Obdachlose in Hannover: Zurück in die Massenunterkunft

Experiment beendet: Zum Winter müssen Obdachlose in Hannover wieder überfüllte Schlafsäle in Kauf nehmen. Viele verzichten darauf.

Eine Frau schiebt einen Einkaufswagen mit ihrem Besitz eine Straße entlang

Brigitte Zimmermann* lebt seit einem Jahr auf der Straße Foto: Michael Trammer

HANNOVER taz | Der Herbst in diesem Coronajahr kommt, und die Innenstadt leert sich. Nur noch wenige Menschen sind auf den Straßen in Hannover zu sehen, und in der Fußgängerzone fallen diejenigen stärker auf, die ihr Hab und Gut in Taschen und Einkaufswagen mit sich führen und nachts in den Eingängen von Kaufhäusern oder in Hinterhöfen Schutz suchen.

Brigitte Zimmermann* ist eine von ihnen. Am Dienstagmorgen geht sie bepackt eine Straße hinter dem menschenleeren Waterlooplatz entlang. Sie ist in mehrere Mäntel gehüllt, trägt eine Mütze auf dem Kopf und einen Schal ums Gesicht. ­„Corona ist überall Thema, alles ist geschlossen“, sagt sie.

Zu schaffen macht ihr, dass sie nicht duschen kann, weshalb sie das Gefühl hat, in der Pandemie als Bedrohung wahrgenommen zu werden. Probleme gebe es vor allem, wenn sie Geschäfte oder Cafés aufsuche: „Man wird rausgeworfen und kann sich nicht aufwärmen.“

Brigitte Zimmermann ist Mitte 50, wie viele Obdachlose gehört sie aufgrund von Vorerkrankungen zur Hochrisikogruppe.

Erst am vergangenen Dienstag war ein 45-jähriger Obdachloser am Raschplatz, hinter dem Hannoverschen Hauptbahnhof, leblos aufgefunden worden. Die Polizei spricht von einem Krankheitsfall, nach ersten Erkenntnissen soll es sich wohl nicht um eine Corona-Erkrankung gehandelt haben.

Der zweite Tote

Am Mittwoch starb ein weiterer Mann mitten in der Innenstadt. Passanten fanden den 34-Jährigen aus Osteuropa auf der Lister Meile, nicht weit vom ersten Fundort entfernt. Nach ersten Ermittlungen der Polizei soll auch er krank gewesen sein und in den Tagen vor seinem Tod über Unwohlsein geklagt haben.

In diesem Jahr bleiben den Obdachlosen noch weniger Rückzugsräume als sonst. Die Tagestreffs und Anlaufstellen müssen seit dem Ausbruch der Pandemie im März Hygienekonzepte vorlegen, um die Menge der Besucher*innen zu minimieren und die Dauer ihres Aufenthalts zu verkürzen.

Das Ansteckungsrisiko soll so gering wie möglich gehalten werden, aber nun fehlen Plätze. „Es ist eine große Herausforderung“, sagt Rainer Müller-Brandes, Stadtsuperintendent des evangelischen Kirchenkreises und ehemaliger Diakoniepastor.

Im Kontaktladen „Mecki“ in der Nähe des Hauptbahnhofs hätten sich früher etwa 100 Personen auf 30 Quadratmetern aufgehalten. Dies sei nun nicht mehr möglich: „Wir haben unseren Tagestreff umgewandelt. Essen und Beratung gibt es nun draußen. Drinnen machen wir nur noch die akute medizinische Versorgung.“ Das Mecki sollte eigentlich ein Schutzraum sein, nun können viele nicht hinein.

Um die schwierige Situation von Obdachlosen in der Pandemie ein wenig abzumildern, hatte die Stadt im März ein Corona-Nothilfeprogramm aufgelegt. Auf öffentlichen Druck hin war zuerst eine Jugendherberge für 100 Personen am Maschsee angemietet worden.

Als das Angebot auslief, sah es erst so aus, als ob die Menschen zurück auf die Straße müssten, doch kurzfristig wurde mit dem Hotel Central, das nur ein paar Querstraßen vom niedersächsischen Landtag entfernt liegt, ein Anschlussprojekt geschaffen.

Doch auch das lief aus, wieder wurde erst sehr kurzfristig reagiert: Im Naturfreundehaus, neben einer Schrebergartensiedlung am Rand des Stadtwalds Eilenriede gelegen, sollten die übrig gebliebenen Obdachlosen unterkommen.

