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Neuer Strafkodex in AfghanistanKnochen brechen verboten

Kommentar von

Maiyra Chaudhry

Das Taliban-Regime hat Gewalt gegen Frauen faktisch legalisiert. Nur bei gewaltsam herbeigeführten Knochenbrüchen droht eine Haftstrafe von 15 Tagen.

Die Frauen in Afghanistan sind inzwischen völlig entrechtet. Gewalt gegen Frauen wurde von den Taliban legalisiert Foto: Sayed Hassib/reuters

W ährend internationale Krisen Schlagzeilen dominieren, verschwinden Millionen afghanischer Frauen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Ihr Alltag ist geprägt von Angst, Kontrolle und systematischer Entrechtung. Mit dem neuen Strafkodex der Taliban wird Gewalt gegen Frauen faktisch legalisiert: Ein Mann kann seine Frau schlagen, solange keine Knochenbrüche nachweisbar sind. Selbst wenn eine Frau solche Gewalt vor Gericht beweisen kann, droht dem Täter lediglich ein Freiheitsentzug von fünfzehn Tagen.

Fünfzehn Tage? Für Gewalt gegen eine Frau, für die Zerstörung von Vertrauen, Sicherheit und Würde. Und was passiert danach? Der Mann kehrt nach Hause zurück. Zur selben Frau, die den Mut hatte, die Gewalt überhaupt erst sichtbar zu machen. Wer schützt sie dann? Dieses Rechtssystem schützt nicht die Opfer, es schützt die Täter.

Maiyra Chaudhry

ist Medien- und Kommuni­kations­wissenschaft­lerin. Als freie Journalistin beschäftigt sie sich mit den Themenschwerpunkten Medienkritik, Diskriminierung und Religion.

Gleichzeitig werden bei „moralischem Vergehen“ sogenannte Ermessensstrafen ermöglicht, wobei weder das Vergehen, noch die Strafe näher bezeichnet werden. Was als moralisches Vergehen gilt, bestimmen jene, die die Macht haben. Für Frauen bedeutet das ein Leben unter permanenter Bedrohung – und das im 21. Jahrhundert. Das Schweigen der internationalen Gemeinschaft wirkt wie ein stilles Einverständnis mit einem System, das Frauen grundlegende Rechte verweigert.

Besonders bitter ist, dass diese Politik im Namen der Religion gerechtfertigt wird, obschon sie im klaren Widerspruch zu den ethischen Grundsätzen des Heiligen Korans und zu den Lehren des Propheten Mohammed steht. Der Prophet sagte: „Der Beste unter euch ist derjenige, der seine Frau am besten behandelt.“ Diese Worte sprechen von Respekt, von Verantwortung und Würde – nicht von Gewalt und Unterdrückung.

Was wir in Afghanistan sehen, ist nicht die Verwirklichung religiöser Werte, sondern deren Instrumentalisierung zur Machtsicherung. Die Frauen Afghanistans dürfen nicht länger vergessen werden. Ihr Leid ist real, ihr Mut ebenso. Schweigen ist keine Neutralität – es ist Teil des Problems.

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9 Kommentare

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  • Alexander Dobrindt verhandelt ja gerne mit den Taliban, mal sehen wann das Strafmaß für Knochenbrechen in Deutschland herabgesetzt wird. Gut zu wissen auch wofür deutsche Soldaten in Afghanistan gestorben sind oder verkrüppelt wurden. Vielleicht denken die Soldaten ja mal daran bei ihrem nächsten Auslandseinsatz. Die deutsche Regierung hat gerade einen Einsatz der deutschen Soldaten im Iran-Krieg abgelehnt, d.h. der kommt demnächst auch noch auf uns zu.

    • @Alberta Cuon:

      Wie soll man mit oder gegen diese Barbaren vorgehen?



      Ich befürchte dieses sind Argumenten gegenüber wenig zugänglich.

  • Was kann Deutschland unternehmen? Gar nichts! Humanitäre Appelle treffen auf taube Ohren. Wirtschaftliche Hilfen landen in den falschen Taschen. Die einzige Sprache die von den Taliban verstanden wird ist Gewalt - und damit sind die westlichen Staaten gescheitert.

  • Sehr schlimm!



    es ist für mich unfassbar, daß Staaten, UN usw. dabei einfach zusehen.



    Da werden Verhandlungen geführt, Talibanführer eingeladen und so getan, als ob das ein "normaler"Neustart eines Landes sei. Dabei ist es nur eine Geiselnahme eines ganzen Volkes - und schon wieder alles im Namen der Religion.

