Obdachlose in der Corona-Krise: Ein Schutzraum für jeden

Damit Menschen jetzt nicht auf der Straße schlafen, sammeln Hamburger Geld für Hotels. In Hannover gibt es Spenden schon, aber die Stadt ziert sich.

Kleidung und Decken auf Parkbank

Lebenszeichen auf der Hamburger Veddel: Habseligkeiten eines Menschen, der keine Wohnung hat Foto: Christian Ohde/Imago

HAMBURG/HANNOVER taz | Für Obdachlose wird es gefährlich. Der Winter kommt, die ersten Nächte sind schon kalt, und das Virus wütet. Da wendet sich der FC St. Pauli mit einem Appell an seine Fans. Auch rund um sein Stadion machten Menschen „Platte“. Sie bräuchten eine warme Unterbringung. „Deshalb rufen wir alle St. Paulianer*innen auf, für Hotelübernachtungen für Obdachlose zu spenden.“

Das wirkt wie ein Déjà-vu. Erst im März während des Lockdowns warben Hamburger Obdachloseninitiativen für dieses Anliegen. Und damals klappte es. Durch eine Großspende der Zigarettenfirma Reemtsma und weitere Wohltäter kamen knapp 450.000 Euro zusammen. Davon wurden in den Monaten April, Mai und Juni für 170 Obdachlose Zimmer in Hotels gemietet, für 32 Euro die Nacht.

Das Projekt war erfolgreich, wie die Träger Caritas, Diakonie und das Obdachlosenmagazin Hinz & Kunzt zum Ende berichteten. Die Betroffenen seien zur Ruhe gekommen. „Es ist erstaunlich, wie schnell sich Menschen stabilisieren, wenn sie ein selbstbestimmtes Leben führen“, sagt Hinz & Kunzt-Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer.

Nun, da der Teil-Lockdown gilt und es kalt wird, liegt auf der Hand, dass die Stadt die Hotels anmietet. Das fordert neben der Linken sogar die Hamburger CDU. „Wir müssen jetzt dringend Alte und Kranke schützen, so wie im Frühjahr“, sagt Sozialpolitiker Andreas Grutzek. Das sei aber in den Unterbringungen nicht möglich, weil es dort zu wenig Einzelzimmer gibt. Und Hotels stünden in weiten Teilen wegen Corona leer.

Sozialbehörde setzt auf zentrale Unterkünfte

„Wir haben einen Coronawinter vor uns. Da ist es wichtig, hoch vulneralbe Personen zu schützen“, sagt auch Dirk Hauer, Fachbereichsleiter der Hamburger Diakonie. Er kenne keinen Obdachlosen, der gesund ist, ergänzt Karrenbauer. Er sieht in der Hotelunterbringung noch einen Vorteil. Das wäre für die Hotelwirtschaft „die beste Wirtschaftsförderung“.

Die Hamburger Sozialbehörde startete gerade erst ihr „Winternotprogramm“ mit rund 800 Plätzen, setzt aber weiter auf zentrale Unterkünfte. Zwar gibt es nun einen dritten Standort, um eine „lockere Belegung“ zu ermöglichen, doch die Regel sind Zwei- und Dreibettzimmer.

Privatsphäre, ein Zimmer für sich, bekommen Obdachlose nur, wenn ein Arztattest oder eine Stellungnahme des Gesundheitsamtes vorliegt. Es müsse deutlich werden, dass ein Einzelzimmer „für die Genesung einer psychisch kranken Person unabdingbar ist“, sagt Behördensprecher Martin Helfrich. Sollte die Stadt kein Zimmer haben, könnte es ein Hotel sein.

„Die Regeln sind sehr restriktiv“, sagt Hauer. „Die Erfahrung des Projekts vom Frühjahr zeigt, dass es Hotelunterbringung viel häufiger geben muss.“

Nicht nur der FC St. Pauli sammelt Geld für die Obdachlosen. „Es gibt viele kleine Initiativen, das könnte bis Weihnachten eine richtige Bewegung werden“, sagt Karrenbauer. Und ein Großspender ist in Hamburg wieder dabei. „Reemtsma plant, die Obdachlosenhilfe auch im Winter fortzuführen“, sagt Sprecherin Doreen Neuendorf zur taz. „Wir sehen, dass Hilfe für obdachlose Menschen jetzt in der kalten Jahreszeit mehr denn je benötigt wird.“

Schutz im Naturfreunde-Haus

In Hannover steht man vor dem gleichen Problem wie Hamburg. Dort hatte die Stadt während des Lockdowns im ­April rund 100 Obdachlose in einer ohnehin leer stehenden Jugendherberge in Ein- und Zweibettzimmern untergebracht. Dort wurde die Hauruck-Aktion von Stadt, Region und Land finanziert, die Betreuung übernahmen Sozialarbeiter*innen von Diakonie und Caritas.

Auch diese Maßnahme entpuppte sich als ungeahnt erfolgreich: Weil die Menschen zur Ruhe kamen und sich neu orientieren konnten, gelang es viel besser als zuvor, sie in die Hilfssysteme einzuschleusen und neue Perspektiven zu entwickeln, so berichteten es die Sozialarbeiter*innen.

Schon in den ersten drei Monaten fanden mehr als 30 von ihnen eine dauerhafte Unterkunft, ein paar sogar einen Job. Als der Mietvertrag mit der Jugendherberge auslief, regte sich deshalb zum ersten Mal Protest. Die Stadt organisierte daraufhin eine Anschlussunterbringung an zwei Standorten: in einem Hotel in der Innenstadt und im Naturfreundehaus an der Eilenriede. 65 Menschen siedelten dorthin um.

Als der Vertrag mit dem Naturfreundehaus dann Mitte Oktober auslief, waren noch 17 Personen übrig. Wieder gab es einen Aufschrei: Die Hilfsorganisation hatten – vor allem angesichts der Erfolgszahlen – auf Verstetigung dieses Angebots gehofft. Zudem stiegen die Infektionszahlen und der Herbst schien der falscheste Zeitpunkt, Leute auf die Straße zu setzen.

Die Stadt freilich verwies darauf, dass das Projekt ja von Anfang an befristet war und auch keiner auf die Straße müsse – man habe die Notschlafstellen nun pandemiefest gemacht.

Doch die Massenunterkünfte werden von den meisten Obdachlosen weiter gemieden. Die private Niedergerke-Stiftung hat nun bereits Geld gesammelt, um weiter eine Einzelunterbringung zu ermöglichen. 100.000 Euro sollen es schon sein, Tendenz weiter steigend. Über die Annahme und Verwendung einer solchen Spende muss allerdings erst der Rat der Stadt entscheiden – und das dauert.

Zudem hat Hannover auch erst einmal andere Prioritäten gesetzt: Sie will eine große Tagesbetreuungsstelle in einem leer stehenden Schulzentrum einrichten, in dem 2015 Geflüchtete untergebracht waren. Viele Einrichtungen hatten nämlich beklagt, dass sie aus Infektionsschutzgründen nur noch einen Bruchteil der Menschen hereinlassen können. In dem Schulungszentrum können Menschen sich nun aufwärmen, duschen, Kleider waschen, Kaffee trinken oder essen. Nur schlafen können sie dort eben nicht.

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