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Neue Personalie in IranEin radikaler Revolutionsgardist lenkt nun die Geschicke

Mohammad Bagher Zolghadr wird neuer Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrates. Er war Mitbegründer der Revolutionsgarden – und gilt als absoluter Hardliner.

Der Krieg hält an. Und die Islamische Republik ersetzt ihre getöteten Köpfe – durch neue Hardliner Foto: Majid Asgaripour/West Asia News Agency/reuters

Die Position des Sekretärs des Nationalen Sicherheitsrats ist wie ein politischer Seismograf. Sie personifizierte immer das, was in diesem Moment vom iranischen Regime zu erwarten war: Härte oder Geschmeidigkeit, Radikalität oder Pragmatismus – im Inneren wie im Äußeren.

Der getötete Oberste Führer Ali Chamenei besetzte diesen Posten stets mit einem seiner engsten Vertrauten. Zuletzt war das Ali Laridschani. Seit dessen Tod durch einen israelischen Angriff stellt sich die Frage: Wer wird dem Chefstrategen folgen? Und wer bestimmt ihn? Denn Modschtaba Chamenei, neuer Oberster Führer, ist nach Berichten verschiedener iranischer Quellen kaum handlungsfähig. Es gibt sogar ernsthafte Zweifel daran, ob er noch am Leben ist.

Es tauchten deshalb in den Tagen nach Laridschanis Tod zur Neubesetzung unterschiedliche Namen und Vermutungen auf – bis dann am Dienstagmitttag ein Tweet des Regierungssprechers den Namen Mohammad Bagher Zolghadr bekannt gab. Wer ihn ernannt hat, ist unbekannt. Die Wahl sei in Koordination mit dem „geehrtem Führer“ erfolgt, liest man dort vielsagend.

Wer ist Mohammad Bagher Zolghadr?

Dieser Mann, der kaum in der Öffentlichkeit auftritt, verkörperte immer die Unnachgiebigkeit des Regimes – in der Innen- wie der Außenpolitik. Der 71-Jährige gehörte zu den Gründern der Revolutionsgarden und deren Auslandsbataillon, den Al-Quds-Kräften. Und zu den Vordenkern der sogenannten Achse des Widerstands, einem Netz von iranfinanzierten Proxymilizen in der gesamten Region. Er war von Beginn an für Sicherheitsfragen zuständig – und achtete stets darauf, dass die Revolutionsgarden ihren Einfluss behielten und ausdehnten.

Bei allen Großdemonstrationen, die in den letzten vier Dekaden blutig endeten, spielte Zolghadr eine Schlüsselrolle

Die Konzentration der Macht bei den Revolutionsgarden ist bereits ein stetiger, jahrzehntelanger Prozess. Gelenkt wurde er von Männern wie Zolghadr und seiner Generation. Der laufende Krieg hat diesen Trend zweifellos verstärkt – und damit auch ihre Kontrolle über das ganze Land beschleunigt.

Bei allen Großdemonstrationen, die in den letzten vier Dekaden blutig endeten, spielte Zolghadr – wie auch der Sicherheitsrat – eine Schlüsselrolle. Auch der Niederschlagung der Proteste im vergangenen Januar mit Tausenden Todesopfern ging eine Entscheidung des nationalen Sicherheitsrats voraus.

Er schrieb ein Buch namens „Der Untergang Israels“

Auch gegen Reformen im Land fuhr er eine harte Linie: Während der Amtszeit des Reformpräsidenten Mohammad Chatami war er ehlshabers der Revolutionsgarden. Und gehörte damals zu jenen 24 Offizieren der Garde, die ihm gemeinsam in einem offenen, scharf formulierten Brief drohten, seinen Kurs militärisch zu beenden, falls die Reformen weitergingen. Im Jahr 2006 gab Zolghadr ein Buch mit dem Titel „Der Untergang Israels“ heraus. Darin widmete er Ali Chamenei folgende Worte: „Mögen Sie jener tapfere Anführer der ‚Träger der Banner der östlichen Armee‘ sein, der uns (…) auf das Schlachtfeld (…) in Richtung Jerusalem führt. Damit wir nach dem Tod von ‚Israel‘, ein Dankgebet mit Ihnen, dem Imam der Liebe, verrichten können“.

Die durch Berichte belegte Hoffnung der USA, dass auf den Tod hoher Tiere des Systems eine zweite, pragmatischere Reihe folgt, scheint sich bislang nicht zu erfüllen. Und die Macht in der Islamischen Republik bleibt in den Händen eines kleinen Zirkels – der sie von Beginn an kontrollierte.

Mohammad Bagher Zolghadr auf einem undatierten Bild Foto: ap

Doch es zeigt sich eine Ironie der Geschichte: Mohammad Bagher Zolghadr, Autor dieser Widmung an Chamenei, könnte in naher Zukunft als bestimmender Mann im Nationalen Sicherheitsrat einem Kriegsende mit Israel und den USA zustimmen müssen. Falls ein solcher Deal zustande kommt. Man kann davon ausgehen, dass Zolghadr auf Israels Todesliste steht.

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