Betreut wurde das Projekt von der Stadt, der Region Hannover, der Caritas und der Diakonie. „Wir haben dort ganz tolle Erfahrungen gemacht“, sagt Stadtsuperintendent Müller-Brandes. Im Naturfreundehaus hätten die Obdachlosen angefangen, sich mit der eigenen Situation auseinanderzusetzen, viele seien in stabile Wohn- und teilweise sogar Arbeitsverhältnisse vermittelt worden.

Naturfreundehaus macht dicht

Doch auch das Naturfreundehaus war keine Bleibe auf Dauer, und so hieß es am Donnerstag vor einer Woche für die 17 übrig gebliebenen Menschen aus dem Haus: zurück auf die Straße.

Heidi steht am Tag ihres Auszugs mit Sascha auf dem Parkplatz des Naturfreundehauses. „Ich finde es übel, dass die uns jetzt im Winter rausschmeißen“, sagt sie. „Jetzt, wo es kalt wird und Corona immer noch nicht vorbei ist und die zweite Welle ja auch vielleicht noch mal kommt. Mir fehlen da auch ein bisschen die Worte.“

Heidi ist chronische Schmerzpatientin, steht auf Krücken vor dem Auto, in dem die beiden nun erst mal leben werden. Die Notschlafstellen, sagt Sascha, seien keine Alternative, die seien definitiv nicht auf Corona eingerichtet. „Da lebt man dicht an dicht.“

Ein Obdachloser in Hannover

„Ich mag keine Dealer, Diebstahl und zu viele Drogen. Das ist eine Katastrophe in den Massenunterkünften. Alle schlafen in einem großen Raum oder in Containern und jedes Mal gibt es Probleme“

Aus dem hannoverschen Rathaus heißt es zum Ende des Nothilfeprogramms, man wolle aus dem Projekt aus der „Akut-Phase der Pandemie“ lernen und im kommenden Jahr zusätzliche Angebote schaffen. Das klingt schon merkwürdig – steht die „Akut-Phase“ nicht gerade vor der Tür?

Die Stiftung Niedergerke, die bei der Finanzierung gemeinnütziger Projekte hilft und Menschen in Not unterstützt, hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet und bietet der Stadt 15.000 Euro Unterstützung aus einer Spenden-Gala an. Gekoppelt ist dieses Angebot jedoch laut Hannoverscher Allgemeiner Zeitung an die Forderung nach einer Einzelunterbringung der Menschen und sozialarbeiterischer Betreuung.

Dieses Angebot hat die Stadt bisher ebenso wenig angenommen wie das Konzept eines „Zwischenraums“, das Caritas und Diakonie für die Menschen aus dem Naturfreundehaus entwickelt hatten und das die Menschen für vier bis sechs Wochen auffangen sollte.

Das Ende des Nothilfe-Projekts ist mittlerweile zum Politikum geworden. Die Ratsfraktionen von FDP und CDU, deren Thema sonst eher der Erhalt des Individualverkehrs ist, haben den grünen Oberbürgermeister Belit Onay scharf kritisiert, weil der sich für die Aufnahme von Geflüchteten aus den griechischen Lagern ausgesprochen hatte.

Man solle sich doch erst mal um Probleme vor Ort kümmern, meinen Ratsmitglieder gegenüber der HAZ. In den Kommentarspalten tobte daraufhin der rassistische Mob und feiert das „Erwachen“ der Lokalzeitung.

Noch immer Massenunterbringung

Seit 2018 gilt in Hannover eigentlich die Devise „Housing First“: Obdachlose sollen zuerst eine Wohnung bekommen, dann sieht man weiter. In der Realität setzt die Stadt jedoch noch immer auf die Massenunterbringung: 950 Plätze stehen in dauerhaften Obdachlosenunterkünften bereit.

Zusätzlich wurden insgesamt 227 Notschlafplätze, verteilt auf fünf Locations, geschaffen. Nach Angaben der Stadt nehmen momentan 1.311 Menschen Wohn- und Unterkunftsangebote wahr. Eine zusätzlich erworbene Immobilie steht laut der Hannoverschen Lokalzeitung Neue Presse „kurz vor Abschluss der Umbauplanung“.

Auch auf mehrfache Anfragen verschiedener Medien hin bleibt die Stadt bei ihrer Darstellung, dass ausreichend Plätze vorhanden seien. Die Sprecher der Stadt verweisen auf die gängigen Notschlafstellen, zusätzlich gebe es jetzt die „Winternotangebote“: Die Notunterkünfte der Stadt haben im Winter jeweils am Morgen und Abend eine Stunde länger geöffnet.

Jeden zweiten Tag versorgt ein „Kältebus“ Menschen im Innenstadtbereich mit heißen Getränken und Essen. Es gibt ein Notfall-Shuttle zu den Notunterkünften. Man sei vorbereitet und habe die Hygienekon­zepte angepasst, so die Stadt.

