Nullrunde beim Bürgergeld: Sozialverbände kritisieren mehr Not und Ausgrenzung
Die Koalition will den Sozialstaat „reformieren“. Der Kanzler tönt von tiefen Einschnitten. Beim Bürgergeld ist eine Nullrunde in Sicht.

Die Regelsätze beim Bürgergeld sollen wie schon 2025 nicht erhöht werden. „Der gesetzlich festgelegte Fortschreibungsmechanismus führt zum 1. Januar 2026 zu keiner Veränderung der Regelbedarfshöhen“, sagte ein Sprecher des Ministeriums. Die Regelsätze sollen damit bei 563 Euro im Monat für Alleinstehende bleiben, für Kinder je nach Alter zwischen 357 und 471 Euro. Das Vorhaben muss noch ins Kabinett.
Die nächste Nullrunde beim Bürgergeld, das das Existenzminimum sichern soll, war erwartet worden. Hintergrund ist ein Verfahren, mit dem jährlich berechnet wird, ob die Sätze angepasst werden müssen – je nach Entwicklung bestimmter Nettolöhne und der Preise. Zum Ausgleich für die hohe Inflation waren die Sätze 2023 und 2024 deutlich erhöht worden, 2025 gab es bereits eine Nullrunde. Union und SPD haben im Koalitionsvertrag Änderungen am Mechanismus vereinbart.
Linke-Chef Jan van Aken kritisierte: „Bärbel Bas macht sich zur Ausführenden einer schwarzen Politik, die bei den Ärmsten knausert und den Superreichen nützt.“ Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Joachim Rock, sagte Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten, die zweite Nullrunde hintereinander bedeute „mehr Not und wachsende Ausgrenzung“. Unions-Fraktionsgeschäftsführer Steffen Bilger (CDU) nannte die Pläne für 2026 hingegen ein richtiges Signal. „Das zeigt, dass die Bürgergeldkosten nicht immer weiter steigen müssen“, so Bilger zur Rheinischen Post.
Strengere Vorgaben geplant
Bas kündigte außerdem Regelungen an, um „mehr Zug in der Betreuung“ zu erreichen. Wer ohne Grund nicht zu Terminen komme, dem werde deutlich mehr gestrichen, sagte sie der Bild. „Wir helfen auf dem Weg in Arbeit, aber dafür muss man mitmachen. Alles andere ist unfair gegenüber denjenigen, die jeden Morgen aufstehen.“ Insgesamt gehe es um mehr Beratung, engere Betreuung und mehr Verbindlichkeit. Bürgergeld-Regelleistungen bekommen rund 5,5 Millionen Menschen. Die Zahlungen lagen 2024 bei 47 Milliarden Euro.
Die Koalition peilt im Herbst mehrere Gesetze für „Reformen“ der Sozialsysteme an. Der Kanzler sagte dazu am Samstag bei einem CDU-Landesparteitag in Bonn: „Das wird schmerzhafte Entscheidungen bedeuten. Das wird Einschnitte bedeuten.“ Ziel sei, dass Kranken-, Pflege und Rentenversicherung – „die großen Errungenschaften unseres Sozialstaates“ – auch in Zukunft leistungsfähig und nicht überfordert seien. „So wie es jetzt ist, insbesondere im sogenannten Bürgergeld, kann es nicht bleiben und wird es auch nicht bleiben.“
Merz bekräftigte, man könne sich das System, das man heute habe, mit dem Erwirtschafteten nicht mehr leisten. „Wir leben seit Jahren über unsere Verhältnisse“, behauptete er. Verantwortlich dafür sei die Politik. Das zu ändern, sei „ein mühsamer Weg“. Er sei aber „fest entschlossen, diesen Weg zu gehen.“
Die Spitzen der Fraktionen von Union und SPD hatten bei einer Klausur in Würzburg einen Plan mit Vorhaben beschlossen, die nach der Sommerpause umgesetzt werden sollen. Verabredet wurden aber auch mehr Abstimmung und Austausch, um jüngste Streitigkeiten und Pannen wie bei der gescheiterten Verfassungsrichterwahl hinter sich zu lassen. Das solle nun auch die Koalition in Gänze erfassen, hatte SPD-Fraktionschef Matthias Miersch noch dazugesagt.
Ermahnung zum „Geist von Würzburg“
Der Kanzler erwähnte diesen „Geist von Würzburg“ in seiner Rede tags darauf nicht – und erntete Kritik. „Merz' heftige Attacken gegen unseren Sozialstaat passen nicht zu den sachlichen Gesprächen der Koalitionsfraktionen gerade in Würzburg“, mahnte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Johannes Fechner, im Tagesspiegel. Man habe sich dort zugesichert, nicht die schnelle Schlagzeile zu suchen, sondern sachlich miteinander zu beraten. „Es wäre gut, auch der Kanzler nähme sich diese Abmachung zu Herzen.“
An diesem Montag nimmt auch eine von der Regierung eingesetzte Kommission zu Reformen des Sozialstaates die Arbeit auf. Sie soll bis Jahresende Vorschläge machen. Der Sozialverband Deutschland warf Merz Verzerrungen vor. Er erwecke „den Anschein, der Sozialstaat würde uns finanziell ruinieren“, sagte Verbandschefin Michaela Engelmeier. „Das ist nicht nur sachlich falsch, sondern gesellschaftlich gefährlich.“ Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall nannte Reformen angesichts der langen Wirtschaftskrise überfällig.
taz lesen kann jede:r
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Texte, die es nicht allen recht machen und Stimmen, die man woanders nicht hört – immer aus Überzeugung und hier auf taz.de ohne Paywall. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass guter, kritischer Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
Linker Populismus
Nett war gestern
Azubi über Handwerksbranche
„Die Atmosphäre ist für queere Menschen unerträglich“
Kabinett für neues Wehrdienstgesetz
Freiwillige vor!
Anschlag auf Nord-Stream-Gasleitungen
Viele Fragen in der Pipeline
Diskriminierung im Sport
Verpflichtende Gentests bringen gar nichts!
Rückzug von Robert Habeck
Der Erklärbär geht