Narzissmus in der Politik: Gefährliche Liebschaften

Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und Ex-US-Präsident Donald Trump werden von Anhängern wie Geliebte behandelt. Eine psychoanalytische Diagnose.

Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz sieht sein Gesicht im Spiegel

Liebt seine Marke womöglich so wie sich selbst: Sebastian Kurz Foto: Leonhard Foeger/Reuters

Der aktuelle Skandal um den Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz erschüttert nicht nur Österreich. Er war bis dahin der absolute Medienstar, von dem Bild-Chef Julian Reichelt noch im Juni meinte, dass ganz Europa die Klarheit seiner Aussagen in der Flüchtlingsfrage brauchen würde.

Wenn man der Staatsanwaltschaft folgt, soll Kurz zusammen mit seiner Entourage zu seinem Vorteil gefälschte Umfragewerte und Zeitungsberichte mit Steuergeld gekauft, illegalen Postenschacher betrieben und Falschaussagen gemacht haben. Wie ist es möglich, dass Österreich nach Haider und Grasser nun schon auf den dritten „jugendlichen Blender mit Erlösungsanspruch“ hereingefallen ist, wie der Journalist Hans Rauscher im Standard schrieb?

Die Hintergründe lassen sich besser verstehen, wenn man auf das Programm der Marke Ich und auf Sigmund Freud Bezug nimmt. Während des neoliberalen Schubs Ende des letzten Jahrhunderts bekam der schon ältere kapitalistische Zwang für die Individuen, ihre Arbeitskraft oder Dienstleistung auf einem Markt erfolgreich zu verkaufen und zu bewerben, noch einmal eine neue Qualität.

Die Marke Ich als Bestseller

Dies geschah etwa zeitgleich mit der Hinwendung der großen Konzerne zur Herstellung und Präsentation von prestigeträchtigen Marken, bei der die Produktion der realen brauchbaren Güter in den Hintergrund trat, zum Beispiel in Billiglohnländer, Sweat Shops und in Subunternehmen verlagert wurde. Die Show und die fantasievollen Gebrauchswertversprechen um die Produkte herum wurden wichtiger als ihre Herstellung und ihr manchmal recht dürftiger Gebrauchswert. Man denke an Red Bull.

Auch dem Arbeitskraftbesitzer wurde nun nahegelegt, einen inneren PR-Berater zu entwickeln, der ihm als ständiger Begleiter dabei hilft, sich zu einer möglichst auffälligen Marke zu stilisieren, die aus der Konkurrenz mit den anderen Anbietern hervorsticht. Für den deutschen Sprachraum waren es die österreichischen Autoren Seidl und Beutelmeyer, die mit ihrem Buch „Die Marke Ich“ 1999 einen Bestseller landeten.

Die erwähnten Führungsfiguren haben das Publikum und ihre Entourage auf eine je eigene Weise erotisiert

Die Menschen sollten zuerst lernen, von sich begeistert zu sein, ja, sich selbst zu lieben. Diese Selbstverliebtheit würde dann die potentiellen Kunden anstecken und die Beliebtheitswerte, den Wert der Ich-Aktie steigern. „Ebenso bewusst sollten Sie die Liebe zu Ihrer Marke Ich® pflegen – und sich nicht Ihrer Selbstliebe schämen.“

Das läuft auf ein Aufgeben der christlichen Hemmungen gegenüber dem Narzissmus hinaus. Nur durch ein „geradezu erotisches Verhältnis zur Marke“ kann es gelingen, erfolgreich das Einzigartige des Markeneigentümers hervorzuheben. Er soll an seiner eigenwilligen Frisur, an Barttracht und Kleidung und an einer durchgestylten Ästhetik des Auftretens möglichst im Bruchteil einer Sekunde erkannt und wiedererkannt werden.

In einer unvollständigen Reihung können wir hier an Karl-Heinz Grasser, Sebastian Kurz, Jörg Haider, Boris Johnson, Donald Trump oder auch den früheren CSU-Starpolitiker von Guttenberg mit seiner nach hinten gekämmten Gelfrisur denken. Trump ist der größte und gefährlichste Vertreter des Marke-Ich-Programms.

Ideal-Ich vs. Real-Ich

Wenn Menschen ihre Unverwechselbarkeit konsequent betonen, würden sie, so wurde uns versprochen, bald so bekannt sein wie Coca-Cola, Johnny Walker oder Mercedes. Allerdings vergaßen die Berater und Coaches, die ihre Schüler das Marke-Ich-Programm lehrten, dass der selbstbewusste Akteur leicht in die Kluft zwischen dem immer glänzenderen Ideal-Ich und dem fleischlichen Real-Ich mit all seinen Schwächen, Fehlleistungen, Alterungsprozessen und Schattenseiten hineinfallen und sich selbst an die Wand fahren kann.

„Ich bin eben auch nur ein Mensch mit Emotionen und auch mit Fehlern“, hieß es kleinlaut in der Rücktrittsrede von Sebastian Kurz. Für den Sturz in die Kluft reicht es schon, wenn man nur einmal versäumt, seine Chats zu löschen oder geschönte Passagen im Lebenslauf vergisst.

Coca-Cola und Johnny Walker können keine narzisstische Krise bekommen oder suizidal werden, wohl aber Menschen, die daran geglaubt haben, wirklich eine herausragende und unzerstörbare Marke zu sein, die dauerhaft in Höchstform ist.

Mancher große Star hat die Kluft mit Drogen oder Alkohol zu überbrücken versucht und ist dabei zerbrochen. Seit ein paar Jahren wird angesichts der Risse und der durchscheinenden Unglaubwürdigkeit, die sich an der Marken-Oberfläche zeigen, von Beratern das neue Heilmittel „Authentizität“ empfohlen. Es wird gerne von den „Ecken und Kanten“ gesprochen, die man als Politiker und Führungskraft zeigen soll. Authentizität und unschuldiges Auftreten können inzwischen trainiert werden.

Das Heroldprinzip

Die Neuauflage der „Marke Ich ®“ 2006 wurde mit dem Zusatz „Jetzt mit Heroldprinzip“ präsentiert – das klingt wie eine Waschmittelwerbung. Die Autoren hatten entdeckt, dass ein ständig wiederholtes Lob des eigenen Ichs doch unglaubwürdig wirkt. Deshalb sollte man dafür sorgen, dass Herolde im ganzen Land Geschichten von der hervorragenden Qualität der Marke verbreiten. Blöd ist nur, wenn herauskommt, dass der Herold beauftragt oder bezahlt worden ist.

Die Kurz’sche Anwendung des Heroldprinzips war außerordentlich erfolgreich, bis aufflog, dass – laut Bericht der Ermittler – die geschönten Zeitungsberichte über Kurz von seinen Leuten bestellt und vom Steuerzahler finanziert worden waren.

Die narzisstische Supermarke oder Zentralfigur auf der politischen Bühne hat um sich herum in der Regel eine Entourage von „Sekundärnarzissten“ versammelt. Sie sonnen sich im Glanz der Zentralfigur, für die sie unangenehme Dinge erledigen oder abfangen. Eine solche „Prätorianergarde“, wie der Kurz-Vertraute Thomas Schmidt es ausdrückte, hat aber auch die Aufgabe, der Zentralfigur immer wieder verstärkende positive Rückspiegelungen (in diesem Fall Liebeserklärungen und „Bussis“) zu übermitteln. Das verstärkt deren Selbstüberschätzung und kann das Scheitern befördern.

Freud hat vor 100 Jahren im Buch „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ beschrieben, wie die Individuen, die in der Masse für eine Führerfigur oder einen großen Star schwärmen, ihre Kritikfähigkeit verlieren.

Quasi-Verliebtheit in den Star

Die Verführung und Verblendung, die in den neuen Medien und ihren Echokammern verstärkt wird, entsteht durch die Mobilisierung von „zielgehemmter Libido“, über eine Quasi-Verliebtheit in den großen Star, dem manchmal sogar messianische Qualitäten zugeschrieben werden. Die geteilte zielgehemmte Libido verbindet dann die isolierten Einzelnen wieder zu einer Masse, in der sie sich wohlfühlen.

Unterstützt wird dies durch das Bild eines gefährlichen äußeren Feindes, den man nicht hereinlässt. Die erwähnten Führungsfiguren haben das Publikum und ihre Entourage auf eine je eigene Weise erotisiert. Dabei ist es laut Freud im Falle der zielgehemmten Libido weitgehend egal, ob sie eher heterosexuell, homosexuell oder bisexuell gefärbt ist.

Es ist wie in der wirklichen Verliebtheit, die wir alle kennen. Das Gegenüber wird idealisiert und zu einer inneren Instanz, kann sogar das Gewissen ersetzen. Seine Schattenseiten, die Verstrickungen in Schuld und Schulden werden von den Gläubigen, so lange wie möglich, verleugnet oder bagatellisiert.

Der Prozess des Umlernens oder der Trauer nach dem Verlust des idealisierten Objekts dauert erfahrungsgemäß Monate oder Jahre. Ordentliche Strafverfahren können diesen Prozess unterstützen.

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ist ein deutscher Psychologe, Psychoanalytiker, Traumatologe, Ethnopsychoanalytiker sowie Professor im Ruhestand der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

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