde ich nie im Leben auf die Idee kommen, mit dem Auto zu fahren. Ich könnte Ihnen jetzt stundenlang interessante Ziele in Hessen aufzählen, die man mit der S-Bahn in 30 bis 60 Minuten erreichen kann. Schneller kommt man auch mit dem Auto nicht ans Ziel.

  • Ist nur Stimmenfang.

    Erst, wenn der Deutsche Autofahrer von der AfD genötigt wird, das Auto stehen zu lassen und Bus und Bahn zu verwenden, dann sollten wir hellhörig werden. Eigene Wirtschaft angreifen und so.

    Aber das wird nur passieren, wenn die AfD das Jahr 1933 wirklich zurückerobern will. Als es noch keine Computer, wenig Autos und viel mehr Bahnen gegeben hat. Schönheit Deutschlands bewahren und so. Die Hakenkreuzflagge nicht vergessen.