Norwegen bei der WM: Oben-ohne-Wikinger-Träume
Fast dreißig Jahre musste Norwegen warten, bis die Herrenmannschaft wieder bei der WM dabei sein durfte. Die Euphorie verändert sogar Alkoholregeln.
Endlich internationale Schlagzeilen nach Norwegens Geschmack: das offizielle Teamfoto! Erling Haaland und seine Mannen als Wikinger! Statt Skandale rund ums Königshaus präsentiert man sich selbst, wie man sich gerade am liebsten mag – als sympathisches Land im Fußballrausch.
Allein die Qualifikation für das Turnier war in Oslo vor dem Rathaus bejubelt worden wie andernorts erst ein gewonnenes Finale. Endlich, endlich hatte man es wieder geschafft! In der Nacht zu Mittwoch spielen die norwegischen Herren gegen Irak das erste WM-Spiel seit 1998.
Senegal und Frankreich folgen dann noch – eine nicht gerade leichte Gruppe. Aber sie haben doch Erling Braut Haaland und Martin Ødegaard, ihre internationalen Stars! Diesmal scheint wirklich alles zusammenzupassen, freut man sich im Land.
Der Ball ist rund und die taz ist ihm dicht auf den Fersen. Unsere Reporterin Alina Schwermer ist auf einem Roadtrip (meist) per Bus und berichtet in Reportagen und in ihrem Blog – manchmal auch aus den Stadien, aber noch viel öfter über alles drumherum. Alle Spiele werden von ausgeschlafenen tazler:innen für Sie hier in „Alle Spiele“ kurz zusammengefasst. Dann gibt es das ganz geheime Tagebuch von Fifa-Dingsbums Gianni Infantino. Und alles andere rund um die WM finden Sie hier.
Von der Freude geben sie gerne etwas ab. Wer etwas Erheiterung im ansonsten grauen Dasein benötigt, kann jetzt also nach Norwegen schauen, oder auf das, was sie von dort in die Social-Media-Welt schicken. Dieses Wikingerfoto zum Beispiel. Ob das eine alberne „Entenhausen-Version“ der norwegischen Kultur ist oder gar gefährlich hypermaskulin, wie manche meinten, offiziell ist das egal. Hauptsache es knallt, und das tut es. Als Nächstes machten dann Trainingsbilder – die Wikinger jetzt mit nacktem Oberkörper – erfolgreich die Social-Media-Runde.
Sie nutzen Google? Sie wollen beim Googeln taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz als „bevorzugte Quelle“ einzustellen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen. Fertig.
Sie wollen Google meiden? Kein Problem, es gibt zahlreiche Alternativen. Stellvertretend erwähnt seien Ecosia, DuckDuckGo oder Startpage.
Mehr Details zur Funktion „bevorzugte Quelle“ bei Google finden Sie hier.
Peinlich berührt oder heimlich neidisch?
In Schweden gibt man sich gelegentlich peinlich berührt von diesen norwegischen Eskapaden. Man dürfte aber heimlich einfach neidisch sein auf das unbefleckte Glück des fußballtechnisch eigentlich kleinen Bruders. Auch von dessen offiziellem WM-Video geht schließlich mehr Spaß aus als von den im Vorbereitungsspiel gegen eben diese Norweger unangenehm unterlegenen Schweden.
Norwegische Naturherrlichkeiten zeigen sie da, glücklich Fußballspielende aller Orten, untermalt von den bewegenden Worten ihres freundlichen Königs.
Nächtlicher Ausnahmealkohol
Was die skandinavischen Konkurrenten verbindet: Die unmöglichen Match-Zeiten dieser Weltmeisterschaft bringen zentrale gesellschaftliche Regeln durcheinander. Das nächtliche Schankverbot für Alkohol erhält hier wie dort eine heiß debattierte Ausnahme. In Norwegen wird das von Suchtverbänden kritisiert, vor allem in Kombination mit dem gleichzeitig aufgehobenen nächtlichen Wettverbot: Nachts seien die Suchtberatungsstellen nun einmal nicht geöffnet, es bestehe deshalb für Gefährdete das Risiko, sowohl in Alkohol- als auch Spielsucht zu verfallen.
Kritische Stimmen zweifeln gleich den ganzen Jubel um völkerverbindenden Fußball an und erinnern an Hass und Gewalt in der Fanwelt sowie an politische Fragwürdigkeiten im Gastgeberland USA. Fußball sei auch Opium fürs Volk, kommentierte jemand beim norwegischen Rundfunk. Die Moral etwa beim traditionellen Schutz der Bevölkerung vor zu viel Alkoholkonsum habe genau bis zur Qualifikation gehalten. Fußball sei eine einzige kommerzialisierte Gefühlsmaschine. Wer wollte widersprechen?
Folgen haben solche mahnenden Erkenntnisse gerade in Norwegen nicht. Die meisten Menschen dort wollen alle Gefühle, die mit ihrer ersehnten WM-Teilnahme einhergehen, genießen, solange es geht. Dass die erwartete nächtliche Hysterie manchen im Land zu laut werden könnte, geschenkt. Geschichten von Menschen, die ihr Haus als vorauseilender Sicherheitsmaßnahme direkt für die ganze WM bei Airbnb anbieten und sich aufs Land zurückziehen, gehören nun zu Norwegens Fußballfest.
„Davon haben alle das ganze Leben geträumt“, sagte denn auch Kapitän Martin Ødegaard nach der Landung des Teams in den USA. „Endlich hier zu stehen und bereit zu sein für die WM, ist ein krasses Gefühl und ein großes Erlebnis.“ Zum nationalen Glück muss auch ein international erfahrener Star wie er nicht auf heimische Küche verzichten: 116 Kilo ihres berüchtigten Brunosts, ihres süßen braunen Käses, hätten die Norweger dabei, auch das berichteten norwegischen Medien. Lachs natürlich außerdem, und zwar 300 Kilo. Für wie lange das reichen muss, da kommt es jetzt auf die Herren Spieler selbst an. In Norwegen ist man bereit, auf die ganz große Sensation zu hoffen.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 130 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert