Neue Ethik bei Foto-Triennale Hamburg: Als die Haarlocke der Mumie in der Elbe versank
Hamburgs 9. Triennale der Photographie macht in 11 Ausstellungen das Foto zum Medium kultureller Wiedergutmachung – und fordert eine neue Ethik des Altruismus.
„Einem Menschen zu begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.“ Heißt, ihn nicht als Vehikel meiner Selbstvergewisserung zu nutzen, sondern als Anderen zu begreifen. Als Person, die meinem Ego Grenzen setzt und für die ich Verantwortung trage: So verstand es der litauisch-französische Philosoph und Shoah-Überlebende Emanuel Levinas.
Dieser altruistischen Idee fühlt sich ausdrücklich Mark Sealy verpflichtet, Professor an der Londoner University of the Arts und Kurator der soeben eröffneten 9. Hamburger Triennale der Photographie. „Alliance, Infinity, Love – In the Face of the Other“ lautet ihr Motto, in Anlehnung an Eden Ahbez’ Song „Nature Boy“, ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Liebe.
Wobei Liebe hier nicht romantisch verstanden wird, sondern als politischer Akt der Fürsorge und Solidarität. Fotografie soll nicht mehr der „gewaltsamen Beobachtung“, sondern der „kulturellen Wiedergutmachung“ dienen. Sealy zielt auf Dekolonisierung und die Sichtbarmachung Marginalisierter. Er will den fotografischen Blick wenden, den Abgebildeten ihre Würde wiedergeben, sie als Subjekt begreifen.
9. Triennale der Photographie: bis 22.9., Hamburg.
https://phototriennale.de/
Da das Motto der Triennale weit gefasst und der Anspruch universell ist, kommt die zentrale, von Sealy kuratierte Schau in den Deichtorhallen mit 31 Positionen als vielstimmiges, mäanderndes Panorama daher. Aus allen Erdteilen kommen die KünstlerInnen, von Queerness über soziale Fragen bis zu aktuellen Kriegen und Kolonialismus reichen die Themen. Da hängt Chuck Stewarts leicht konsumierbares Foto der Jazz-Ikone John Coltrane, aber auch Brenda L. Crofts intensive Porträts von Aborigine-Frauen. Deren Schwarz-Weiß-Fotos wirken wie eine Ahnenreihe, als nähmen sie das Sterben ihrer Kultur vorweg. Auch Babak Kazemis Hausnummernschilder aus der kriegszerstörten iranischen Stadt Khorramshahr hängen wie Gedenktafeln an der Wand. Die Schilder haben die BewohnerInnen überlebt.
Wie schön, der Rassismus ist überwunden
Ein starkes Statement gegen Rassismus setzt dann „The Anonymous Project“ des Briten Lee Shulman und des senegalesischen Fotografen Omar Victor Diop. Der hat sich nachträglich in USA-Familienfotos der 1950er und 1960er Jahre hineinretuschiert. Wie selbstverständlich sitzt er mit der weißen Familie auf dem Sofa, am Esstisch, steht stolz neben dem neuen Auto. Und solange man nicht um die Manipulation weiß, ist man erstaunt, aber beruhigt: Wie schön, der Rassismus ist überwunden, zumindest im Privaten. Allerdings eine Irritation bleibt: Derart perfekt kann die Integration nicht sein, damals wie heute. Es ist eine Illusion. Und so unterlaufen die Fotos unsere Sehgewohnheiten und schaffen neue. Sie machen einen Vorschlag, nehmen Zukunft optisch vorweg. Eine gelungene Intervention ganz im Sinne von Sealys kuratorischer Idee der Ermutigung.
Wozu auch Dekolonisierung gehört, etwa in Mónica de Mirandas Video „As If The World Had No West“. Es zeigt die Wanderung einer Frau durch den angolanischen Teil der Namib-Wüste, vorbei an Ruinen, Überbleibseln des kolonialen Diamantenrauschs, der die Wüste als Rohstofflager sah. Die Wandernde sucht tiefer: nach Natur, nach Spuren und Wegzeichen der eigenen Kultur. Sie begreift die Wüste als Archiv kulturellen Wissens und versucht eine Wiederaneignung.
Auch Teresa Margolles Fotos ausgegrenzter mexikanischer Trans-Sexarbeiter*innen sind ein wichtiger Schritt zur Entmarginalisierung. Es ließen sich noch etliche Werke nennen, jedes bedeutend. Aber die Fülle, mit der diese Schau den Nachrichtenfluss des Alltags reproduziert, ermüdet und droht die gute Absicht zu überlagern.
Aus Sicht des Pharaos
Konzentrierter kommt die Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe daher, die gleichfalls koloniale Wunden zu heilen sucht. Mit Objekten der Antikensammlung des Museums hat die ägyptische Künstlerin Sara Sallam gearbeitet. Sie hat sich gefragt, „ob sie so viel Heimweh haben wie ich, als ich nach Europa kam“ und ihnen zugehört. Herausgekommen ist das Video des entblößten Kopfs Tutanchamuns, den Sallam neu mit Leinen und Blattgold verhüllte.
Für den 19-jährig verstorbenen Pharao müsse es doch ein Schock gewesen sein zu hören, dass jemand nach Tausenden Jahren sein Grab aufbrach. Also hat Sallam die Perspektive gewechselt und aus den Notizen des „Entdeckers“, des britischen Archäologen Howard Carter, einen Monolog des Pharaos gemacht. „Die Geräusche des Zerreißens, Zerfetzens meines Leinengewebes verfolgen mich bis in den Traum“, ist zu hören. „Du hast … die heiligen Gegenstände entfernt, die mich in meinem Schlaf beschützten … und warst begierig, auch noch mein Gesicht zu sehen.“
Klarer lässt sich koloniale Gewalt nicht beschreiben: als Mixtur aus wissenschaftlicher und materieller Gier, die das Gold einer Maske, einer Schutzgöttin höher bewertet als deren rituelle Bedeutung.
Das gilt auch für die Haarlocke einer weiblichen Mumie, die die Künstlerin in einem Umschlag von 1822 fand. Sie stammt von einem preußischen Schiff, das, beladen mit Grabraubgut aus Sakkara, in der Elbe versank. Die zugehörige Mumie fand man nie. Das Fragmentieren und Versteigern von Mumien war um 1900 verbreitet, und zumindest in Großbritannien habe es Partys zum Mumien-Entpacken gegeben, sagt Sallam.
Rückbestattet wurden sie nie. Sara Sallam fand das unwürdig, zumal ihre eigene Großmutter kürzlich – einem Brückenbau weichend – umgebettet und neu rituell bestattet wurde. Also baute die Künstlerin Dioramen, in deren sie Fotos ihrer Großmutter mit dem Hafen von Alexandria verband, von wo das Raubkunst-Schiff gestartet war. Eine symbolische Verbindung mit der Unbekannten ist es geworden, ein Versuch, diese Wunde zu heilen. Den respektlosen Blick auf Körper und Heiligtümer, das gnadenlose Abfotografieren aus kolonialer Perspektive kann sie nicht rückgängig machen.
Der objektivere Blick der Franki Raffles
Wie ein objektiverer Blick gelingen kann, zeigt die erste große Einzelausstellung der 1994 früh verstorbenen britischen Fotografin Franki Raffles. Seit den 1970er Jahren hat sie Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen vor allem in Schottland und der Sowjetunion fotografiert. Feministisch und marxistisch orientiert, zeigt die Autodidaktin Frauen als integralen Teil der Arbeitswelt. In Textil- und Fleischfabrik, im Labor, beim Umbetten einer Patientin, auch in der Landwirtschaft hat sie fotografiert.
Frauen mit „typisch weiblich“ gelesener Körpersprache finden sich auf Raffles sozialdokumentarischen Fotos nie. Die Bauarbeiterin sitzt selbstbewusst und breitbeinig da, die Bäuerin melkt mit robustem Griff ihre Kuh. Teils freischaffend, teils im Auftrag der Stadt Edinburgh oder gemeinnütziger Organisationen nahm Raffles zudem Themen wie häusliche Gewalt in den Blick, den Frauen stets ihre Würde lassend.
Auch auf den jetzt in Hamburg gezeigten Fotos über miserable Lebensbedingungen in Sozialwohnungen bleiben die Menschen selbstbewusst. Denn Raffles sah sich als „Aktivistin mit Kamera“ und trat stets hinter die Fotografierten zurück. Unbeirrt war auch ihr Glaube an weibliche Solidarität im Kampf für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen. Teil dieses Kampfes war es, Frauenbilder im Wortsinn öffentlich zu machen – in Zeitschriften, Ausstellungen, auf Plakaten.
International berühmt wurde Raffles dann 1992 durch die Plakatkampagne „Zero Tolerance“ im Auftrag der Stadt Edinburgh. Die Fotos prangern Vergewaltigung an, indem sie gängige männliche Ausflüchte offenlegen. Das Presseecho war enorm, die Debatte hitzig. Triennale-Kurator Sealy hat die Schau sehr bewusst nach Hamburg geholt. Weil sie so aktuell ist. Und weil sie seiner Forderung nach einer neuen Ethik entspricht.
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