  • Das ist die Spitze des sehr tiefen und sehr breiten Eisberges, der mit derKlimaerwärmung immer mehr unter die Oberfläche der allgemeinen patriarchalen zerstörerischen Gewalten gelangt. Die Fossilen Kriegs Ökonomie Herreschenden mit ihren millitärisch-Indutriellen und KI Tech Komplexen, die massen morden mit KI befeuert unddemnächst wieder auch nuklear wett zu rüsten drohen, Die Bros, die sich kumpelhaft mit den Taliban influencerlich online verbrüdern, die KI Milliardäre, die sich mal links sahen, jetzt aber an der KI massen Tötungs Software mit verdienen wollen + daher sagen: Wir muessen das machen, weil es sonst die anderen mit uns machen! Das ist die Kindergarten Ebene der Gewaltherrschafts Verdummung und hier wollen unsere Herrschenden auch wieder nur gehorchen und mit verdienen dürfen!!? Zeit das da eine terrestrische Revolte gegen aufsteht + eine UN Generalversammlung die Un Res 1325 + UN Reform ins Auge fasst, damit e Erd Demokratie, demokratische Ökonomie starten kann, uns noch als Menschheit solidarisch sozial-ökologisch transformatorisch das Patriarchatr überleben zu lassen.Und: die Taliban Gesetze zu beenden auch vorsehen muss ! #debt4climate! Defend Rojava-free Gaza!

  • Ich kann es einfach nicht mehr hören diese ewige Litanei, dass all das Rückschrittliche was im Namen des Islam begangen wird doch am Ende gar nichts mit dem Islam zu tun habe. Der Bezug auf den Islam ist was die Taliban, die Mullahs, der IS, al-Quaida und Co. als gemeinsamen Nenner haben. Das kann man doch nicht ausblenden. Im Gegenteil, wenn man davon weg will zu einer anderen, besseren Auslegung des Koran und des Islam, dann man muss man sich unbedingt auch mit den problematischen Seiten auseinandersetzen, sich fragen worauf und wie diese begründet werden und was man den entgegenstellen kann. Aber das geschieht nicht , alles Übel wird flugs als dem Islam widersprechend deklariert und zu guter Letzt klagt man überall antimuslismischen Rassismus an.

    • @Fran Zose:

      Ich verstehe nicht, was Ihr Kommentar mit dem Artikel zu tun. Da wird nicht behauptet, das alles hätte nichts mit dem Islam zu tun, sondern dass dem eine Fehlinterpretation des Islam zugrunde liegt (und es insofern natürlich ausdrücklich mit dem Islam zu tun hat).



      Das andere, was möglicherweise Sie ausblenden, ist dass solche Phänomene nun (Gott weiss) nicht auf den Islam beschränkt sind, siehe dazu gerade in der FR: www.fr.de/politik/...fahr-94222630.html



      Und man könnte jetzt auch noch darüber reden, welche Rolle westliche Machtpolitik in der Herausbildung oder bei der Förderung von agressiven Varianten des Islam gespielt hat.

      • @Eric Manneschmidt:

        Wie ich darauf komme? Nun, die Autorin beginnt mit der Beschreibung der frauenverachtenden Zustände in Afghanistan die nun mal in Religiös begründet sind, um dann flugs festzustellen, dass das doch alles nichts mit der Religion, in diesem Fall dem Islam, zu tun hat. Und genau das kann ich nicht mehr hören, denn es hat sehr



        wohl was mit dem Islam zu tun.

        Richtig ist, dass es sich um eine besonders fundamentalistische Auslegung handelt, aber eben doch um eine Auslegung des Islam. Das ganze flugs mit einem Auszug abzutun, wo es heißt die Frau sei gut zu behandeln ist ein bisschen wenig. Denn genauso wird man Zitate finden, aus denen sich die Position der Taliban wird ableiten lassen. Das ist per se kein Alleinstellungsmerkmal des Islam, denn auch in der Bibel kann jeder finden was er will und ich habe nie etwas anders behauptet. Aber darum muss man sich damit auseinandersetzen und nicht reflexhaft behaupten es habe nichts mit der Religion zu tun.

        Aber klar, man kann auch ebenso reflexhaft zu dem Ergebnis kommen, dass am Ende alles die Schuld des Westens ist.

  • Was haben fast 20 Jahre Nato-Krieg gegen Afghanistan gebracht, außer hunderttausende Tote und Leid? Afghanistan ist fast wieder genau da, wo es vor dem Krieg war, die Frauen haben kaum noch Rechte.



    Mit Kriegen lassen sich keine Menschenrechte verwirklichen, weder in Afghanistan, dem Irak, noch jetzt im Iran. Ein Aufstand des Volkes muss immer von innen geschehen.