Zwei Männer sitzen vor einer mit Graffiti besrpühten Wand

Seit einem Jahr wohnen diese beiden unter der Brücke am Schwarzen Bär in Hannover-Linden Foto: Michael Trammer

Zelten an der Ihme

Michael Kinzel sitzt am Montagnachmittag in der Limmerstraße am Pferdekutschen-Brunnen, trinkt Bier und aus einer Bluetooth-Box tönt „Ich wär’ so gerne Millionär“ von den Prinzen. Er gehe in keine Unterkunft, sagt er, lieber übernachte er auf der Straße: „Als Junkie und zehn Jahre obdachlos, da hast du keine Chance. In der Notunterkunft sind hundert Leute in ’ner riesigen Halle, du wirst frühmorgens rausgeworfen, das will ich nicht.“

Ihm gegenüber sitzen Dennis und Nicole. Beide sind etwa 40 Jahre alt. Dennis trägt einen beigen Parka und hat eine Flasche Bier in der Hand. Die letzten Monate hatte das Paar am Ufer der Ihme gezeltet, bis das Grünflächenamt sie verscheuchte.

„Ich bin mit meiner Freundin obdachlos geworden“, sagt Dennis. „Wir waren beim Wohnungsamt und die würden uns trennen. Mich in ein Männerwohnheim und sie in eines für Frauen. Ich finde das untragbar. Lieber lebe ich auf der Straße und komme ab und zu bei 'nem Kumpel unter.“

Einen Stadtteil weiter, in der Calenberger Neustadt, sitzt Gregor auf einer Bank. Er löffelt einen Joghurt und wartet auf die Öffnung des Caritas Tagestreffs um 13 Uhr. Neben ihm steht ein schwarzer Einkaufs-Trolley, ein Mensch liegt auf einer Bank und schläft. Der Platz um die katholische Kirche St. Clemens herum ist ansonsten menschenleer, der Wind pfeift durch die Häuserschluchten der 70er-Jahre-Bauten. Gregor sagt: „Ich wohne am Aegidientorplatz bei der Sparkasse.“ Auch ihn stört an der Unterkunft, dass er früh raus muss, da schläft er lieber bei einem Geldautomaten.

Drei unter der Brücke

An der Ihme, die die Calenberger Neustadt mit Linden verbindet, leben drei unter einer Brücke. Sie wollen lieber anonym bleiben, kommen aus Osteuropa und erzählen, sie hätten nach einem Verlust der Arbeit vor einem Jahr die Miete nicht mehr bezahlen können. Mit Corona lasse sich momentan kein neuer Job finden. Sie haben es sich beinahe häuslich eingerichtet: Mehrere Matratzen dienen als Betten, an der Wand hängt ein Schuhregal. In der Mitte der Betten steht ein kleiner Tisch mit Teelichtern und einem Aschenbecher.

Ein Mitte-30-Jähriger mit Brille und kurzem stoppeligen Bart sagt in gebrochenem Englisch: „Ich mag keine Dealer, Diebstahl und zu viele Drogen. Das ist eine Katastrophe in den Massenunterkünften. Alle schlafen in einem großen Raum oder in Containern und jedes Mal gibt es Probleme.“

Bündnis „Armut stinkt“

Gegen die Zustände in den Unterkünften und auf den Straßen Hannovers haben Initiativen wie das Bündnis „Armut stinkt“ demonstriert. „Gewalt, Diebstahl, Psychokrieg, Alkohol und Drogen sind an der Tagesordnung, wenn man bis zu hundert Menschen in riesigen, unpersönlichen Hallen zusammenpfercht“, heißt es in einem Erfahrungsbericht über die Notunterkünfte, der auf einer der Demos verlesen wurde. Man sei dort der Willkür des Sicherheitspersonals ausgeliefert.

„Ich finde auf jeden Fall, dass das Nothilfeprogramm den Namen nicht wert ist. Da kann deutlich mehr getan werden“, sagt Florian Schulz, der für die Selbsthilfe für Wohnungslose (Sewo) tätig ist. Schätzungen zufolge leben in Hannover immer noch bis zu 600 Menschen auf der Straße.

Es müsste genug menschenwürdige Unterbringungsmöglichkeiten geben, findet Schulz. „Gerade für Menschen, die nicht leistungsberechtigt sind, gerade im Winter.“ So, dass niemand, der nicht wirklich wolle, auf der Straße schlafen müsse.

Derzeit sieht es nicht so aus, als würde es in Hannover bald so weit sein.

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